Jahresrückblick, beruflich

Vielleicht lese ich gerade zu viele Jahresrückblicke. Jedenfalls finde ich zum ersten Mal, dass ich auch einen schreiben könnte—zumal ich dann einen Grund habe, ein schon länger geplantes Post zur Frage, wie böse Google nun eigentlich ist, noch weiter zu verschieben (vermutlich ohnehin nicht so eine wichtige Frage, wie viele denken).

Was hat sich für mich verändert, was ist anders als vor einem Jahr? Auf Privates will ich hier nicht eingehen. Beruflich war für mich der wichtigste Schritt, dass ich ein Curriculum für meinen Teil des Unterrichts an unserem Studiengang formuliert habe. Es ist zwar noch unfertig, ich habe es noch zu wenig diskutiert und muss es noch mehr mit Kollegen abstimmen, aber ich kann mich wenigstens selbst daran orientieren und damit gegenüber Kollegen und Studierenden begründen, was ich tue. Ich kann es auch verwenden, um die Massen an Informationen zu sortieren und zu filtern, die auf mich einströmen.

In diesem Curriculums-Entwurf kommt auch die Medienethik vor; aber erst in den letzten Monaten habe ich verstanden, dass Kommunikationsberufe sich nur ethisch definieren lassen (manchmal, wie bei den Spin-Doktoren, auch unethisch). Das gilt für Journalisten, aber auch für Kommunikatoren in Organisationen, die nicht manipulieren wollen, und es gilt auch in der Webkommunikation—oder: Das Web verändert die Ethik von Journalisten und Organisationskommunikatoren eingreifend. Mit Ethik meine ich nicht Prinzipien, die von der Alltagspraxis mehr oder weniger weit entfernt sind, sondern Regeln, mit denen man sein alltägliches Handeln begründen und erklären kann.

Etwas weitergekommen—aber bei weitem nicht weit genug—bin ich auch bei der Didaktik meines Unterrichts. Ich verdanke das außer der Kritik der Studenten vielen Gesprächen mit meiner Kollegin Karin Raffer und vor allem Anastasia Sfiri, die mit mir bei einigen Kursen intensiv zusammengearbeitet hat. Nach vielen Schwierigkeiten finden wir langsam einen Weg, um herkömmlichen Unterricht und selbstgesteuertes Lernen in einer webgestützten Community zusammenzubringen. (Dabei verwenden wir Howard Rheingolds Social Media Classroom als Plattform). Ich muss selbstkritisch sagen, dass mir die Bedeutung von systematischem Feedback bisher viel zu wenig klar war, und dass ich es praktisch vernachlässigt habe. Wenn ich mir etwas für das kommende Jahr vornehme, dann den Studenten sofort und intensiv Feedback zu geben.

Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal ganze Lehrveranstaltungen zusammen mit Kollegen durchgeführt—oder die Kollegen mit mir. Das hat der Qualität der Kurse gut getan, und ich habe dabei auch selbst viel gelernt. Vielleicht liegt es an den besonderen Themen die ich unterrichte—sie gehören immer in eine Kombination mit anderen Gegenständen; es gibt nicht so etwas wie die Webkommunikation oder die sozialen Medien, und der Onlinejournalismus wird immer mehr von einer journalistischen Sparte zu einer Plattform, die die anderen integriert. An unserem Studiengang ist es außer mit Boris Böttger auch mit Gudrun Reimerth und mit Heinz Fischer zu einer immer engeren Zusammmenarbeit und einem ähnlichen Verständnis unserer Inhalte gekommen. (Ich hoffe, ich falle ihnen nicht zu sehr auf die Nerven, wenn ich radikal einen Web first-Standpunkt vertrete—den disruptiven Veränderungen in den Medien wird man nur gerecht, wenn man betont, was anders wird, und nicht, was gleich bleibt.) Bei Studiengangsprojekten wie der Tagung PRleben oder auch der Verleihung des steirischen PR-Panthers spielte die Webkommunikation immer ein wichtige Rolle, und zwar aufgrund des Interesses anderer Kollegen an diesem Thema.

