FH Joanneum: Wo bleibt das Kollegium?

Ernst Sittinger widmet der Auseinandersetzung über den Rektor der FH Joanneum heute einen Bericht und einen Kommentar. Als Mitglied des Kollegiums der FH finde ich es ärgerlich, dass sich dieses Gremium bisher überhaupt noch nicht zu Wort gemeldet hat, und diesem Ärger mache ich wenigstens hier Luft: Die gewählten Vertreter der Lehrenden und der Studenten schaffen es nicht, in einer so brisanten Situation Position zu beziehen und die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu bringen. Dabei wäre nicht einmal schwer. Aber in eingeübter obrigkeitsstaatlicher Haltung duckt man sich, wartet ab, was die da oben machen, jammert darüber und richtet es sich und klagt laut, wenn etwas in die Presse kommt.

Politiker, Interessenvertreter und Beamte positionieren sich auf Kosten der Hochschule. Man hat nicht so viel zu regieren und eigentlich auch nicht das Geld dazu, da möchte man wenigstens über eine Fachhochschule bestimmen. (Von diesem Vorwurf nehme ich die Landesrätin aus, die versucht, eine hochschulgerechte Lösung zu finden.) Sicher ist es schwer, in einem solchen Umfeld hochschulische Autonomie durchzusetzen. Zunehmend habe ich aber den Eindruck, dass die meisten an der FH das gar nicht wollen. Sie wollen, dass man ihnen sagt, wo’s lang geht, und darauf müssen sie wohl nicht mehr lange warten.

WG 3.0

Gestern war ich auf der Einweihungsparty der WG 3.0
, zu der sich drei
bloggende Studenten

zusammengeschlossen habe — ein sehr netter und sehr langer
Abend. Vielen Dank an die Gastgeber!

Ich merke, dass die Dinge, die ich unterrichte, mehr und mehr
Auswirkungen im wirklichen Leben haben, dass Leute zusammenwohnen, die
auch zusammen online sind, dass die Studenten verschiedener Jahrgänge
viel besser untereinander und mit anderen (zum Beispiel unseren Kollegen in Darmstadt) vernetzt sind als noch vor
ein paar Jahren. Gefreut hat mich, dass das
PolitCamp für einige wohl fast eine Initialzündung war, durch
die sie sich mit der österreichischen Web 2.0-Szene (der Ausdruck
ist blöd, ich weiß) verbunden haben.

Gefreut hat mich auch, dass wir über sechs Stunden fast nur über
Dinge gesprochen haben, die mit dem Studium und dem Kommunizieren im Web
zusammenhängen. Nicht, weil ich mich für nichts anderes interessiere,
sondern weil ich merke, dass viele Studenten diese Themen zu ihrer eigenen Sache
machen. Mehr kann man sich als Lehrer eigentlich nicht wünschen. (Damit
meine ich nicht, dass nun alle Journalismus- und PR-Studenten bloggen
und twittern müssen!)

Michael Thurm
hat vorgeschlagen, dass wir etwas wie ein Studiengangs-BarCamp
durchführen, bei dem die Studenten aller Jährgänge zusammen kommen und
sich gegenseitig zeigen, was sie mit sozialen Medien machen und machen
können. Das halte ich für eine sehr gute Idee, die wir
bald verwirklichen müssen. Beim BarCamp
Graz
können wir ja schon üben!

Wer leitet die FH Joanneum?

Ich kommentiere hier einen Artikel in der Kleinen Zeitung, dem meinungsbildenden Print-Organ in der Steiermark: Vollath will sich von FH-Rektor trennen. Es ist mir nicht gelungen, ihn auf der Site der “Kleinen” zu kommentieren: Die Regelung des Logins kommt mir ähnlich wirr vor wie die Berichterstattung in dieser Sache.

[…]

Der Text ist ist unverständlich, kein Leser kann begreifen, um was es geht. Tatsache ist: Die Bildungslandesrätin der Steiermark will sich vom Rektor der FH Joanneum trennen. Dafür gibt es, so weit ich es als Lehrender an der FH und als Mitglied des Kollegiums weiß, verschiedene Gründe. Sie hängen mit der Amtsführung des Rektors zusammen, und mit seiner Loyalität zur “politischen Führung”.

