Symptomatische und eigentlich skandalöse Äußerung von @josefkalina. Zeigt in ihrer Beiläufigkeit die absolute und zynische Ahnungslosigkeit der überkommenen politischen Klasse hinsichtlich der ökologischen Katastrophe. Andere sind nur nicht ganz so ehrlich.
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Ganz meinerseits, freue mich auf die Fortsetzung! Und @hypothes_is gefällt mir für solche Diskussionen gut, auch wenn man dann die Fäden wieder zusammenführen sollte.
Replied to

Ich stimme J. Schellnhuber zu 100% zu. Ich wünsche mir, dass die, die Klimaschützern Ideologie vorwerfen (in Graz denke ich gerade an @GuenterRiegler) zu diesen Aussagen Stellung nehmen. Sehe die Ideologie bei denen, die die Wissenschaft nicht verstehen https://www.derstandard.at/story/2000119748884/klimaforscher-schellnhuber-das-virus-hat-keine-lobby-das-fossile-wirtschaften

Anders Levermann hat in einem Interview in der letzten Woche festgestellt (Levermann 2020):

Einen Systemwandel können Leute gern fordern, dafür gibt’s auch legitime Gründe, aber das Klimaproblem müssen wir innerhalb der nächsten 30 Jahre lösen. In nur drei Jahrzehnten müssen wir die komplette Weltenergieversorgung umgebaut haben. Deshalb müssen wir sofort beginnen, wir können nicht auf den Systemwechsel warten. Nochmal: Das Klimaproblem ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es muss und kann in diesem System gelöst werden.

Diese Aussage steht auf den ersten Blick in offenem Gegensatz zu einem Satz aus dem Schreiben, das Greta Thunberg, Luisa Neubauer und andere initiert und in der letzten Woche u.a. der deutschen Bundeskanzlerin übergeben haben (Charlie et al. 2020):

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Habe eben den Artikel RCP8.5 tracks cumulative CO2 emissions (Schwalm, Glendon, and Duffy 2020) gelesen, über den in vielen Medien berichtet wurde (meine Hypothesis-Annotationen hier). Es geht darum, welches der Szenarien, die der Weltklimarat für die zukünftige Entwicklung vorgeschlagen hat, am realistischsten ist. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass das Worst Case-Szenario RCP8.5 vom bisherigen Verlauf der CO2 Emissionen bestätigt wird: Die kumulierten Emissionen bis 2005 weichen nur um ca. 1% von diesem Szenario ab. Andererseits stellen sie fest, dass dieses Szenario auch die Risiken der wahrscheinlichen Entwicklung bis 2050 am besten erfasst. Zwar sind die aktuellen CO2-Emissionen niedriger als in RCP8.5—sie liegen zwischen diesem Szenario und dem nächstschlimmen RCP4.5. Aber die inzwischen bekannten Feedback-Mechanismen (z.B. Auftauen des Permafrosts, Zerstörung von Böden, zunehmende Waldbrände) tragen zusätzlich zum Treibhauseffekt bei, so dass das Business-as-usual-Szenario RCP8.5 den tatsächlichen Risiken der aktuellen Entwicklung am besten entspricht.


Kumulative Emissionen seit 2005

Gesamte kumulierte CO2-Emissionen von 2005 bis 2020, 2030 und 2050. Datenquellen: Historische Daten aus dem Global Carbon Project (6); Emissionen, die mit den RCPs übereinstimmen, stammen aus der RCP-Datenbank Version 2.0.5 (https://tntcat.iiasa.ac.at/RcpDb/); “business as usual” und “business as intended” stammen aus den Szenarien “Current Policies” bzw. “Stated Policies” der IEA (9). Die IEA-Daten (nur fossile Brennstoffe aus der Energienutzung) wurden mit der zukünftigen Landnutzung und den Industrieemissionen kombiniert, um die gesamten CO2-Emissionen zu schätzen. Die zukünftigen Landnutzungsemissionen wurden anhand linearer Trendanpassung an die Landnutzungsemissionsdaten des Global Carbon Project von 2005 bis 2019 geschätzt (6). Industrieemissionen werden auf 10% der Gesamtemissionen geschätzt. Die endgültigen IEA-Daten verwenden historische Werte bis 2020 und danach Szenariowerte. Biotische Rückkopplungen sind in keiner IEA-basierten Schätzung enthalten. Es ist zu beachten, dass die RCP-Antriebsniveaus (im Original: forcing levels) die Summe der biotischen Rückkopplungen und der menschlichen Emissionen darstellen sollen. (Übersetzung der Original-Bildunterschrift mit Hilfe von https://www.deepl.com/translator). Originalgrafik: https://www.pnas.org/content/early/2020/07/30/2007117117/tab-figures-data. Distributed under Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives License 4.0 (CC BY-NC-ND)