Ich würde jetzt gerne auch etwas über Entwicklungen in der Forschung schreiben—aber wirklich weitergekommen sind wir da noch nicht oder höchstens in der Programmatik. Karin Raffer, Julian Ausserhofer, unser externer Partner Kurt Winter und ich haben das Programm für ein Web Literacy Lab weiterentwickelt, und wir werden intensiv versuchen, es mithilfe von Forschungsaufträgen und Förderungen zu realisieren. Ich hoffe, dass wir einen Teil der Forschung auch aus der Lehre heraus betreiben und dabei eng mit Firmen und anderen Hochschulen zusammenarbeiten können. Immerhin haben wir bei eContent Pro eine Reihe steirischer Firmen in der Entwicklung von Webinhalten geschult, und das zweite PolitCamp und ein paar öffentliche Auftritte haben hoffentlich deutlich gemacht, dass wir auch über die Hochschule hinaus in der Region Wissen über Kommunikation im Web vermitteln und dabei unsere eigenen Ansätze überprüfen wollen.

Im letzten Jahr hat sich an der Hochschule, an der ich arbeite, einiges verändert—wie ich finde, in einer sehr positiven Richtung. Das wirkt sich auf meine alltägliche Arbeit aus—und als Mitglied unseres Kollegiums bin ich auch wenigstens am Rande an diesen Entwicklungen beteiligt; deshalb auch dazu einige Bemerkungen: Seit dem Amtsantritt des neuen Rektors Karl Peter Pfeiffer hat die FH Joanneum zum ersten Mal seit Jahren eine voll handlungsfähige Führung, deren Möglichkeiten bei weitem größer sind als die von Geschäftsführungen, bei denen die FH nocht nicht den Status einer autonomen Hochschule hatte. Der zum Teil ziemlich schmerzhafte Prozess der “Hochschulwerdung” hat endlich seine Endphase erreicht, auch wenn es in der Hochschule und in den—vorsichtig gesagt—politischen Aufsichtsgremien noch immer einige gibt, die die FH eher als eine autoritär führbares Institut sehen. Es ist wichtig, und ich hoffe, dass ich dabei mitarbeiten kann, dass diese neuen Strukturen jetzt in einer schlanken Weise funktionieren. Die FH war lange zugleich Hochschule, privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen und behördenartig administrierter Staatsbetrieb; im schlimmsten Fall haben sich diese drei Naturen wechselseitig blockiert. Jetzt ist hoffentlich klar, dass die FH primär eine Hochschule ist und als solche agieren muss, und dass sich die anderen Elemente unterordnen müssen, wenn der akademische Erfolg nicht gefährdet werden soll.

Ich verbinde selbst viele Hoffnungen damit, dass die FH jetzt versucht, den Universitäten vor allem in der Region auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Gerade auf meinem Arbeitsgebiet ist es wichtig, dass die Lehre tatsächlich an der Forschung orientiert ist und dass wir im Dialog mit den Kollegen an den Universitäten arbeiten. Nur dadurch bieten wir letztlich auch der Wirtschaft etwas, was sie sich nicht auch woanders holen könnte.

Zum Abschluss: Ich habe jetzt fast bürokratisch vieles aufgezählt; vieles habe ich nicht genannt (irgendwo ist es in meinem Blog erwähnt). Für mich selbst, meinen Unterricht und dieses Blog ist wichtig, dass ich mich stärker fokussiere. Ich muss es besser schaffen als bisher, mich auf wenige Themen zu konzentrieren, die dann eher, wenn man das so sagen kann, in einer intensiven als in einer extensiven Beziehung zu den Gegenständen stehen, für die ich mich interessiere. Literacy im Web (vor allem im Sinne von Schriftlichkeit, Schreibweisen und Schreibmöglichkeiten) ist für mich ein solches Thema; ich verliere es leider immer wieder aus dem Auge. Ich hoffe, dass sich das verändert, und dass mein nächste Jahresrückblick kürzer wird als dieser.

