Partizipatorisches Video/Vernacular Video

Mein Post über Video in der PR in der letzten Woche war eine Reaktion auf die Präsentation von Volker Gassner beim PR-Tag in Dieburg. Volker Gassner hat dort vorgestellt, wie Greenpeace die kollaborativen Möglichkeiten des Webs nutzt oder nutzen will, und dazu gehört eben auch Video.

Ein Gesichtspunkt dabei, aber sicher nicht der einzige, ist die Möglichkeit, durch Video-Streaming in Echtzeit zu informieren. Im folgenden Kurzinterview fasst Gassner zusammen, was für Greenpeace am Web 2.0 wichtig ist:

Mich interessiert, wenn ich es etwas steil formuliere, welche Möglichkeiten ein episches Video im Brechtschen Sinn hat, also Video, das die Handlungsmöglichkeiten der Zuschauer vergrößert und das damit selbst Bestandteil und Instrument einer collective action ist. Es ist eine Alternative zu dem üblichen aristotelischen Video, das auf eine emotionale, innere Wirkung zielt. Dabei geht es mir nicht nur um politischen Aktivismus, sondern darum, wie man Video in der alltäglichen Kommunikation einer Firma, einer Organisation oder auch einer Gemeinde benutzen kann. Sicher ist dabei die Grenze zum didaktischen Video und damit zu einer bekannten Gattung fließend.

Erst jetzt bin ich darauf gekommen, dass es einen Begriff für das gibt, was ich meine, nämlich partizipatorisches Video. Partizipatorisches Video ist Video das bestimmte Gruppen anspricht, um mit ihnen gemeinsam zu handeln. Dazu braucht es nicht nur didaktische Qualitäten sondern muss zugleich motivieren und eine offene, von den Adressaten gestaltbare Situation zeigen. Viele Informationen über partizipatorisches Video bietet die Website von Insight, z.B. diese Einführung in das Thema:

Im Blog zu Howard Rheingolds Buch Smart Mobs findet sich einiges Material zu Möglichkeiten und Formen des partizipatorischen Video, z.B. hier, hier, hier , hier und hier.

Howard Rheingold hat auch einen Begriff gefunden, der trifft, was an partizipatorischem Video eigentlich neu ist; er spricht von vernacular Video, also Video als Volkssprache, nicht nur als Ausdrucksform einer Elite mit Zugang zu teuren und schwer zu beherrschenden Produktionsmitteln:

Das sind nur erste Notizen; für mich ist dieses Gebiet neu, ich habe selbst keine praktischen Erfahrungen mit Video. Ich bin mir sicher, dass die media literacy, von der Rheingold spricht, schon heute Video umfassen sollte, und dass zu ihr die hypermediale Verwendung von Video gehören muss, ein nichtlineares Erzählen im Kontext von anderen Informationen.

Zu Olaf Breidbach, Neue Wissensordnungen (Fortsetzung)

(Eine zweite Notiz zu Olaf Breidbachs Buch Neue Wissensordnungen, das ich gestern zuende gelesen habe. Auf Breidbachs deutliche Unterscheidung von Information und Wissen bin ich hier eingegangen.)

Ich habe Breidbachs Buch gekauft, weil mich die Frage des Untertitels Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht interessiert hat. Treffend ist dieser Untertitel nicht. Breidbach sagt vor allem, dass Wissen eine kulturelle Interpretation von Daten und Informationen ist; wie sie im einzelnen geschieht, beschreibt er nicht. Breidbachs Buch ist vor allem eine Kritik an der Vorstellung, es gebe so etwas wie eine Ordnung, die alles wirkliche und mögliche Wissen umfasst. Die neuen Wissensordnungen, von denen er spricht, sind dynamisch und zunächst lokal.

Zwei Wege, die nahe liegen, wenn man überhistorische Theorien des Wissens ablehnt, schlägt Breidbach nicht ein: die radikale Historisierung des Wissens, die es ablehnt, nach mehr als historischen Ordnungen zu fragen (diese Position ordnet Breidbach ausdrücklich Michel Foucault zu), und die Hermeneutik, die Wissen rekonstruiert, indem sie Konzepte des untersuchten Wissens übernimmt und zugleich den Abstand zwischen den eigenen Voraussetzungen und denen der interpretierten Konzepte reflektiert. Mit Hermeneutik beschäftigt sich Breidbach nicht ausdrücklich.

Das argumentative Gewicht des Buchs beruht nicht auf den Aussagen über die neuen Wissensordnungen, die immer sehr vage und vorläufig sind und sich möglicherweise mit Methoden wie denen der Actor Network Theory füllen und präzisieren ließen (z.B. was die Beziehungen zwischen Lokalem und Globalem angeht). Gewicht hat das Buch vor allem in seiner Kritik an allen Vorstellungen von Wissen als einer abschließbaren symbolischer Repräsentation der Realität, sei es die frühneuzeitliche Universalwissenschaft, seien es Expertensysteme.

