Benedikt Tüshaus und Klaus Meier haben untersucht, wie das Verfolgen von Echtzeit-Quoten sich auf journalistische Angebote im Web auswirkt – ein Musterbeispiel für angewandte Forschung über Online-Journalismus.

Wie werden die Klickzahlen in Online-Redaktionen eingesetzt? Welchen Einfluss hat ihre Verwendung auf redaktionelles Entscheiden? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die journalistische Qualität und das Qualitätsmanagement? – Diesen Fragen ging unsere Studie nach, für die wir neun Redaktionen von großen deutschen Online-Nachrichtenangeboten auswählten.  [onlinejournalismus.de » Im Quotenparadies ]

Nebenbei informieren Tüshaus und Meier auch über Software, mit der große deutsche Online-Redaktionen die Akzeptanz ihrer Produkte in Echtzeit analysieren. Ein Ergebnis der Studie überrascht nicht: Keine Redaktion ist davon unbeeinflusst, welche Angebote angeklickt werden; die Leser steuern viel mehr als bei allen klassischen Medien, wie und worüber sie online informiert werden. Alle Redaktionen beanspruchen aber auch, ihre Angebote vor allem nach den eigenen journalistischen Maßstäben zu gestalten. Interessant sind vor allem die Details, die die Autoren zutage gefördert haben; sie machen die Studie zu einer Pflichtlektüre für alle, die sich professionell mit Online-Journalismus beschäftigen.

Das Werkzeug Echtzeit-Messung ermöglicht und fordert eine neue redaktionelle Leistung – Tüshaus und Meier nennen sie Aufmerksamkeits-Management. Es erstaunt nicht, dass vor allem Inhalte und Gestaltung der Startseiten laufend auf ihre Wirkung kontrolliert werden. Das User-Feedback beeinflusst bereits die innere Organisation mehrerer großer Redaktionen, und es wird schon für das Text-Coaching verwendet.

Ich habe vor einigen Wochen einen Vortrag über Messverfahren im Online-Journalismus gehalten; er hätte sehr gewonnen, wenn ich die Ergebnisse dieser Studie gekannt hätte. Ich habe mich damals nur bei wenigen österreichische Medien erkundigt, welche Methoden sie verwenden und welche Software sie benutzen. Mein Eindruck war, dass Echtzeit-Messungen in Österreich noch eine geringere Rolle spielen als in Deutschland. Diesen Eindruck müsste man in einer systematischen Untersuchung bestätigen oder widerlegen – ein gutes Thema für eine Diplomarbeit.

Tüshaus und Meier heben hervor, dass sich die Akzeptanz; bei keinem herkömmlichen Medium so schnell und zuverlässig ermitteln lässt wie bei Online-Angeboten. Ich glaube, dass darin nicht nur ein gradueller, sondern ein prinzipieller Unterschied zwischen den traditionellen Medien und den Online-Medien liegt. Selbst wenn sie nicht über Klicks hinausgeht – zwischen Autor und Rezipient eines Webangebots besteht eine Beziehung, die sich direkt beobachten lässt und deren Beobachtung die Kommunikation zwischen beiden sofort beeinflusst. Die klassischen Massenmedien beobachten sich permanent selbst, wie Niklas Luhmann gezeigt hat; eine rekursive Kommunikation in Echtzeit mit den Rezipienten kennen sie aber nicht.

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