Allen, die es geschafft haben, bis hierhin zu lesen, und auch allen anderen Lesern dieses Blogs wünsche ich ein spannendes neues Jahr!

Der googelnde Glasperlenspieler: Zu Frank Schirrmachers "Payback"

Payback Seit einer Woche will ich etwas über Schirrmachers Payback schreiben, komme aber nicht weiter. Vielleicht habe ich zu unaufmerksam gelesen—vielleicht bin ich der Informationüberflutung erlegen, die uns, wie Schirrmacher schreibt, das geduldige Lesen fast unmöglich macht. Jedenfalls fällt es mir schwer, zu Schirrmacher etwas Zusammenhängendes zu schreiben, weil ich nicht genug Zusammenhänge in seinem Buch sehe.
Algorithmen und Geist: Ich versuche es: Thema ist die Beziehung zwischen Computer und Gehirn. Schirrmacher interessieren die Folgen der Digitalisierung für den Geist. Assoziativ behandelt er neurowissenschaftliche Forschungen, die sich mit den Auswirkungen des Computers auf die Psyche beschäftigen, und auch Visionen in der Computerindustrie, die die Benutzer den Apparaten untertan machen wollen. Schirrmacher besteht auf dem Unterschied zwischen Psyche und Computer; er fordert, dass sich Menschen nicht nach der Metapher des Rechners begreifen.
Matrix und Glasperlenspiel: Schirmacher formuliert eine negative und eine positive Utopie. Die negative: Die in der Cloud vernetzte Hard- und Software übernimmt die Macht über die Gesellschaft, steuert Menschen im Stil der Matrix, weil sie sie zuvor durch perfekte Befriedigung selbst ihrer geheimsten Wünsche willenlos gemacht hat. Die positive: Die Computer entlasten die Menschen von allen Tätigkeiten, die nach Algorithmen ablaufen. Der Geist kann sich auf das konzentrieren, wozu Computer nie fähig sein werden: neue Perspektiven zu entwickeln, das wachsende Wissen wie in Hesses Glasperlenspiel zu genießen, ohne sich von ihm abhängig zu machen.
Der googelnde Glasperlenspieler: Von jeder Beobachtung eilt Schirrmacher zum nächsten Fundstück weiter. Der Leser kann nicht mithalten, ist aber dankbar für die vielen Anregungen. (Statt zu schreiben, habe ich eben zwei Stunden in Schirrmachers Literaturverzeichnis geblättert, Quellen gesucht und Bücher von Maryanne Wolf, Ellen Langer und Roger Penrose bestellt, einigen von Schirrmachers Kronzeugen.)
Im leeren Raum: Manche Gedanken des Buchs sind trivial, manche hat man schon gelesen, z.B. bei Günther Anders, viele verdienen es, ausformuliert zu werden. Darum muss sich der Leser bemühen: Schirrmacher hat einen Essay, keinen Traktat geschrieben. Ein Manko seines Buchs scheint mir, dass es Computer und Geist im leeren Raum aufeinander prallen lässt. Die Soziologie hat es dem Autor nicht angetan. Wie sich Menschen und Computer tatsächlich miteinander vergesellschaften, damit beschäftigt sich Schirrmacher höchstens am Rande. Vielleicht hätten ihn Überlegungen zur Soziologie der Computer vor einigen apokalyptischen Übersteigerungen geschützt. Aber man soll einem Autor nicht vorwerfen, was er nicht geschrieben hat—und was Schirrmacher geschrieben hat, ist weit von der üblichen Verdammung oder Glorifizierung der Digitalisierung entfernt.