Dabei enthält das Buch verschieden Argumentationen gegen das Verstehen von Wissen als symbolischer Repräsentation: Das Scheitern der Operationalisierung solcher Ansätze in der KI spielt für Breidbach eine wichtige Rolle, ebenso die These, dass diese Konzepte letztlich auf nicht mehr haltbaren theologischen Voraussetzungen beruhen (Gott sorgt dafür, dass der Mensch die Welt adäquat versteht.) Die wichtigste und wohl auch originellste Argumentation beruht auf der Evolutionstheorie: Wenn Wissen letztlich in evolutionären Prozessen entsteht, und wenn die Evolution nicht von einem intelligent design abhängig, sondern zufällig ist, dann gibt es keinen Grund dafür, die Entwicklung des Wissens teleologisch als Annäherung an die sich immer mehr erschließende Realität zu verstehen.

Eine interessante Ebene des Buchs bilden Breidbachs Reflexionen über die Metaphorizität und Nichtmetaphorizität der Begriffe, mit denen man über Wissen spricht. Für Breidbach gehören Unbestimmtheit und Offenheit zu kognitiven Prozessen, und sie drücken sich in einer metaphorischen Sprache, z.B. in Ausdrücken wie Netzwerk, aus. Diese Metaphern lassen sich aber durch Kritik und Explikation auflösen; die Sprache, in der man über das Wissen spricht, ist für Breidbach nicht notwendig metaphorisch. So wie Breidbach das Wissen einerseits historisiert und andererseits von Ordnungen des Wissens spricht, so erkennt er die Metaphorizität des Ausdrucks von Wissen an, glaubt aber, sich ihr entziehen zu können.

Was bedeutet das für die Themen, mit denen ich mich beschäftige, also für die Vermittlung und Erzeugung von Wissen mit Online-Medien? So etwas wie eine direkte Anwendung finde ich nicht, das würde dem Buch nicht gerecht. Interessant in Hinblick auf den Journalsmus ist, was Breidbach über die Abhängigkeit jedes Wissens von Strukturen (damit meint er materielle Voraussetzungen im weitesten Sinn, z.B. Apparate und Praktiken) sagt. Die journalistischen Methoden (von der Interviewtechnik bis zum check!, cross check! double check!) lassen sich wohl ganz ähnlich wie wissenschaftliche Methoden beschreiben, auch in ihnen geht es um die Erzeugung von Wissen, und auch die journalistische Arbeit hängt von technischen und institutionellen Voraussetzungen und von erlern- und tradier- aber nur zum Teil beschreibbaren Praktiken ab. Speziell im Online-Journalismus verändern sich die Strukturen radikal, insbesondere dadurch, dass und wie Daten journalistisch relevant werden. Andererseits entstehen neue Praktiken, z.B. der Kommunikation in sozialen Netzwerken oder auch auf BarCamps.

Noch wichtiger könnten Breidbachs Argumentationen für Kommunikationspraktiker als garde-fou gegenüber vorschnellen Totalisierungen sein. Breidbach zeigt, dass Wissenstopologien allenfalls lokal und provisorisch sein können. Das betrifft auch die Darstellung von Wissen bis hin zur Strukturierung von Websites. So wäre zu überlegen, welche Rolle metaphorische Topologien (etwa Wissensnetze) überhaupt bei der Präsentation von Wissen spielen können, und wie sie z.B. mit anderen Formen der Kontextualisierung von Informationen verbunden werden können.

Start mit dem Social Media Classroom — Community of Practice im Entstehen

Wir arbeiten jetzt seit zwei Wochen mit dem Social Media Classroom. Wir benutzen ihn für zwei Lehrveranstaltungen (PR im Web, Webbasiertes Arbeiten) als Content Management System und als einen virtuellen zusätzlichen Unterrichtsraum. An den Kurs über webbasiertes Arbeiten gekoppelt ist eine Schreibwerkstatt, in der einige der behandelten Tools gleich verwendet werden können. In der Veranstaltung zum webbasieren Arbeiten soll eine von den Studenten gepflegte Wissensbasis entstehen; abgesehen von 7 Rahmenthemen bestimmen die Studierenden selbst, was sie lernen wollen; für die Note wird bewertet, was und wie sie zur Wissenbasis beitragen, nicht was sie individuell als Wissen in einer Prüfung demonstrieren können. Das Wissen der Lehrenden wird also als Ressource genutzt, die inhaltliche Steuerung ist aber Sache der Studierenden.

