Heinz Wittenbrink

Web teacher and blogger, living in Graz and sometimes in Dubrovnik.

Unterwegs nach Frankfurt
Checked into Ostbahnhof München
Na, ich weiss nicht. Das große Thema Klimakrise wird nicht erwähnt. Ich nehme eher an, dass es auch die Online-Kommunikation deutlich verändern wird. Viele prognostizieren, dass 2020 ein neues 1968 wird, oder mehr als das.
Replied to

Letzter Tag in meinem alten Studiengangsleiter-Büro. Aufräumen für’s Siedeln.
Checked into Studiengang Content-Strategie

Vor einem Dreivierteljahr habe ich damit aufgehört, Vollzeit zu arbeiten, und die Leitung des Studiengangs Content-Strategie abgegeben. Wie ich jetzt lebe und was ich an einem normalen Tag mache, unterscheidet sich ziemlich deutlich davon, wie ich mir damals mein Leben in Altersteilzeit vorgestellt habe. Ich hatte mir gedacht, dass ich mich zum Teil mit den inhaltlichen Aspekten der Content-Strategie beschäftigen würde, zum Teil mit philosophischen Themen und zum Teil mit der off_gallery, die wir in der Nähe unserer Wohnung gestartet haben.

Tatsächlich beschäftige ich mich jetzt in einem großen Teil meiner Zeit mit ökologischen, vor allem Klimathemen, stecke mehr Zeit und Energie in Aktivismus als in der Nachachtundsechziger-Zeit als Schüler und Student, und in der Content-Strategie interessiert es mich vor allem, wie man das Web und die Web-Kommunikation dekarbonisieren kann: welche Beiträge sie bei der Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft leisten können und ob und wie man sie aus dem herauslösen kann, was in der Sprache von Extinction Rebellion ein toxisches System heisst.

Ich frage mich, ob ich damit mein Leben, jedenfalls seinen öffentlichen und beruflichen Teil, ausgehend von einem moralischen Imperativ organisiere und anderen auf die Nerven gehe—ob ich die relativ große materielle Sicherheit, in der ich jetzt lebe, dazu benutze, mich als Gutmensch zu profilieren, wie es mit einem schrecklichen Ausdruck aus der rechten Szene heisst.

Man kann seine eigenen Motive nur schwer selbst beschreiben (und ich bin nicht sicher, ob es überhaupt so etwas wie Motive gibt—als eindeutige Ursachen dessen, was man tut). In meiner Wahrnehmung habe ich nicht vor allem moralische Gründe dafür, mich mit diesen Themen zu beschäftigen—auch wenn ich bei ihnen tatsächlich emotional sehr beteiligt bin und meinen Standpunkt mit einer Eindeutigkeit vertrete, die ich von mir selbst sonst nicht kenne.

Ich kann schwer anders, weil ich den Eindruck habe, dass ich anders nicht wirklich heute, in der Gegenwart leben würde. Ich nehme die Thematik des Anthropozäns (um sie provisorisch so zu bezeichnen) ähnlich, aber viel intensiver wahr, wie Ende der Achtziger und Anfang der 90er Jahre die Digitalisierung: als einen sozialen, politischen und auch intellektuellen Bruch—oder eher: als einen Bruch in dem, was öffentlich relevant ist. Und umgekehrt kommt mir die ganze Welt der digitalen Utopien, in die ich mich vor 30 Jahren intensiv hineinbegeben habe, jetzt abgestanden und überholt vor.

Ich weiss, dass ich damit von einem Zeitgeist abhängig bin—mehr als viele Leute, die ich schätze. Ich würde mir wünschen, dass ich an den ökologischen Themen festgehalten hätte, als sie nicht aktuell waren. Die Wachstumskritik z.B. von Rudolf Bahro und André Gorz habe ich schon gekannt, bevor ich mich mit digitalen Themen befasst habe, aber ich habe dann bei einem Mainstream mitgemacht, der die Erkenntnisse über die Grenzen des Wachstums, die es spätestens in den 70er Jahren gab, ignoriert hat. Ich muss meine Abhängigkeit von Zeitströmungen wohl akzeptieren. Aber ich muss auch akzeptieren, dass ich Dinge aufgeben und kritisieren muss, die mir überholt vorkommen.

Zwei Belege für unreflektierte Orientierung der Digitalbranche am Wachstum:

Marc Zuckerberg schreibt zum Jahresanfang nicht nur über das nächste Jahr, sondern gleich über das nächste Jahrzehnt (Every new year of the last decade I set a…). Er stellt zwar fest, dass Facebook eine Firma der Generation vor den Millenials ist und erwähnt sogar den Klimanotstand. Aber es geht ihm darum, weiter zu wachsen, und zwar unter anderem, indem es kleineren und mittleren Firmen noch leichter gemacht wird, größer zu werden. Außerdem bereitet sich Facebook auf die Zeit nach dem Mobiltelefon als dominierender Consumer-Plattform für das Computing vor. Früher oder später, aber im nächsten Jahrzehnt, wird es von Augmented-Reality-Brillen abgelöst werden, die ihre Benutzerinnen und Benutzer noch weit unabhängiger von ihrem Ort auf der Erde machen werden, als wir es uns heute vorstellen.
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Lesung von Friedel Wegenstein: Wirtschaftswachstum ist kein Fortschritt
Checked into Grüne Akademie

Gestern habe ich mir Abondance et liberté von Charbonnier als Ebook gekauft und den ersten Teil der Einleitung gelesen. Ich habe mir vorher noch ein Gespräch mit Charbonnier auf France Culture angehört.

Mein erster Eindruck ist, dass dieses Buch eine Basis für politisches Denken im Anthropozän formuliert. In dem Interview sagt Sylvain Bourmeau, Charbonniers Gesprächspartner, dass Charbonnier den Gedanken einer radikalen Politisierung aller ökologischen Fragen vertritt. Damit ist gemeint, dass er zeigt, dass alles, was bisher als Umweltfrage galt, also als Frage der Beziehung zu etwas außerhalb der Gesellschaft, heute zu einer politischen Frage geworden ist. Es ist auch gemeint, dass alle bisherigen politischen Fragen auch Fragen sind, die die Umwelt, oder besser: die nichtmenschlichen Komponenten der Gesellschaft betreffen.
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Durch einen Tweet von Bruno Latour bin ich auf das Buch Abondance et liberté von Pierre Charbonnier aufmerksam geworden, das gerade in Frankreich erschienen ist.

Latour sagt:

Man kann die Bedeutung von Pierre Charbonniers Buch “Abondance et liberté”, das am 2-1-20 veröffentlicht wurde, kaum überschätzen, denn es erlaubt uns zum ersten Mal, die sozialistische Tradition auf die radikalsten Aspekte der sogenannten “ökologischen” Themen aufzupfropfen.

(Das Wort greffer, das Latour benutzt, bezieht sich auf das Veredeln in der Landwirtschaft, und es wird auch im Sinne von transplantieren verwendet.)

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