Präsentation: Die neuen Nachrichten

Hier eine leicht überarbeitete Version der Präsentation, die ich am letzten Web Montag Graz gezeigt habe und danach auch zweimal im Unterricht. Das Thema war: Die neuen Nachrichten. Bei der Vorbereitung bin ich auf die Idee gekommen, das Model View Controller-Pattern zu verwenden, um dieses sehr allgemeine Thema zu strukturieren. Jetzt beim Überarbeiten habe ich das noch in eine Beziehung zu den drei Ebenen Daten—Information—Wissen gebracht.

(Präsentation im Originalformat bei prezi hier.)

Ich versuche, drei Aspekte des Nachrichten-Universums im Web zu unterscheiden:

  • das Medium im engeren Sinn, also die Daten im Web (die Ebene der Modelle),
  • den Zugang zu den Nachrichten (die Ebene der views oder Ansichten) und
  • das “Machen” der Nachrichten, das man von ihrer Rezeption und ihrem Austausch nicht trennen kann (die Ebene der controller oder Kontrollelemente).

Bei allen drei Aspekten versuche ich eine dominante Tendenz hervorzuheben:

  • die Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Quellen,
  • die Präsentation der Nachrichten in Streams mit der Tendenz zur Echtzeitinformation und
  • die Rekombination der Arbeitsschritte bei der Nachrichtenproduktion und -distribution in Netzwerken.

Ich verstehe das Ganze als ein Denkbild, nicht als ein theoretisches Konzept. Ich versuche dabei, möglichst vom Web und dessen eigener Dynamik her zu denken, nicht ausgehend davon, was von den Vor-Web-Medien im Web bleibt oder bleiben könnte. Wenn man die verschiedenen Komponenten, die für das Nachrichtenuniversum im Web wichtig sind, in einem Gedankenexperiment voneinander abhebt, stellt man fest, wie sehr sich dort alles, was mit Nachrichten zu tun hat, von den Nachrichten in den herkömmlichen Formaten unterscheidet. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass auch Geschäftsmodelle für Nachrichten in dieser Umwelt anders funktionieren müssen als außerhalb des Web.

Gemeinsam ist allen drei Komponenten—der der verlinkten Daten, der der News-Streams im Live Web und der der vernetzten Produktion von Nachrichten—dass es in ihnen keine abgeschlossenen, fertigen Produkte gibt. Die Verlinkungs-, Filterungs- und Austauschmöglichkeiten verändern alle News-Partikel unaufhörlich. Die Welt der neuen Nachrichten ist vor allem eine Welt der nicht vorherzusehenden Möglichkeiten.

Journalistische Kompetenzen: Journalistische Haltung

Christiane Schulzki-Haddouti hat ihre Liste journalistischer Kompetenzen vor ein paar Wochen um die “Haltung” als journalistische Kernkompetenz erweitert. Ich versuche, mich im Unterricht an diesen Kompetenzen zu orientieren, und lege sie auch dem Teilcurriculum Social Media zugrunde, an dem ich mich bei den Lehrveranstaltungen orientiere, an denen ich an unserem Studiengang beteiligt bin. Ich denke jetzt gerade wieder über diese Kompetenzen nach, weil ich ein Teaching Portfolio einrichten will — als Pendant zu ePortfolios der Studierenden.

Kann man Haltung als Kompetenz bezeichnen? Ober besser: Wie kann man—für Studierende einsichtig—beschreiben, um was es dabei geht? Ich würde die Kompetenz etwas anders formulieren: als Fähigkeit, das eigene Handeln in der Öffentlichkeit an einer reflektierten, expliziten journalistischen Ethik auszurichten und laufend auf sie zu beziehen. (Das ist noch holprig, ich weiß.) Wenn man sie so umschreibt, passt die Kompetenz in die Reihe der anderen von Christiane genannten Kompetenzen. Diese Kompetenz lässt sich tatsächlich unterrichten; man kann außerdem überprüfen, ob sie da ist, ohne dass man kontrollieren muss, ob die Studenten sich ethisch verhalten. Man kann sie übrigens auch von PR-Leuten verlangen—die wir hier ja auch ausbilden.