Die Öffentlichkeit wird zur Zeit von allen interessierten Seiten manipulativ informiert. Die Kleine Zeitung macht sich zum Instrument. Sie hat gestern Indiskretionen aus dem Aufsichtsrat der FH kolportiert, die offenbar die Position des Rektors bei den Verhandlungen über eine Vertragsaufösung schwächen sollen. Sie bringt heute ein Interview mit dem Rektor, das PR-Zwecken dient, und politische Stellungnahmen (Fluch, Lechner-Sonneck), die parteipolitisch motiviert sind.

Die FH braucht dringend einen Neuanfang. Ihr guter Ruf ist nicht von den Mitarbeitern, den Lehrenden und Studierenden gefährdet worden, sondern von Provinzpossen in der politischen und administrativen Führung. Das Wichtigste für die FH ist jetzt Unabhängigkeit von politischen Einflussnahmen und eine offene (und öffentliche) Diskussion der Zukunft. Sie kann — das ist meine persönliche Meinung — mit dem jetzigen Rektor nicht gelingen; er hat keinerlei Initiative zur Weiterentwicklung der Hochschule gezeigt. Sie wird auch nicht gelingen, wenn die FH weiter politisiert geführt wird. Die FH muss ihre Position im Wettbewerb europäischer Bildungseinrichtungen behaupten, nicht in steirischen Landtagswahlkämpfen.

Als Mitarbeiter der FH appelliere ich an alle Verantwortlichen und vor allem an die Öffentlichkeit — denn die Hochschule wird vom Steuerzahler finanziert: Stellen Sie sicher, dass sich die FH an akademischen Kriterien orientiert und machen Sie sie nicht noch länger zum Spielball politischer und persönlicher Interessen. Die Studierenden, die Lehrenden und die Steuerzahler haben Besseres verdient!

(Anmerkung, 13.4.2010: An der durch Auslassungszeichen gekennzeichneten Stelle habe ich einen Link auf die PDF-Version des Artikels in der Kleinen entfernt.)

louisgray.com: Dein Blog ist deine Marke!

Ich möchte in diesem Post den Blogger Louis Gray vorstellen. Einerseits, um — vor allem meine Studenten — auf ihn hinzuweisen, andererseits mit der Frage, was diesen Blogger, den vor einem Jahr fast noch niemand kannte, so erfolgreich macht. Und da ich mit mich mit Louis Gray auch beschäftige, um meinen Unterricht vorzubereiten, gehe ich manchmal ins Detail: Ich schreibe langatmiger, als mein Gegenstand ist — aber das ist vielleicht das Schicksal des Lehrenden.

Louis Gray hat es in einem Jahr an die Spitze der amerikanischen Tech-Blogger geschafft. Mark Evans stellt ihn so vor:

These days, one of the hottest one-man shows on the tech blogging scene is Louis Gray, who has literally come out of nowhere in the past few month. Now, Gray is literally everywhere – breaking stories, providing in-depth coverage of new startups such as FriendFeed, and cementing himself within the Techmeme 100 [Who’s Louis Gray? | Mark Evans].

Scouting

Gray lebt im Silicon Valley und schreibt meist über das Web 2.0. Über wichtige Social Media-Dienste hat er als einer der ersten gebloggt. Er arbeitet als Scout und entdeckt Themen, die in der Luft liegen:

I like writing about topics that haven’t already been trodden over a dozen times by other bloggers. While it’s clear I have a serious focus on next-generation RSS readers, link sharing and aggregation, and lifestreaming, I still like talking up Apple, Google, TiVo, or sports. [Who’s Louis Gray? | Mark Evans]

Einen Teil seiner Bekanntheit verdankte er sicher diesen Themen. Aber seine Beliebtheit geht vor allem darauf zurück, wie er sie behandelt.

