Ich bin sprachlos und ratlos. Nicht so sehr wegen der rassistischen Arbeit selbst. Auch nicht wegen der Benotung durch einen Betreuer. Das kann man als gravierendes, aber individuelles Fehlverhalten ansehen. Sondern darüber, dass die Hochschule, an der ich arbeite, offenbar nach dieser Stellungnahme einen Bachelor-Grad vergeben hat: Zur Diskussion über eine Abschlussarbeit an der FH Joanneum (Graz). Ich wünsche mir, dass des nicht stimmt. Und ich hoffe, dass endlich alle Dokumente dazu und ihre Daten veröffentlicht werden.

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Koinzidenzen. Heute sind Europawahlen, ich habe mit meiner kroatischen Frau in Österreich gewählt und warte gleich in Deutschland bei meinem Vater auf die Ergebnisse. Morgen fahre ich über Brüssel mit dem Eurostar nach London. Ich brauche Europa, die Nationalstaaten sind mir egal.

Ich kenne David Abulafias Namen, weil mir Regina vor Jahren seine Biografie des Mittelmeers geschenkt hat. Ich habe in den letzten Wochen öfter an an das Buch gedacht und mir vorgenommen, es zuende zu lesen, wenn wir im Sommer auf Žirje sind. Das Abulafia in Graz liest, habe ich erst ein paar Stunden vor der Veranstaltung gesehen.

David Abulafia mit Dominik Berger und Steffen Schneider im Literaturhaus Graz
David Abulafia mit Dominik Berger (links) und Steffen Schneider (rechts) im Literaturhaus Graz, 16.5.2019

Der Abend begann sehr verhalten, und Abulafia las zuerst wie ein distanzierter Professor. Aber je mehr er zwischen den Leseabschnitten mit Steffen Schneider ins Gespräch kam, und noch mehr, als er auf Fragen der Zuschauer antwortete, hörte man ihm als einem Erzähler zu. Er macht die akademische Geschichtschreibung zum Medium des Erzählens und zeigt die erzählerischen Potenzen des wissenschaftlichen Vorgehens, er illustriert nicht im Nachhinein auf anderem Wege erschlossene, unanschauliche Fakten. Oder vielleicht, umgekehrt: Er macht die Erzählung zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Erschließung, bis dahin, dass er die Geschichte eines ganzen Meeres erzählt. In diese Geschichte verwoben ist die Geschichte seiner Familie. Er selbst sagte, dass ihm diese persönlichem Motive seiner Arbeit erst im Nachhinein bewusst geworden sind. Abulafia stammt aus einer sephardischen Familie, deren Mitglieder im Laufe der Jahrhunderte an vielen Orten des Mittelmeerraums gelebt haben.

Dass Erzählen und Darstellen für Abulafia nicht nachrangig ist, lässt mich jetzt auch seine Bemerkungen zu Fernand Braudel verstehen, dessen Werk zum Mittelmeer einen Intertext von Abulafias Buch bildet. Abulafia hat sich nicht methodisch oder theoretisch von Braudel abgesetzt, sondern gesagt, dass Braudels Mittel für ihn nicht ausreichten, um die Geschichte des Mittelmeers zu erzählen. Braudel, so habe ich es in Erinnerung, hätte das Mittelmeer zu sehr von den Landregionen her verstanden, die es umgeben. Vielleicht zielt auch die andere kritische Bemerkung Abulafias zu Braudel nicht nur auf ein falsches theoretisches Konzept, sondern auf einen Ansatz, der erzählerisch nicht funktioniert: Er habe sich zu wenig mit den Menschen beschäftigt. Für Abulafia selbst stehen die menschlichen Entscheidungen im Mittelpunkt. Menschliche Handlungen wie die Gründung Alexandrias nach einem Traum Alexanders des Großen könnten Folgen über Jahrtausende haben. Durch menschliche Entscheidungen könnten sich Situationen auch sehr schnell verändern, in viel kürzen Zeitspannen, als sie Braudel erfasst habe: Not all change is slow.

In der Diskussion sprach Abulafia vom Mittelmeer als einem open space. In diesem Raum ist nichts fix. Diese Nichtfixiertheit ist ein Leitthema Abulafias. Sie betrifft alle Entitäten, auch die sogenannten Völker. Abulafia schreibt über Schiffe, Menschen und Völker, die sich bewegen. Die Portugiesen, die in der frühen Neuzeit in Italien auftauchen, seien äußerlich konvertierte Juden aus Spanien gewesen, die sich dann in späteren Generationen in Holland angesiedelt und niederländisch gesprochen hätten. Für die mediterranen Städte, die Abulafia—mit Nostalgie—porträtierte, ist charakteristisch, dass in ihnen unterschiedliche Gruppen, wie Griechen, Juden, Armenier zusammenleben, dass sie sich nicht ethnisch verstanden. In Triest habe sich diese Vielfalt etwas besser erhalten als in vielen anderen der berühmten mediterranen Städte. In Smyrna und später in Alexandria habe sie der Nationalismus ausgelöscht.