Es ist natürlich viel zu früh für eine Einschätzung, ob dieses Konzept funktioniert. Die Studenten brauchen zuerst (wie ich auch) eine Zeit, um das Konzept zu verstehen und mit der Technik umgehen zu können, und diese Einarbeitungsphase ist nicht einmal abgeschlossen. Eine ganze Reihe der Studenten haben gesagt, dass es ungewohnt für sie ist, die verschiedenen Tools, die im Social Media Classroom zusammengefasst sind (Wikis, Blogs, Social Bookmarks, Foren und Chat) zusammen zu benutzen, obwohl sie meisten von ihnen einzeln kennen und verwenden. Gestern hatten wir die ersten Themenpräsentationen durch Studenten in der gesamten Gruppe; dabei hat mich überrascht, wie engagiert sich die Studenten mit den Inhalten beschäftigt haben. Ich bin schon nach dieser Sitzung ziemlich sicher, dass sich die eher technischen Themen (die für eine Reihe der angehenden Kommunikatoren und Journalisten fremd sind) so besser vermitteln lassen als im Lehrervortrag.

Die eigentliche Schwierigkeit liegt, glaube ich, darin, in der Lehre eine Community of Practice aufzubauen. Das wäre leichter, wenn wir an unserem Studiengang bereits eine solche Community wären, in die die neuen Studenten hineinwachsen könnten. Das PolitCamp im letzten Jahr war für viele Studenten ein Initiation, bei der sie erlebten, wie in einer Gruppe von Leuten kommuniziert wird, die mehr oder weniger alltäglich im Web Wissen untereinander austauschen. Wir müssen uns im Studiengang mehr als offene Gruppe verstehen und organisieren, in der der Wissensaustausch (intern und extern) selbstverständlich ist.

Ich kann das leider in dieser Anfangsphase nur so vage andeuten; die Vorstellungen von Studenten wie Luca und Michael, dazu, wie Kommunikation an einer Hochschule gelehrt und gelernt werden kann, gehen wohl in dieselbe Richtung. Im Augenblick kreieren wir im Unterricht die Community of Practice, in die der Unterricht einführen soll. Das ist ein spannender Prozess, der sich schon jetzt auch auf die Kommunikation unter den Lehrenden auswirkt. Zum ersten Mal arbeiten wir spontan als eine Gruppe, die sich um mehrere Lehrveranstaltungen zugleich kümmert. Ich habe auch den Eindruck, dass wir die Querverbindungen zwischen verschiedenen Lehrveranstaltungen noch nie so gut als ein zentrales Element des Unterrichts verstanden haben.

Webmontag Graz: Ein Gespräch über Tumblelogs

Gestern abend: Zweiter Grazer Webmontag in der Scherbe — eher ein Stammtisch als ein Mini-Barcamp. Einige Diskussionen darüber, ob das Grazer Designcamp und das nächste Grazer Politcamp, die beide am vorletzten Maiwochenende stattfinden sollen, zusammengelegt werden können. Mir gefällt die Kombination; beide Veranstaltungen würden gewinnen.

Unter den 20 – 30 Grazer Geeks war Henriette Zirl, die mir einiges über ihr Blog und über Chyrp erzählt hat, das Tumblelog-CMS, mit dem sie es betreibt. Tumblelogs sind Weblogs, in denen vor allem Fundstücke und Zitate aneinandergereiht werden; eine sorgfältige diskursive Darstellung, Kommentare oder Widgets zur Erschließung der eigenen oder der Verknüpfung mit anderen Inhalten spielen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das bekannteste Tumblelog-System hier in Österreich ist soup, hinter dem u.a. Christopher Clay steht; international wird wohl tumblr am meisten für gehostete Tumblelogs benutzt. Chyrp ist ein System für Tumblelogs auf dem eigenen Server; beim letzten Grazer Barcamp hat Peter Scheir es erwähnt. (Henriette hat mir gestern erklärt, dass soup keine selbständigen Pages erlaubt, so dass man nicht z.B. kein Impressum anlegen kann.)

Tumblelogs faszinieren mich, aber ich habe noch nie länger mit jemand gesprochen, der wirklich ein Tumblelog betreibt. Henriettes Blog zeigt, dass Tumblelogs alles andere als chaotisch sind, sie sind kein Mischmasch, sondern Sammlungen von Präparaten, Fundstücken und Nahaufnahmen, denen keine Ordnung übergestülpt wird. Das Bloggen wird zu einer seiner Essenzen konzentriert; Tumblelogs sind Blogs, in denen sich die Kommentare fast vollständig auf den Blick beschränken, mit dem die Elemente ausgewählt werden — das Gegenteil von dem, was ich hier mache, obwohl ich auch an eine Sammlung von Fundstücken dachte, als ich begonnen habe zu bloggen.