Zur journalistischen Ethik gehören die Normen, die Christiane Schulzki-Haddouti formuliert, vor allem die relative Unabhängigkeit. Die journalistische Ethik ist sicher nicht etwas überhistorisch Vorgegebenes, sie muss immer wieder in Diskussionen formuliert und überprüft werden—in Diskussionen, an denen sich auch das frühere Publikum beteiligen sollte, und in denen man die Frage der Begründbarkeit ethischer Normen ausdrücklich stellen sollte.

Die journalistische Haltung als Ziel der Lehre zu behandeln, bedeutet für mich: die spezifische ethische Rolle von Journalisten (und auch professionellen Kommunikatoren) immer wieder zu thematisieren und die übrigen Kompetenzen und skills, die vermittelt werden, auf sie zu beziehen. Zunehmend wird mir klar, dass man ohne diese ethische Dimension überhaupt nicht von journalistischer Professionalität sprechen kann. Mir hat dafür vor allem David Barstows Auftritt an unserem Studengang die Augen geöffnet.

Fundstücke: Zwischen "Bezahlinhalt" und kollaborativen Echtzeit-News

In den letzten Wochen bin ich fast gar nicht dazu gekommen, in meinen Feedreader zu schauen. Einiges habe ich jetzt nachgeholt; hier ein paar Hinweise auf Beiträge zur Situation und zur Zukunft des Journalismus, die ich lesenwert fand. Sie berühren alle das Thema der Innovation im Journalismus. Man könnte aber auch sagen: sie sind alle Dokumente der Revolution in der News-Industrie, an der wir gerade teilnehmen.

Auf der einen Seite wird immer deutlicher, dass die herkömmlichen Print-/Brodcast-Modelle an ein wirtschaftliches und technologisches Ende gekommen sind. Die Verleger rufen nach staatlichem Schutz und Subventionen wie die deutsche Kohleindustrie in den 70er Jahren—sie verabschieden sich von dem Markt, der sie reich gemacht hat, und beschweren sich über innovative Unternehmen wie Google, die erkannt haben, wie der Online-Markt für Informationen funktioniert.

Auf der anderen Seite wird deutlicher erkennbar, wie das webbasierte News-Universum aussehen könnte: Wichtigstes Element ist die kollaborative Erstellung von Nachrichten in Echtzeit, für die Informationen je nach Ort, Thema und Relevanz laufend neu gefiltert, sortiert und vernetzt werden. Der Artikel, die Geschichte, die Sendung als das “fertige” journalistische Produkt wird zu einem Element in einem laufenden Austausch von Informationen, an dem Profis (Journalisten, professionelle Kommunikatoren) teilnehmen, den sie aber nicht mehr kontrollieren.

Geht es im Web überhaupt um “Geld für Inhalte”?

Einer der interessantesten Beiträge zur Paid Content-Debatte: Stefan Kohs unterscheidet in Online-Journalismus: Raus aus der Gratisfalle zwischen Grenzkosten der Nutzung und Grenzkosten der Bereitstellung von Inhalten. Er wendet sich mit guten Argumenten gegen eine Kulturflatrate und andere Formen der öffentlichen Zwangsfinanzierung bestimmter Inhalteanbieter. Er hält Bezahlmodelle für grundsätzlich möglich und fordert auf Geschäftsmodelle zu entwickeln (zwei interessante Versuche, auf die er verweist: Kachingle und Journalism Online).

Ich bleibe skeptisch, was Bezahlinhalte im Netz angeht. Ich glaube, dass schon das statische Konzept des Inhalts (ein grauenhaftes Wort!) im Web nicht funktioniert. Das Web lebt von Links, Rebundlings, Remixes und Remakes. Damit will ich nicht sagen, dass nicht Geschäftsmodelle im Web möglich seien—aber sie müssten sich eher auf Services beziehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt geboten werden.