Der Verbraucher bestimmt die Agenda

Auf dem Gebiet der Technik haben sich in den USA in den letzten Jahren professionelle Blogs durchgesetzt. Das bekannteste ist wohl Arringtons TechCrunch. Vor diesem Hintergrund von Technik-Blogs, die klassischer journalistischer Berichterstattung vielleicht manchmal überlegen sind, aber sich oft nur wenig von ihr unterscheiden, erstaunt es viele besonders, dass eine Person wie Gray so großen Erfolg hat. Aber Grays Erfolg ist eben genau darauf zurückzuführen, dass er wie ein Amateur schreibt, oder besser: dass er nicht den Blickwinkel der Anbieter und Entwickler übernimmt. Er schreibt, könnte man sagen, als ein gebildeter Verbraucher:

I’m one of those odd people with a liberal arts degree who is completely enamored with technology, but can’t code much more than HTML and simple JavaScript, so I cling to all things technology from a consumer perspective. [Who’s Louis Gray? | Mark Evans]

Viele Leser teilen seine Perspektive, wenn auch nicht sein Insider-Knowhow. Gray bietet Service: Man erfährt viel über neue Produkte und ihren Nutzen. Nie überschreitet er das Maß, das für einen Verbraucher und User interessant ist. Er macht Erfahrungen als first user, benutzt neue Tools, spielt mit ihnen und berichtet davon.

Übrigens wird der bloggende Consumer von der Industrie, über die er berichtet, sehr ernst genommen: Interessante Startups im Silicon Valley haben ihn eingeladen, sich an weiteren Entwicklungen zu beteiligen:

Now, I have the ability to make change at some of the most innovative companies, through conversations, where I couldn’t before. Also, I’ve been able to help expose and promote new services that have come to market but aren’t well known, especially in the RSS and lifestreaming arena. [Who’s Louis Gray? | Mark Evans]

Gray reflektiert über diese Rolle und er versteht sie als beispielhaft für neue Formen des Dialogs zwischen Firmen und Kunden. Unter dem Gesichtspunkt des Vendor Relationship Management ist es nicht unwichtig, dass die Diskussion über die Produkte beim Verbraucher stattfindet und nicht auf irgendwelchen Firmen-Sites.

Schreiben als darstellende Kunst

Gray ist ein geschulter professioneller Schreiber. Er bloggt nicht über seinem Beruf, aber er beschäftigt sich wohl auch in seinem day job mit Kommunikation. Unter dem Gesichtspunkt: Was kann man bei ihm für das Schreiben lernen? möchte ich nicht auf einzelne Techniken eingehen, die kann man sich auch bei anderen Autoren abschauen. Was man bei Gray lernen kann, ist die konsequente Selbstinszenierung, die Inszenierung des Schreibenden oder besser: des Beschreibenden, den die Leser beim Beschreiben und bei den Erfahrungen, über die er schreibt, beobachten. Fast kein Post ist nicht situierbar, bezieht sich nicht auf eine datierte und lokalisierte persönliche Erfahrung — und Ort und Zeit dürften jeden faszinieren, der sich für Grays Themen interessiert:

That I get to enjoy the sheer geekery of the Valley at the same time is a major plus as well. [louisgray.com: iPhones Aplenty in Silicon Valley Geek Mecca]

Gray ist kein monothematischer (auf ein Thema beschränkter) Blogger. Er schreibt auch über Sport, über Filme und über seine Familie. In einem seiner Posts denkt er über das Bloggen nach und sagt: Dein Blog ist deine Marke! Durch kein Profil in einem sozialen Netzwerk kann man so viel über sich offenbaren, kann man sein Bild in der Öffentlichkeit so gut gestalten wie durch ein Blog:

it seems to me the clearest, newest definition of a blog is that it is your personal brand. Whether you have tens of visitors or tens of thousands, whether you have dozens of comments or none at all, the content on your blog, in total, represents you, and if done well, can define you, to those who know you well, or those who do not [louisgray.com: New Reality: Your Blog Is Your Brand].

In jedem Post spielt die Person Louis Gray mit, die der Leser kennengelernt hat und gerne begleitet. Es gelingt ihm, salopp gesagt, rüber zu kommen. Wer ihn liest, interessiert sich für den sehr lebendigen Menschen Louis Gray, der genau den sympathischen Geek verkörpert, den viele seiner Leser selbst gern darstellen möchten.

Howard Rheingold spricht vom Schreiben als darstellender kunst. Vermutlich ist jeder erfolgreiche Blogger ein guter Performer, der das Blog als Bühne benutzt. Aber wenige beherrschen diese Kunst so gut wie Louis Gray.