Ich hoffe, dass Henriette bald auf die FH in eine Übung zum Schreiben im Web kommt. Abgesehen davon, dass ich das Gespräch gerne fortsetzen würde: Von ihr könnten unsere Studenten lernen, wie eng beim Online-Schreiben der Zusammenhang von Inhalt und Form und wie wichtig die Aufmerksamkeit für die scheinbar nur technischen Details der Content Management Systeme ist, die man dabei benutzt.

Video in der PR: Aufmerksam machen oder zur Aktion aufrufen?

Gestern habe ich (für unsere Lehveranstaltung Multimedia Art) nach Beispielen dafür gesucht, wie Online-Video in der PR verwendet wird. Das Material, das ich gefunden habe, kann man nach zwei Gesichtspunkten ordnen:

  1. Wie wird Aufmerksamkeit erzeugt?
  2. Wie werden die Benutzer involviert? Welche Art von Kollektiv oder Gruppe bilden Sender und Empfänger gemeinsam?

Zum ersten Aspekt: Ich habe den Eindruck, dass Video als PR und vielleicht auch als Marketing-Instrument vor allem in Beziehung und auch in Opposition zu traditionellen Formaten für Bewegtbild verstanden wird, also zu Kino und Fernsehen. Oft geht es dabei um das Verhältnis von Kultur und Subkultur; das Online-Video ist eine subkulturelles Phänomen, das von der Kultur oder Hochkultur immer wieder angeeignet werden kann. YouTube ist ein Beispiel für eine Plattform, die die besonderen Vorteile der Subkultur zur Erzeugung von Aufmerksamkeit bietet, aber gleichzeitig schon in die offizielle Kultur übergegangen ist. Dabei scheinen sich Kultur und Subkultur immer gegenseitig zu spiegeln und nachzuahmen. Im Verhältnis des Senders zum Empfänger unterscheiden sie sich nicht grundlegend; die Subkultur lässt aber mehr Sender (potenziell jeden) und Inhalte zu, die gegen die Konventionen der Hochkultur verstoßen. (Damit will ich nur einen Ausgangspunkt formulieren; ich müsste mich mit Theorien der Subkultur beschäftigen, um diese Mechanismen bzw. meine Kriterien zu reflektieren.)

Beispiel für ein virales Video (gefunden in The Secret Strategies Behind Many “Viral” Videos):

Zum zweiten Aspekt: Organisationen und Firmen verwenden Videos auch, um gemeinsam mit Adressaten aktiv zu werden; Beispiele sind Greenpeace-Kampagnen und natürlich auch die Obama-Kampagne bzw. ihre aktuellen Fortsetzungen. Hier dient Video vor allem dazu, Informationen mit Adressaten auszutauschen und möglichst direkt, eventuell auch zeitgleich (Streaming) mit ihnen zu kommunizieren. Video ist ein Kommunikationskanal mit spezifischen Möglichkeiten; z.B. lassen sich Dinge sehr leicht demonstrieren. Gerade hier ist die Verbindung von Video und mobiler Kommunikation interessant.

Beispiel für ein Video als Element einer kollektiven Aktion:

Die beiden Aspekte lassen sich nicht voneinander trennen, aber einer dominiert in der Regel. Wenn ein Firma eine eigene Site mit Material zu ihren Kult-Commercials ins Netz stellt (wie Anheuser-Busch Extras), kommt es ihr auf Aufmerksamkeit an, aber gleichzeitig bildet sie eine Community um sich herum und richtet einen Feedback-Kanal ein. Damit wird kollektives Handeln möglich, oder aber: Seine Möglichkeit wird wenigstens suggeriert. Umgekehrt muss auch jedes Video, das als Medium in einer Aktion verwendet wird, Aufmerksamkeit erzeugen. Eine interessante Hybrid-Form ist das Greenpeace-TV (noch in Beta-Version), das zum einen Kampagnen-Charakter hat, also zu konkreten Informationen aufruft und die dazu nötigen Informationen vermittelt, und zum anderen mit Mitteln der Videoästhetik Aufmerksamkeit erreicht, diese Mittel aber gegen den Strich bürstet. Beispiel:

Ist das eine Ausnahme oder ein Vorbild für Video in der Online-PR? Kann ein Video gleich gut Aufmerksamkeit erregen und zur Aktion anleiten? Oder besteht immer eine Spannung zwischen der Darstellungs- und der Kommunikationsaufgabe, bei der eine Seite das größere Gewicht hat?

Unterrichtsvorbereitung: Webbasiertes Arbeiten

Heute beginnt bei uns die Lehrveranstaltung Webbasiertes Arbeiten 2. Wir wollen dabei zum ersten Mal den Social Media Classroom verwenden, der im vergangenen Jahr zuerst für den Unterricht Howard Rheingolds entwickelt wurde. (Wir benutzen den Social Media Classroom bei demselben Jahrgang auch für eine Einführung in die Online-PR.) Dabei versuchen wir, in den Web-bezogenen Lehrveranstaltungen mit einem Team von Lehrenden zu arbeiten, das selbst Teil der learning community ist, die entstehen soll.