Twitter als Beispiel für Echtzeit-Nachrichten im Web

Ein Beispiel für Webangebote, die nicht in das Schema des statischen Contents passen: Listorious ist ein Verzeichnis für Twitter-Listen, u.a. gibt es eine Zusammenstellung von Journalismus-Listen. Ziel von Listorious ist es, die relevantesten Listen zu einem Thema auffindbar zu machen. So findet man über Listorious Jay Rosens Liste der Best Mindcasters I Know oder Mindy McAdams Liste der (übrigens durchgängig weiblichen) Media Thinkers.

Wie verwendet man Twitter-Listen journalistisch? Mark Coddington schreibt darüber am Beispiel des Amoklaufs von Fort Hood und verlinkt dabei eine ganze Reihe von Beiträgen aus der US-amerikanischen Diskussion zu dem von Twitter eingefügten Feature. Jeff Jarvis hat das Kuratieren von Links schon vor einiger Zeit als wichtige journalistische Aufgabe erfasst— redigierte und aktuell gehaltene Verzeichnisse von Qualitäts-Twitterern sind dafür eines der wichtigsten Beispiele. Ich notiere mir für die spätere Lektüre: Twitter: Rea-list/Idea-list und Fort Hood: A First Test for Twitter Lists von Megan Garber; Why I don’t use Google Reader anymore und The chat room/forum problem von Robert Scoble. Twitter ist das bisher wichtigste und interessantes Werkzeug für Echtzeit-Information und Echtzeit-Dialog. Wenn man sich mit der Zukunft der Nachrichten beschäftigt, kann man von den Twitter-Gründern wahrscheinlich mehr lernen als von einem Rupert Murdoch.

Clay Shirky streicht in einem Gespräch mit Laura Flanders heraus, dass Twitter die Weiterentwicklung des eigenen Service weitgehend den Usern und anderen Unternehmen überlässt, die auf die Twitter-Daten frei zugreifen können. Auch für Shirky ist Twitter das Beispiel für einen webbasierten Nachrichten-Service. (In dem Interview geht es auch um wichtige andere Themen, vor allem darum, wie internetbasierte Organisationen in die reale Welt z.B. der Politik eingreifen können, um dort real value zu schaffen. Shirky fordert ein Pendant zu den Creative Commons für Online-Aktivismus, also neue politische und soziale Organisationsformen.)

Multimediale Innovation bei der New York Times

Um eine andere Art von innovativem Journalismus geht es in dem aufwändigen Innovation Portfolio, das die New York Times vor allem ihren Anzeigenkunden präsentiert. In ein Flash-Movie sind Demos von Multimedia-Geschichten, aber auch der iPhone-App der NYT eingebettet. Dabei erfährt man, wieviele (meist mehrere Millionen) Besucher sich mit dem Feature beschäftigt haben, und wie lange sie deshalb auf der Site geblieben sind—wesentlich länger als für die Lektüre gewöhnlicher Artikel. Auch hier stellt sich die Frage, ob und wie in solche Features Echtzeit-Informationen integriert werden können, ob sie also zu lebenden Einheiten werden können.

Welche Faktoren fördern Innovationen in den Redaktionen?

Die Änderungen in der News-Landschaft verlangen ein radikales Umdenken auf allen Ebenen, der der Verlage und Medienhäuser, der der Redaktionen und der der einzelnen Journalistin und des einzelnen Journalisten. Steen Steensen schreibt im Online Journalism Blog über Five factors that foster innovation in the online newsroom. Damit fasst er eine eigene ethnographische Untersuchung zusammen, die er beim norwegischen Dagbladet unternommen hat, und verlinkt einige wissenschaftliche Arbeiten über Innovationsmanagement in Redaktionen. Fünf Faktoren entscheiden, so Steensen, darüber, ob sich Innovationen in Redaktionen durchsetzen:

  1. Newsroom autonomy: are innovative projects initiated and implemented within an autonomous newsroom and with relative autonomy within the online newsroom? (If not, the project is less likely to succeed)
  2. Newsroom work culture: does the online newsroom reproduce editorial gatekeeping or are alternative work cultures explored? (reproduction of “old media” work cultures is likely to prevent innovative initiatives from being successful)
  3. The role of management: is newsroom management able to secure stable routines for innovation?
  4. The relevance of new technology: is new technology perceived as relevant, i.e. efficient and useful? (New technology can be costly and time consuming to utilize)
  5. Innovative individuals: is innovation implemented and understood as part of the practice of journalism?