Something very precious hast been lost and is very difficult to replace.

Ich habe Abulafia in der Diskussion nach den Besonderheiten Dubrovniks gefragt, und er ist sofort auf die multiple Identität dieser Stadt zu sprechen gekommen, auf die drei Sprachen (kroatisch, italienisch, dalmatinisch), die dort früher gesprochen wurden, und auch auf ihre Mittler-Position zwischen dem Meer und den Balkanländern. Zum Thema Abulafia als Erzähler gehört auch, dass das historische Wissen bei ihm persönliches Wissen ist, das er bei den Fragen, die ihm gestellt wurden, sofort abrufen kann, und dass er mit diesem Wissen ein bestimmtes Publikum oder auch einen einzelnen Fragesteller ansprechen und erreichen kann.

In der Diskussion erwähnte Abulafia mehrfach Katalonien und Barcelona, wo man die katalanische Identität nie ethnisch verstanden habe. Er zitierte Artur Mas, der davon geträumt habe, dass die Migranten aus Afrika den Keim einer neuen multikulturellen Gesellschaft in Barcelona bilden würden. Dass Abulafia die Beweglichkeit und Offenheit des Meers der Statik der Territorien gegenüberstellt, motiviert vielleicht auch sein Engagement für den Brexit, für den er als Sprecher der Historians For Britain eintritt.

Nach Kroatien möchte ich mir im Sommer Abulafias Mittelmeer-Buch mitnehmen, und dieses oder ein anderes mal auch einige andere Bücher, die ich an dem Abend im Literaturhaus kennengelernt habe: Abulafias spätere Geschichte der Ozeane The Boundless Sea, The Corrupting Sea von Peregrine Horden und Nicholas Purcell, ein anderes neueres klassisches Werk zu Geschichte des Mittelmeers, In Search of the Phoenicians, in dem Josephine Quinn die Phönizier als eine Fiktion der nationalistischen Geschichtsschreibung bezeichnet, und Texte von Amin Maalouf wie Les Identités meurtrières.

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Josef Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben stellen Ivan Cankar vor. Literaturhaus Graz, 29.4.2019

Von dem Abend im Literaturhaus zu Ivan Cankar möchte ich Cankar selbst in Erinnerung behalten, und auch einige Sätze Josef Winklers, der gestern seine Nacherzählung von Cankars Jernej der Knecht und sein Recht vorlas. Er interessiere sich eigentlich nur für die Sprache von Texten, kaum für die Inhalte, sagte Winkler. Die Sprache sei wie eine Katze oder ein Tiger, die sich elegant vorwärts bewegen, manchmal sei eine klappernde Blechdose an den Schwanz gebunden: der Inhalt. Ich dachte: Wie peinlich wäre es mir, wenn ich Winkler sagen müsste, dass ich an einem Studiengang für Content-Strategie arbeite, und ob es vielleicht erträglich wäre, von Inhaltsstrategie zu sprechen. Wir seien bei vielen Texten auf Übersetzungen angewiesen, sagte Winkler, als ihn eine Zuhörerin aufforderte, Slowenisch zu lernen. Jetzt seien gerade einige große Texte in neuen Übersetzungen erschienen—Romane von Dostojewskij, Tolstoi, Knut Hamsun, Melville. Die Übersetzungen und die Kritiken der Übersetzungen seien ein Anlass, wieder in diesen Büchern zu lesen, und nur diese großen Texte seien es Wert, gelesen zu werden, alles andere seien nur Seifenblasen. Er selbst sei auch nur eine Seifenblase, sagte Winkler, anders als viele Passagen Handkes, an dessen Beschreibung einer Igelfamilie er sich öfter erinnere als an die Igelfamilie, die er selbst vor einigen Jahren in Holland beobachtet habe. Er frage sich, wie ein Mensch überhaupt so schreiben könne.

Fast zwei Stunden lang haben Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben Ivan Cankars (und Josef Winklers) Sprache vorgestellt. Ich habe Cankar vorher nicht einmal dem Namen nach gekannt. Die Abschnitte, die ich gestern gehört habe, erinnern mich im Naturalismus und der Kritik an nationalistischer Provinzialität an Joyce und in der Insistenz und der Frage nach der Gerechtigkeit entfernt an Kafka. Einen Abend, bei dem die Sprache so unaufgeregt und konzentriert in den Mittelpunkt gestellt werden, habe ich auch im Grazer Literaturhaus nicht oft erlebt.