Wir wollen uns in diesem Semester auf sieben Themen konzentrieren; vorausgegangen ist eine Einführung in einige Aspekte des Webs, vor allem das Schreiben von HTML, im vergangenen Semester. Ich überlege gerade zum letzten Mal, ob die Auswahl der Themen für das Semester stimmt. Die Studenten werden zu jedem Thema ein Team bilden, das wichtige Inhalte der ganzen Gruppe präsentiert. Darauf soll sich dann die ganze Gruppe mit dem Thema beschäftigen, jede Studentin wird zu jedem Thema zweimal im Lauf des Semesters wenigstens einen Wiki- und einen Blogbeitrag verfassen, der die „knowledge base“ des Social Media Classrooms erweitert. Wichtig ist, dass in der ersten Phase der Arbeit (nach der ersten Präsentation des Themas) von der Gruppe Fragen formuliert werden, die dann nach Wichtigkeit bewertet werden. Im Lauf des Semesters sollen die wichtigsten dieser Fragen beantwortet werden. Die Studierenden können ihre Arbeitsergebnisse in Übungen diskutieren, und sie sollen ihren eigenen Lernfortschritt in Blogposts dokumentieren und reflektieren. Inhaltlich sind sie — abgesehen von der Auswahl der Rahmenthemen — frei; auch für einen großen Teil der Vermittlung sind sie im Sinne des Lernens durch Lehren selbst verantwortlich, wobei die Lehrenden die Teams unterstützen und ihr eigenes Wissen so umfassend wie möglich zur Verfügung stellen. (Das didaktische Konzept für diese Veranstaltung hat vor allem Anastasia Sfiri entwickelt, und ich bin gespannt, ob es funktioniert.)

Folgende Themen sollen behandelt werden:

  1. Browser und Browsererweiterungen (wichtige aktuelle Browser, auch auf mobilen Plattformen; Flash und Silverlight; Browser und Web-Applikationen)

  2. Newsfeeds und Aggregation (RSS und Atom, Erweiterungen, Mashups/aggregierte Feeds aus verschiedenen Quellen, Life Streams)

  3. Wikis und kollaboratives Arbeiten im Web (Zweck von Wikis, Wiki-Markup, Strukturierte Information in Wikis)

  4. Mindmaps und Note Taking (Basics, Open Source-Tools, Mindmaps als Präsentationsmittel, Organisation von Schreibprozessen mit Notiz-Tools, Online-Bibliographieren)

  5. Cascading Stylesheets (Grundlagen, Design von HTML-Fragmenten, Layouts mit CSS)

  6. Präsentationen im Web (Publikation von Präsentationen im Web, Tools zum Erstellen von Präsentationen im Web, webbasierte Präsentationsformate wie S5)

  7. Suchmaschinen (Syntax, spezialisierte Suchmaschinen, Echtzeit-Suche, Suchstrategien)

Ich hoffe, dass diese Auswahl die wichtigsten praktischen Arbeitsmittel für den textorientierten Web Worker umfasst (einiges, z.B. Blogging, Microblogging, Social Bookmarking, HTML-Authoring mit Markdown, wurde schon im ersten Semester behandelt). Gibt es Alternativvorschläge, Ergänzungen oder Modifizierungen? Ich wäre für eine Diskussion sehr dankbar, und hoffe da natürlich auch auf die Studenten. Zwei große Lücken sehe ich jetzt schon: Einerseits das Verhaltenslayer von Webdokumenten, also alles, was mit JavaScript und Ajax zusammenhängt, und andererseits Editoren. JavaScript und Co. muss ich wohl im folgenden Semester unterbringen; auf Editoren kann ich vielleicht im Lauf der Arbeit und bei der Betreuung der einzelnen Teams eingehen.

Wieder unter Wasser

Klee_Paul: Hauptweg und Nebenwege; Museum Ludwig, Köln

Seit Beginn des neuen Semesters an der Fachhochschule bin ich in einem Zustand, den ich unbedingt vermeiden wollte: unter Wasser. Ich schleppe zu viele alte, nicht abgeschlossene Projekte mit mir herum, und gleichzeitig beginnnen zu viele neue. Trotzdem nehme ich mir vor, wieder regelmäßig zu bloggen — und sei es nur, dass ich reflektiere, was ich am Vortag im Unterricht erlebt habe. Ich hoffe, dass es mir besser gelingt, mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, wenn ich täglich schreibe. Ich werde wenigstens die Zeit vor 9:00 (vor 8:30, wenn da mein erster Unterricht beginnt) dazu verwenden, und in dieser Zeit wird mich niemand erreichen können — außer durch Lesen danach.

