Heute habe ich Transparenzgesellschaft von Byung-Chul Han gelesen. Um einen meiner Söhne zu zitieren, der als als Junge einmal mit einem Ausflug nicht zufrieden war: Ich habe mir mehr erwartet. Das Büchlein ist eine Aneinanderreihung von kulturkritischen Klischees. Der Autor begründet nichts. Seine liebste Ausdrucksform ist der Allsatz. Kaum ein angesagter Großautor der letzten Jahrzehnte—von Agamben über Baudrillard und Sennett bis Žižek—bleibt unzitiert, aber nicht eine überraschende Quelle wird erwähnt. Über die digitale Zivilisation, die er verdammt, hat sich Byung-Chul Han nicht besser informiert als Manfred Spitzer für seine Digitale Demenz. Statt auf eine Theorie oder eine Methode greift er auf halbverstandene Autoritäten und scheinbare Selbstverständlichkeiten zurück. Meist werden Metaphern weitergesponnen. Höhepunkte sind Sätze wie Atome duften nicht [p. 55].

Man kann das alles goutieren oder glauben. Man könnte auch leicht darüber hinweggehen und sagen So what?, wenn Byung-Chul Han nicht symptomatisch für einen Diskurs über das Netz, die sozialen Medien, die digitale Gesellschaft und den Kapitalismus wäre, mit dem sich Leute, die sich für zeitkritisch halten, über die anspruchlosen Verfechter von Positivgesellschaft, Ausstellungsgesellschaft, Evidenzgesellschaft, Pornogesellschaft, Beschleunigungsgesellschaft, Intimgesellschaft , Informationsgesellschaft, Enthüllungsgesellschaft und Kontrollgesellschaft (dies die Titel der zum Ende hin kürzer werdenden Kapitel) erheben.

Vertretern des vornehmen Tons Argumente entgegenzuhalten, ist müßig. Wer predigt, will nicht diskutieren. Ich möchte stattdessen eine Frage stellen, die ich in diesem Buch vermisst habe: Was bedeutet die Metapher der Transparenz eigentlich, und wird sie zu Recht verwendet, um Folgen oder Begleiterscheinungen digitaler Technologien zu propagieren oder zu kritisieren? Byung-Chul Han gerät gegen Ende seines Buches selbst in Schwierigkeiten mit der Lichtmetaphorik:

Das Medium der Transparenz ist kein Licht, sondern eine lichtlose Strahlung, die, statt zu erhellen, alles durchdringt und durchsichtig macht. Im Gegensatz zum Licht ist sie penetrant und penetrierend. Sie wirkt ferner homogenisierend und einebnend, während das metaphysische Licht Hierarchien und Unterscheidungen generiert und dadurch Ordnungen und Orientierungen schafft [p. 66].

Spätestens hier hätte es nahegelegen, die Metapher der Transparenz in Frage zu stellen, statt das Licht in einem gnostischen Ton zu dämonisieren, um sie weiterverwenden zu können. Bruno Latour, den Byung-Chul Han nicht zitiert, hat bezweifelt, dass man mit dem Transparenzbegriff aktuelle soziale und politische Phänomene erfassen kann.

We lean on mediation. We hope that mediation is the way and not the argument of transparency [Making the Res Public].

Er kritisiert, dass das Konzept der Transparenz die Vermittlungen verdeckt, durch die sich die sozialen Akteure miteinander verbinden. Byung-Chul Han dagegen greift Transparenz als Faktum und Imperativ innerhalb dessen an, was er (ebenso unreflektiert) Gesellschaft nennt, aber er zweifelt nicht an ihrer Möglichkeit.

Im Sinne Heideggers, auf den er sich—unter vielen anderen—beruft, müsste man Byung-Chul Han vielleicht vorwerfen, dass er selbst metaphysisch denkt. Unabhängig davon kann man die Frage stellen, ob Phänomene wie soziale Netzwerke, Suchmaschinen und digitale Bilder, die bei Byung-Chul Han für die Transparenzgesellschaft stehen, nicht selbst Vermittlungsphänomene sind. Die Rede von der Transparenzgesellschaft suggeriert, dass es etwas wie ein Panoptikum oder Panorama geben könnte, das tatsächlich die Gesellschaft als ganze zeigen könnte. Das möchte ich mit Bruno Latour bezweifeln. Mehr Transparenz ist ein Aspekt von Prozessen, die durch das Internet möglich geworden sind. Aber welchen Grund gibt es dazu, mehr oder weniger alles, was heute passiert, unter Transparenzgesellschaft zu klassifizieren?

An einer Stelle des Buchs heisst es:

Die Addition ist transparenter als die Narration. Beschleunigen lässt sich nur ein Prozess, der additiv und nicht narrativ ist. Ganz transparent ist allein die Operation eines Prozessors, weil sie rein additiv verläuft [p. 50].

Aber weshalb ist die Operation eines Prozessors besonders transparent? Ist hier Vicos verum quia factum gemeint, und warum sollte es besonders für Prozessoren gelten? Bedeutet transparent hier überhaupt etwas? Prozessoren sind Artefakte, die komplexe technische und historische Voraussetzungen haben. Sie sind programmierbar, aber alles andere als transparent. Sicher sind sie kein metaphysisches Gegenphänomen zu anderen technischen und kulturellen Erscheinungen, wie es Byung-Chul Han wenig später in einem weiteren Highlight seines Buches zelebrieren möchte:

Die fehlende Narrativität unterscheidet den Prozessor von der Prozession, die ein narratives Ereignis ist. Im Gegensatz zum Prozessor ist sie stark gerichtet. Daher ist sie alles andere als obszön [p. 51].

Byung-Chul Hans moralische Entrüstung trägt nichts zum Verständnis der Phänomene bei, die er verurteilt. Sie spricht ihnen einen schicksalhaften Sonderstatus zu, statt zu fragen, ob sie nicht so historische, relative und veränderbare Erscheinungen sind wie andere Institutionen und Artefakte auch. Byung-Chul Han differenziert nicht zwischen der Forderung oder dem Ideal der Transparenz, dessen Beziehung zur Digitalisierung man untersuchen müsste, und der Verwendung des Transparenzbegriffs zum Beschreiben oder Erklären sozialer Phänomene. Dazu passt übrigens, dass er die Gesellschaft durchgehend so beschreibt, als sei sie für ihn transparent, als ließe sich etwas über sie als Ganzes sagen.

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