Social media workflow für Journalisten

Den veränderten Alltag von Journalisten, die zu einem social media workflow gefunden haben, beschreibt Karl Schneider von der Reed-Gruppe im ersten von 2 videos: How social media changed the journalist’s day; and making money from content. Die dazu gehörende Präsentation ist ebenfalls online:

Die journalistische Arbei, so Schneider, wird in Zukunft zu 80% öffentlich stattfinden—Journalisten agieren vor und mit ihrem Publikum (Jay Rosens People Formerly Known as the Audience), sie liefern ihm nicht vor allem abgeschlossene Produkte.

Twitter und Google als Vorbilder

Zurück zur Paid-Content-Debatte: Vielleicht verdeckt sie vor allem viel tiefgreifendere Verschiebungen als die vom bezahlten Produkt zu freien oder werbefinanzierten Inhalten.Wer nach Geschäftsmodellen sucht, die im Internet funktionieren, muss sich wohl gerade im Journalismus zuerst um Angebote kümmern, die internet-gerecht sind— wie es Twitter (bisher ohne Geschäftsmodell) und Google (mit einem ser erfolgreichen, aber lange nach dem Produkt entdeckten Geschäftsmodell) vormachen.

Geborene Blogger

Wenn mich in Zukunft jemand fragt, was ein Blogger ist, werde ich Dave Winer zitieren. Winer hat erklärt, was Dave Rosen und er unter einem Natural-born Blogger, also unter einem geborenen Blogger oder einer geborenen Bloggerin verstehen:

  1. Ein GB bittet nicht um Erlaubnis.
  2. Ein GB erklärt die Dinge, selbst wenn er sie nicht versteht. Wenn ein GB Fehler zugeben muss—und das passiert oft—zuckt er die Achseln und sagt etwas wie Shit happens.
  3. GBs gehen voran. Hast du einen GB bei dir, musst du nicht warten, bis sich Freiwillige melden.
  4. GBs sagen lieber zu viel als zu wenig. Wenn du merkst, dass du zu jemand nur sagen willst: Halt endlich die Schnauze (englisch: STFU), hast du wahrscheinlich einen GB vor dir.

Winer sucht in der amerikanischen Geschichte nach geborenen Bloggern avant la lettre. Ich glaube, dass sie ein ganz altes europäisches Phänomen sind. Petra Gehring hat gerade in einer FAZ-Rezension darauf hingewiesen, dass Michel Foucaults letzte Vorlesungen um Begriff der parrhesia kreisen:

des Aktes einer freimütigen Aussage, die ohne Rücksicht auf mögliche Gefahren offen getätigt wird. Die parrhesia ist eine situative Kategorie, für welche die griechische Sprache einen eigenen Namen besitzt, der sie von der isegoria, dem formalen Rederecht jedes Bürgers, klar unterscheidet. … Der Parrhesiast ist einer, der in der Volksversammlung spricht, die Dinge zurechtrückt, wie Perikles im richtigen Moment interveniert.

Blogger nehmen sich ein Rederecht, sie lassen es sich nicht einfach zugestehen. Sie agieren nicht im Namen anderer oder von Firmen oder Institutionen. Sie sprechen für sich und damit für die Allgemeinheit statt für diejenigen, die sich zu deren Vertretern ernennen. Blogs sind erst durch das Web möglich geworden, aber die Haltung hinter ihnen hat eine lange Geschichte, die mit der Geschichte der Demokratie verwoben ist.