Ich muss mich bei den Verfassern der wirklich interessanten Kommentare dieses Blogs in den letzten Wochen entschuldigen; ich bin nicht einmal dazu gekommen, sie zu beantworten. Ich hoffe, ich kann das in neuen Einträgen tun.

Vielleicht wird sich der Charakter dieses Blogs ändern, wenn ich darin noch mehr meine Arbeit reflektiere: Für Menschen, die in einem ganz anderen Zusammenhang leben, ist das wahrscheinlich schlicht langweilig. Und es ist vielleicht auch nicht besonders passend, wenn ich als Lehrer an einer Hochschule über Probleme, Nichterledigtes und Schwierigkeiten schreibe. Ich glaube aber, dass sich dadurch, dass wir immer mehr nicht nur eine schriftliche, sondern eine hypermediale Existenz führen, die Beziehungen zwischen Leben/Biografischem hier und Arbeit dort ändern: Man lebt und arbeitet zugleich im Zustand der perpetual beta, man überschreibt die alten Versionen immer wieder mit neuen, man verlinkt die Versionen zugleich miteinander, und man überlässt es dem Zufall, wer wo andockt. Man kann Vorläufiges und Unfertiges schreiben, in der Hoffnung, dass es aufgegriffen wird und sich anders fortsetzen lässt, als man es selbst geplant hat. Diese Vernetzungschancen kann man wohl nur ergreifen, wenn man auch bereit ist, gelegentlich dumm zu erscheinen. Man muss vielleicht bereit sein, Gedanken zu äußern, die klischeehaft sind, auf Misverständnissen beruhren und zeigen, was man nicht verstanden habt — nicht in der Haltung der affektierten Bescheidenheit, sondern weil man tatsächlich mit seinen Grenzen leben muss und auf andere, z.B. Studenten, Kollegen und Kommentatoren, angewiesen ist.

Einmal mehr: Wissenschaft und Fachhochschul-Ausbildung

Der Workshop in Rostock hat mich auch interessiert, weil ich mich frage, wie man den besonderen akademischen Charakter des Studiengangs beschreiben kann, an dem ich arbeite. In welchem Verhältnis steht die praktische Ausbildung von Journalistinnen und Kommunikatoren an einer Hochschule zur wissenschaftlichen Ausbildung? In der kurzen Zeit in Rostock habe ich einen Einblick in die Kommunikations- und Argumentationkultur des Kollegs erhalten: Zu ihr gehört eine sorgfältige Reflexion des eigenen Vorgehens vor dem Horizont der Methodendiskussionen in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten.

Die Rostocker Studierenden stellten während des Kolloquiums eigene mediale Prduktionen vor — eine Ausstellung, Websites und ein Magazin, also die Ergebnisse von Ausflügen in das vor- und außerakademische Terrain. Wenn ich es richtig sehe,haben die meisten von ihnen die mediale Reflexion ihrer Dissertationsthemen als Ergänzung ihrer wissenschaftlichen Arbeit verstanden, in der sie sich mit Aspekten ihres Themas beschäftigen konnten, die sie in ihren Dissertationsvorhaben ausklammern müssen. Wäre es sinnvoll, wenn diese Stipendiaten auf eine professionelle Medienproduktion vorbereitet würden, also z.B. Veranstaltungen zur Konzeption von Websites oder zum Magazinjournalismus besuchen würden? Und wäre es sinnvoll, wenn wir unsere Studierenden zu einer Reflexion ihrer Methoden anhalten würden, die sie auf eigene geisteswissenschaftliche Publikationen vorbereiten würde?

Ich habe neulich versucht, die Ausbildung von Kommunikatoren an einer Fachhochschule deutlich von einer wissenschaftlichen Ausbildung zu unterscheiden; Thomas Pleil hat meiner Argumentation in einem Kommentar widersprochen, dem ich wiederum in Vielem nicht widersprechen würde. Der Hintergrund für mein Post war, dass wir an unserem Studiengang den Studenten noch nicht genug praktisches Schreiben und Kommunizieren beibringen; es ging mit nicht so sehr um die wissenschaftliche Fundierung der Lehre. Dabei bedeutet übrigens Wissenschaft speziell an unserem Studiengang einerseits empirisches sozialwissenschaftliches Arbeiten: im Kleinen das, was ein Christoph Neuberger in seinem Institut konsequent und sehr anspruchsvoll betreibt, und andererseits eher interpretierendes, textorientiertes geisteswissenschaftliches oder kulturwissenschaftliches Arbeiten: im Kleinen das, was an dem Rostocker Graduiertenkolleg konsequent betrieben wird.

Durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge werden die Pakete, die wir schnüren können, kleiner, und es ist noch wichtiger, sich über das Verhältnis von wissenschaftlichen und praktischen Inhalten Gedanken zu machen. Diese Umstellung macht es aber gleichzeitig auch noch wichtiger, das Verhältnis zu anderen Studiengängen zu klären. Ein Ziel der Umstellung ist es ja, dass die Studenten ihren Bachelor und ihren Master an verschiedenen Hochschulen machen können. Für uns stellt sich damit die Frage, welche Masterstudiengänge unsere Bachelor-Studenten besuchen können sollen, und ob und wo unsere zukünftigen Master-Studenten das Doktorat erwerben können. (Unser Bachelor hat gerade begonnen; das Curriculum lässt uns einige Spielräume; die Duchlässigkeit von Fachhochschulstudiengängen zu den Universitäten ist ein offenes Problem.)

Unabhängig von einer wissenschaftlichen Disziplin verlangen die Berufe, auf die wir vorbereiten, Kompetenzen, die zur wissenschaftlichen Arbeit gehören: methodisches Vorgehen, Fähigkeit zur Kritik und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wichtig ist vor allem, dass die Studenten wissenschaftliche Ansprüche an die Begründbarkeit von Aussagen kennenlernen und sich aneignen. Nicht gut nachvollziehen kann ich die Idee, dass wir angewandte Journalistik und PR unterrichten. Könnte man das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis nicht eher analog zum Theater sehen? Die Ausbildung von Schauspielern und Regisseuren ist nicht angewandte Theaterwissenschaft. Aber für ein sich selbst reflektierendes Theater sind die Ergebnisse der Theaterwissenschaft (und anderer Humanwissenschaften) wichtig; wenn man Regisseure ausbildet, wird man sie berücksichtigen.

Vielleicht kann man es so formulieren: Unsere Studierenden sollten lernen, mit Ergebnissen der kommunikationswissenschaftlichen Forschung kompetent umzugehen. Dazu gehört ein Einblick in wissenschaftliche Methoden, der am besten durch eigene propädeutische Arbeiten gewonnen werden kann. Dazu gehört, dass sie von Lehrern unterrichtet werden, die selbst wissenschaftlich arbeiten. In der PR/Unternehmenskommunikation ist es außerdem sinnvoll, dass sie wissenschaftliche Verfahren kennenlernen, die sich in ihrem Beruf z.B. zur Messung des eigenen Erfolgs benutzen können. Sie werden aber in einem praktisch orientierten Bachelor-Studium wissenschaftlich nicht das Niveau erreichen können, das ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium vermittelt — während sie als Journalisten oder Kommunikatoren nach einem Bachelor-Studium zu produktiver professioneller Arbeit in der Lage sein sollten.

Das bedeutet, dass unsere Bachelor-Absolventen weniger gut als Bachelor-Studenten einer Universität auf ein wissenschaftlich ausgerichtetes Masterstudium vorbereitet sind — so wie umgekehrt Bachelor-Absolventen von der Uni nicht die praktischen Kenntnisse mitbringen werden, die sie für ein Masterstudium bei uns benötigen. Die Unterschiede lassen sich nur durch Zusatzangebote ausgleichen. Am einfachsten wäre es, dass Fachhochschulen und Universitäten Veranstaltungen für Studierende der anderen Einrichtung öffnen; Studenten von uns, die bestimmte Zusatzveranstaltungen an der Uni besucht haben, könnten dann ein Masterstudium an der Universität besuchen und umgekehrt. (Das hört sich leicht an, aber angesichts der Durchbürokratisierung der Hochschulen dürfte es ziemlich schwierig sein, ein solche Vorhaben umzusetzen.)

Noch einmal anders ausgedrückt: Ziel unserer Ausbildung sind kommunikative/persuasive Kompetenzen, die wissensbasiert und auch wissenskontrolliert sein sollten. Die wissenschaftliche Orientierung der Ausbildung soll sicherstellen, dass die Studierenden lernen, Wissen zu vermitteln (also erkennen können, was es wert ist, vermittelt zu werden) und dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse benutzen können, um ihre eigenen kommunikativen Fähigkeiten zu erweitern. Auf der ersten Ebene sollten sie zum Beispiel dazu in der Lage sein, Fachleute zu einem bestimmten Thema zu identifizieren und zu befragen; auf der zweiten Ebene dazu, wissenschaftliche Studien zu Journalismus und PR zu verstehen und für ihre Arbeit zu übersetzen.

(Anmerkung: Ich komme erst heute, am 3.3., dazu, den Beitrag zu publizieren.)

Welche Gruppen sind "blog-affin"?