Viele Werke Cankars sind übersetzt im Drava-Verlag erschienen. Köstler und Leben notiere ich mir als Gewährsleute für slowenische Literatur.

Dubrovnik, Karwoche 2019

Wir sind am Sonntag von Graz nach Dubrovnik gefahren und werden hier bis Ostern bleiben. Ich kenne die Strecke inzwischen gut: von der milden Landschaft Sloweniens über die menschenleere Ebene hinter dem Velebit, den grauen Karst zwischen Zadar und Split bis zu der feuchteren, weniger strengen und vielfältigen Insel- und Küstenregion zwischen dem Neretva-Delta und Dubrovnik. Seit ich zum ersten Mal hier in Süddalmatien war, möchte ich hier leben. Als ich Ana kennengelernt habe, habe ich zuerst versucht so wenig wie möglich daran zu denken, dass sie aus Dubrovnik kommt. Ich wollte nicht, dass meine Sympathie für diese Gegend unsere Beziehung beeinflusst. Später habe ich dann gemerkt, dass bei Menschen, die hier großgeworden sind, der Wunsch, der Enge dieser kleinen Stadt zu entkommen, größer sein kann als die Begeisterung für die mediterrane Landschaft.

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Am Wochenende hat mein Twitter-Stream immer wieder einen Clip mit einem Ausschnitt aus einer Sendung von Dieter Nuhr angespült. Darin gibt Nuhr den Schülern, die gegen den Klimawandel streiken, gute Ratschläge: Fleißig lernen, am Fortschritt arbeiten, nicht den Physikunterricht verpassen. Die ökologische Zukunft werde nicht aussehen wie ein Bauernhof des 19. Jahrhunderts.

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Morgens beim Aufwachen das Gefühl, dass ich mich nicht mehr an die Zwänge anpassen muss, an die ich mich über Jahre gewöhnt habe, die für mich natürlich geworden sind. Vielleicht, weil mir langsam klar wird, dass ich nicht mehr Vollzeit arbeite. Ich muss nicht mehr mit Sprache etwas erreichen.

Ich kann dahin zurück, wo ich als Blogger hinwollte. Ich kann versuchen, meine eigene Stimme zu benutzen. Ich muss keine Rücksichten nehmen.

Die einzige Routine, die ich in den letzten Jahren erworben habe, ist die Meditation. Zielloses Atmen. Oder: Atmen mit dem Ziel, sich nicht auf ein Ziel zu konzentrieren. Das Schreiben, das mir vorschwebt, ist ähnlich. Eine Bewegung, die nirgendwo hinführt, die einfach anfängt und aufhört. Wie das Meditieren ist sie nur scheinbar egoistisch. Sie kommt nicht in Gang, wenn man sich auf sein Ich konzentriert.

Jetzt sitze ich an unserem Dachfenster, schaue auf den Schlossberg und frage mich, ob ich bei den Content-Strategie-Workshops, bei denen ich gerade referiere, nur erzähle, wie man sprachliches Junk-Food produziert. Wie weit ist das, was ich lese und auch das, was ich schreiben will, von dem entfernt, was ich schon lange jeden Tag mache: unterrichten, wie man mit Sprache etwas erreicht?

Jetzt, nach dem Frühstück, bekomme ich meine Gedanken nach dem Wachwerden kaum noch zu fassen. Ich habe gestern eine Maschinerie vorgestellt, aber nicht klar sagen können, wozu sie dient. Mir sind heute früh die unterschiedlichen Sprachfunktionen durch den Kopf gegangen, wie sie Bühler beschreibt. Ich muss in diesen Workshops Leute befähigen, mit anderen über Inhalte zu sprechen, eigentlich: Inhalt, das Sprechen, Kommunikation anzusprechen und zum Thema zu machen—in Organisationen, in denen alles andere zum Thema wird. Man muss das schaffen, ohne in den administrativen Jargon zu verfallen, der Organisationen so unerträglich macht.

Vielleicht ist das der Anspruch der Content-Strategie (und damit bin ich weg von meinen Morgengedanken): die Inhalte so einfach und angenehm zu machen, dass man sich auf sie freut, statt sich an sie anpassen zu müssen—so wie eine gut designte Applikation einfach angenehm zu benutzen ist, statt mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.

Am Dienstag waren Ana und ich im Literaturhaus bei einer Lesung von Daniel Wisser und Philipp Weiss, moderiert von Zita Bereuter. Die Bücher, die Weiss und Wisser vorgestellt haben—Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen und Die Königin der Berge— sind sehr unterschiedlich. Jedes von ihnen hätte einen eigenen Abend verdient. (Ich werde hier Wissers Erzählung über einen MS-Patienten nicht gerecht—das liegt an meinen Interessen, nicht an der Qualität seines Texts. Eine gute Rezension gibt es im Falter.)

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