Am Wochenende war ich auf dem Grazer BarCamp, dem ersten klassischen BarCamp überhaupt in Graz. Im Durchschnitt waren geschätzt 40-50 Leute da: Die Grazer Web 2.0-Szene ist überschaubar, und sie ist übrigens deutlich universitär geprägt. Der eher akademische Charakter ist vielleicht sogar etwas, das uns im Vergleich zu den anderen österreichischen Städten die besondere Note gibt.

Wir alle sind Herwig Rollett und Gerwin Brunner dankbar: Sie haben es zu ersten Mal geschafft, viele Menschen aus Graz (aber nicht nur dorther), die sich für aktuelle Entwicklungen im Web interessieren, zusammenzubringen. Diese Vernetzung bedeutet hoffentlich einen Schub für alle Beteiligten. Ich habe einige interessante Leute kennen gelernt, und ich werde noch einige Zeit brauchen, um die neuen Informationen und Ideen aufzuarbeiten.

Dokumentation:

Twitter ist dein Freund. Bei Twitter nach bcg08 suchen, und man bekommt einen ganz guten Eindruck vom Ablauf. Fotos bei Flickr.

Suche

Es geht hier um ein Forschungsprojekt, nicht um ein Startup, erläuterte Markus Stohmaier in der ersten Session zum Thema Suche. Um was es in dieser Session wirklich ging, hoffe ich bei der Nachbereitung besser zu verstehen. Ziel des Projekts ist es, durch Auswertung von Suchanfragen genauer herauszubekommen, welche Art von Information die Benutzer einer Suchmaschine finden wollen, was ihre Ziele sind. Flo Ranner fasste die Intentionen als behavioural targeting für Suchmaschinen zusammen — eine hübsche und hoffentlich adäquate Formulierung. (Auf Markus Strohmaiers Home Page finden sich vielversprechende Links zu weiteren Informationen über zielorientierte Suche.)

WG3Null

Die Präsentation der WG3Null bot mir weniger Neues als anderen, weil ich in das Projekt schon bei der Einweihungsparty ausführlich eingeführt wurde. Die Aufmerksamkeit war groß; eine Bemerkung von Thomas Mikl habe ich mir gemerkt: Diese halböffentliche Form des Zusammenlebens habe eine enormes Marketing-Potenzial. Gemeint war wohl vor allem, dass sich Geld durch eine Art öffentlichen Konsum machen lässt. Mich interessiert, ob sich hier die Grenzen von privatem Projekt und Firma/Vermarktung verschieben, und zwar eher in der Aufmerksamkeits- als in der Geldökonomie. (Hier der Podcast der WG3Null zum Barcamp Graz.)

superinternet

Mit Jochen, einem der WG 3.0-Bewohner, habe ich dann unser superinternet.at vorgestellt. Das Echo war durchaus positiv. Ich hoffe, dass ein paar der Teilnehmer der Session die Plattform aktiv verwenden.

Zwischen Tumblelog und Informationsmanagement

Ich fand zwei Sessions am Nachmittag bemerkenswert: Peter Scheir erklärte, was Tumblelogs sind, und Michael Thurm beschrieb, wie er mit dem Google Reader, delicious und facebook sein Informationsuniversum organisiert. Bei den Tumblelogs war für mich neu, dass es inzwischen eigene Redaktionssysteme wie Chyrp für sie gibt. (Ich glaube, ich muss endlich selbst mit einem Tumblelog beginnen. Was sich damit machen lässt, vor allem die Kombination von Fundstücken, kann man nicht mit einem klassischen Blog + Microblogging ersetzen.)

Bei Michaels Session hat mir vor allem gefallen, wie er seinen täglichen Umgang mit einer Unmenge von Informationen präsentiert hat, nämlich von ihem Ergebnis her. Man kann so sicher besser zeigen, welchen Sinn der Google Reader oder delicious haben, als wenn man zuerst ihre Funktionen und ihre technischen Grundlagen beschreibt, wozu ich im Unterricht neige.

Twitter for Fun and Profit?

Jochen fragt die anwesenden Aficionados, wie sie Twitter nutzen, und es kam eine ganze Reihe interessanter Antworten zusammen. Die Frage: Welchen Sinn hat Twitter überhaupt? stellt kaum noch jemand. Achim Meurers Videoaufzeichnung der Session hier.

Open StreetMap

Das Highlight des BarCamps für mich war Helges Session zu Open StreetMap. Über dieses Projekt habe ich vorher nichts gewusst, außer dass es existiert. Es geht dabei um eine komplette weltweite Straßenkartographie, die nach Open Source-/Wiki-Prinzipien erstellt wird und für jeden frei verwendbar ist. Ich kann Helge nur zustimmen, dass es hier um Großes geht: eines der wichtigsten Datenaggregate im Bereich der commons überhaupt. Die Qualität ist jetzt schon hoch, und die Konsequenzen sind überhaupt noch nicht zu ermesssen. Viele Städte außerhalb der Industrieländer erhalten überhaupt zum ersten Mal verlässliche Karten (so dass sich zum Beispiel auch nachweisen lässt, wo ganze Stadtviertel willkürlich von Bulldozern zerstört wurden.)

iPhone Apps

Ich habe leider noch kein iPhone, so dass ich der von Achim Meurer moderierten Session über iPhone-Applikationen nur als Zuhörer folgen konnte. Höhepunkt für mich: das iPhone als Mundharmonika.

PR vs. Web 2.0

Florian Ranner moderierte eine Session, die vor allem Probleme der PR im Web 2.0 betraf. Er fragte aus der PR-Perspektive, welche Botschaften einer Firma überhaupt auf Interesse bei Bloggern stoßen. Zu einem eindeutigen Ergebnis sind wir nicht gekommen. Klar ist nur, dass es mit Maßnahmen wie dem Social Media Release nicht getan ist. Wenn PR-Leute von Bloggern gehört werden wollen, müssen sie in deren Szene über die nötige Reputation verfügen.

Kulturwissenschaften vs. Web

Ganz zum Schluss habe ich mit Jana Herwig über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit unterhalten, geistes- oder kulturwissenschaftlich an das Web heranzugehen. Wir sind — von verschiedenen Ausgangspunkten aus — zum selben Ergebnis gekommen: Es ist dringend, einen webwissenschaftlichen Diskurs zu etablieren, in Fühlung aber auch in Distanz zur aktuellen akademischen Diskussion oder Nichtdiskussion des Web.

Verpasst …

… habe ich u.a. die Session über die Anwendung des Frequency Following Response in Werbung und Medien, die man sich aber erfreulicher Weise im e-Learning Blog anhören kann. Auch Matthias Lux’ Session über Lire hätte ich gerne besucht.

Fazit

Neulich habe ich über ein BarCamp den abwertenden Ausdruck Quasselcamp gelesen. Tatsächlich ist ein Barcamp eine Gelegenheit zu sprechen. Ich glaube, die meisten Teilnehmer waren von diesem Format wieder so angetan wie ich: Man kann sich offen und ohne Wichtigtuerei über Dinge austauschen, die einen interessieren, und genauso gefragt, wie sein Wissen weiterzugeben, ist zu sagen, was man nicht weiß.

Anmerkung: Ich werde noch ein paar Videos von Sessions ins Netz stellen und die Links dazu ergänzen.