Heute sitze ich den ganzen Tag im Zug und kann etwas nachschreiben: In den letzten beiden Wochen bin ich leider kaum zum Schreiben gekommen. Noch immer schaffe ich es nicht, unangestrengt und nebenbei zu schreiben. Es dauert zu lange; deshalb tröpfeln die Einträge nur.

Gestern habe ich vor einem Graduiertenkolleg in Rostock einen Vortrag über Wissenschaftsblogs gehalten; die Einladung verdanke ich meinem Freund Klaus Hock, der in Rostock Religionswissenschaft unterrichtet. Ich hatte mich mit wissenschaftlichen Blogs vorher nicht beschäftigt; mein Vortrag (Präsentation hier), ist eine sehr allgemeine Einführung in das Bloggen für Wissenschaftler. Ich wollte erkären, was Blogs sind und warum es für Wissenschaftler sinnvoll sein kann zu bloggen. Ich habe mich nicht intensiv damit beschäftigt, welche Typen von wissenschaftlichen Blogs es gibt. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ethographische Analysen von akademischen Blogs sinnvoll wären — als Teil der Wissenschaftsforschung wie der Internetforschung.

Ich hielt meinen Vortrag im Rahmen eines Workshops über Wissenschaft und Kulturkontakt; Zugehört haben die Doktoranden des Kollegs, ihre Professoren und die übrigen eingeladenen Referenten. Wenn ich es richtig sehe; war den meisten das Bloggen ziemlich fremd. Jedenfalls haben nicht viele aufgezeigt, als ich fragte, wer Blogs liest oder selbst bloggt. Twitter kannten höchstens zwei oder drei. Bloggen, soziale Medien, webgestützte Publikationsformen — das sind immer noch Themen für kleine Minderheiten; nicht einmal für handverlesene Doktoranden in geisteswissenschaftlichen Fächern gehören sie zum Alltag.

Woran könnte das liegen? Vielleicht muss man Blogs weniger als ein Werkzeug verstehen, das bereitliegt und von jedem mit unterschiedlichen Zielen verwendet werden kann, sondern als Kommunikationsform innerhalb bestimmter sozialer Gruppen, wie etwa der Web 2.0-Szene — Knowledge Workern, die alltäglich und meist beruflich mit dem Web zu tun haben. Für diese Gruppe sind Blogs (nicht nur Blogs) konstitutiv, so wie für akademische Gruppen Dissertationen und Papers konstitutiv sind. Blog zu lesen oder zu schreiben ist eine soziale Praxis, die in andere Praktiken eingebettet ist: Wer Blogs liest, verwendet auch Feedreader, besucht BarCamps und ähnliche Veranstaltungen und kommuniziert auch über Tools wie Twitter und soziale Netze mit Angehörigen derselben Gruppe.

Sicher ist die Web 2.0-Szene nicht die einzige Gruppe, die mit Blogs kommuniziert. Nach meinem Vortrag hat mich eine Teilnehmerin darauf aufmerksam gemacht, dass ich die zahlreichen Blogs zu praktischen Themen überhaupt nicht erwähnt habe. Dass sich die Gruppen, die sich mit Weblogs über Themen wie Kochen und Gartenpflege verständigen, von den Bloggern, die über Web-Themen kommunizieren, deutlich unterscheiden, macht es noch schwieriger zu erklären, warum Blogs von bestimmten Kollektiven verwendet werden und von anderen nicht.

Blogs in der Lehre zu verwenden ist vielleicht auch vor allem eine Initiierung in eine bestimmte soziale Gruppe. Wenn Medien oder Kommunikationsformen für Gruppen konstitutiv sind, dann ist diese Gruppe schlicht nicht identisch mit den Gruppen, zu deren Kommunikationsmitteln wissenschaftlische Schreibformen gehören. Bloggende Akademiker wie Thomas Pleil und Jan Schmidt gehören zu beiden Universen; vielleicht ist die Frage interessant, in welchem Verhältnis in ihren Blogs die Regeln der einen Gruppe zu denen der anderen stehen. Können Blogposts zugleich wissenschaftliche Publikationen sein? Welche Spannungsfelder bauen sich zwischen Bloggen und wissenschaftlichem Publizieren auf? Und: Lebt nicht jeder interessante Diskurs von solchen Spannungsfeldern?

(Ich weiß, dass ich mich hier sehr unpräzise und eben nicht wissenschaftlich ausdrücke. Weiterverfolgen würde ich diese Gedanken gerne mit Methoden der Akteur-Netzwerk-Theorie. Empirische Untersuchungen zu dieser Thematik lassen sich vielleicht in Verbindung mit den Umterrichten sozialer Medien durchführen. Wann und warum gelingt es, Studenten in das Bloggen einzuführen?)

(Anmerkung: Ich komme erst heute, am 3.3., dazu, den Beitrag zu publizieren.)