Ein Hintergrund dieser Veröffentlichung in den Proceedings der Akademie der Wissenschaften der USA sind Forschungen zur Klimasensitivität. Soweit ich informiert bin, ist dabei vor allem die Studie An assessment of Earth’s climate sensitivity using multiple lines of evidence (und das öffentliche Echo auf sie) relevant (Sherwood et al. 2020), bei der das radiative forcing, der Strahlungs-Antrieb, zu dem eine Verdoppelung der Treibhaugase gegenüber dem vorindustriellen Niveau führt, genauer angegeben wird als bisher. Sie beträgt danach mit 66% Wahrscheinlichkeit 2.6‐3.9 Grad Kelvin.

Zeke Hausfather, einer der Autoren dieser Studie hat zu der Verteidigung von RCP8.5 in einem Twitter-Thread kritisch Stellung genommen. Darin geht er auf eine Reihe weiterer Forschungen und Modelle ein, aus denen sich ihm zufolge eine Relativierung der Wahrscheinlichkeit von RCP8.5 ergibt—wenn man das so formulieren darf.

Hinter der auf viele esoterisch wirkenden Frage nach der Wahrscheinlichkeit von RCP8.5 steht das—soweit man es wissen kann—wichtigste gesellschaftliche Problem der Gegenwart—ob und wie sich vermeiden lässt, dass die Erde das Holozän endgültig verlässt und sich zu einem Treibhaus entwickelt. Mich interessiert hier, wie dabei das Verhältnis von wissenschaftlichen, journalistischen und anderen Inhalten oder Veröffentlichungen zueinander ist, und ob sich Content-Strategien für diese Art von wissenschaftlicher Diskussion formulieren lassen. Wenn man wissenschaftliche Veröffentlichungen wie die zu RCP8.5 liest, merkt man schnell, dass sich hier nicht eine politische oder praktische Ebene von einer wissenschaftlichen abtrennen lässt, sondern dass es um die Interpretation komplexer Fakten geht, die, lax formuliert, sowohl naturwissenschaftlichen wie politischen Charakter haben, und die aber nicht (wie von den Klimaleugnern betrieben), politisiert werden dürfen, um unliebsame Folgen erkannter Fakten zu vertuschen.

Nachweise

Schwalm, Christopher R., Spencer Glendon, and Philip B. Duffy. 2020. “RCP8.5 Tracks Cumulative CO 2 Emissions.” Proceedings of the National Academy of Sciences, August, 202007117. doi:10.1073/pnas.2007117117.
Sherwood, S., M. J. Webb, J. D. Annan, K. C. Armour, P. M. Forster, J. C. Hargreaves, G. Hegerl, et al. 2020. “An Assessment of Earth’s Climate Sensitivity Using Multiple Lines of Evidence.” Reviews of Geophysics, July. doi:10.1029/2019RG000678.
In meiner digitalen Bibliothek habe ich jetzt drei makroökonomische Studien zur Machbarkeit einer Postwachstums-Wirtschaft in einzelnen Ländern, nämlich zu Frankreich (D’Alessandro et al. 2020), Italien (D’Alessandro et al. 2020) und Kanada (Jackson and Victor 2020).

Nachweise

D’Alessandro, Simone, André Cieplinski, Pietro Guarnieri, and Distefano, Tiziano. 2020. “Coupling Environmental Transition and Social Prosperity:a Scenario-Analysis of the Italian Case.” Discussion Papers del Dipartimento di Scienze Economiche –Università di Pisa, n. 256. http://www-dse.ec.unipi.it/ricerca/discussion-papers.htm.
D’Alessandro, Simone, André Cieplinski, Tiziano Distefano, and Kristofer Dittmer. 2020. “Feasible Alternatives to Green Growth.” Nature Sustainability, March. doi:10.1038/s41893-020-0484-y.
Jackson, Tim, and Peter A. Victor. 2020. “The Transition to a Sustainable Prosperity-A Stock-Flow-Consistent Ecological Macroeconomic Model for Canada.” Ecological Economics 177 (November): 106787. doi:10.1016/j.ecolecon.2020.106787.

Einige der bekanntesten Vertreter der Erdsystemwissenschaft haben jetzt in The emergence and evolution of Earth System Science (Steffen et al. 2020) die Geschichte dieser, wie es in dem Artikel heisst, transdisziplinären Wissenschaft dargestellt. Der Artikel macht verständlich, in welchen wissenschaftlichen Zusammenhang Publikationen zu den planetaren Grenzen, zum Anthropozän und zu Kipp-Punkten und Kaskaden von Kipp-Punkten gehören.

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