Gestern Nachmittag haben wir in der Off_gallery zu einen Tag der offenen Tür mit Kinga Tóth eingeladen. Zum Abschluss fand nach einer Performance von Kinga ein Künstlergespräch statt, bei dem ich ihr einige Fragen stellen konnte.

Ich verstehe ihre Arbeitsweise jetzt etwas besser, aber ich bin noch dabei ihr Werk kennenzulernen. Die Ausstellung bleibt bis April geöffnet, ich werde sie mir selbst noch oft anschauen—auch, weil sie mitbestimmt, was aus dem Raum wird, den wir dort gestalten.

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Gestern erste Ausstellungseröffnung in der Off_gallery. Wir werden sie auf der Website dokumentieren, die jetzt auch online ist (aber noch nicht eröffnet, so wie der Raum in der Griesgasse vor dem Start gestern). Wir stellen für die erste Ausstellung vor allem den Ort zur Verfügung, gemacht haben sie Kinga Tóth selbst und die Kulturvermittlung Steiermark.

Kinga Tóth in der Off_gallery Graz, 20.3.2019. Bild: Anstasija Georgi

Kinga Tóth hat den Abend auf mehreren Ebenenen und vielstimmig gestaltet, durch ihre Performance am Beginn, durch die ausgestellten Objekte—die zugleich Texte und Bilder sind—und diskursiv im Gespräch. Die Vielkanaligkeit (oder das Zurücklassen der Kanäle) und der Performance-Charakter—die Einmaligkeit der Aufführung oder Aktion—sind für ihre Art, Kunst zu machen, charakteristisch. Sie schreibt, gestaltet Sprache und gestaltet mit Sprache, und sie benutzt dabei alle medialen Dimensionen der Sprache und ein Kontinuum von der Geste und dem Laut bis zur fixierten Codierung und metasprachlichen Reflexion. Sie agiert vom spontanen Spielen mit gerade vorhandenen Objekten (z.B. der Leiter, die im Ausstellungsraum stand) bis zur politischen Aktion und Proklamation. (Zum ersten Mal gesehen habe ich Kinga Tóth bei der 60-Jahr-Feier des Forums Stadtpark, bei der sie die Situation in Österreich und in Ungarn aufeinander bezogen und präzise formuliert hat, worum es an diesem Abend ging.) Sie arbeitet auf allen Ebenen dialogisch, von der Improvisation (es waren einige Musiker da, mit denen sie zusammenarbeitet) bis zur Diskussion mit dem Publikum. Am ungewohntesten und faszinierendsten ist für mich das performative improvisierte oder situative Arbeiten mit der Sprache als Körper (sie spricht von living text bodies). Ich habe es bei ihren Vorgängern und Vorgängerinnen von den Dadaisten bis zur musique concrète nie so wahrgenommen, vielleicht weil bei Kinga Tóth die Performance-Tradition der Avantgarde mit der des Punk zusammenkommt.

Später am Abend hat Kinga Tóth Artificial Intelligence und die Sprache im Netz erwähnt. Ich finde es interessant zu überlegen, welche Beziehungen es zwischen ihrer Art eines entgrenzenden Umgangs der Sprache und den Hypertext-Konzepten z.B. von Teodora Petkova gibt, die mit Begriffen von Bahtin und Julia Kristeva beschreibt, was im Semantic Web stattfindet. Vielleicht kommen wir dazu bei dem Künstlergespräch, das für den nächsten Donnerstag geplant ist.

Off_gallery, Griesgasse 31, Foto: Erika Petrić

Wir haben heute die erste Veranstaltung in der Off_gallery in der Griesgasse. Wir sind Gastgeber für Kinga Tóth. Mit unserem eigenem Programm starten wir im Mai.

Ich mache bei diesem Projekt mit, weil ich etwas lernen möchte. Meine beiden Partnerinnen Erika Petrić und Anastasija Georgi beschäftigen sich professionell mit Architektur und Photographie. Wir wollen Architekturfotografie im weitesten Sinn ausstellen, Arbeiten, die sich mit der Erforschung von Räumen und räumlichen Situationen beschäftigen.

Was interessiert mich an diesem Projekt? Für mich gibt es zwei Ausgangspunkte: Die Lewis Baltz-Ausstellung in der Albertina vor ein paar Jahren, und die Idee des Terrestrischen, auf die ich in Bruno Latours Terrestrischem Manifest gefunden habe.

Von der Baltz-Ausstellung sind mir am intensivsten die Serien zu kalifornischen Vorstädten im Gedächtnis geblieben: Präzise Fotografien von sich endlos identisch wiederholenden weißen Eigenheimen. Behalten habe ich auch den Audruck New Topographers, das Konzept der Erfassung von Orten, dessen was jetzt so ist. Vor ein paar Jahren habe ich hier in Graz zum ersten Mal Bilder von Zita Oberwalder gesehen. Auch bei ihr hat mich fasziniert, wie sie Orte abbildet, wobei die Orte auf etwas verweisen, das sich gerade nicht abbilden lässt, das sich nicht von einem Projekt der oder des Fotografierenden trennen lassen.

Die Fotografien von Lewis Baltz, vielleicht auch von Zita Oberwalder, sind Gesellschaftsbilder, auch wenn man keine Menschen auf ihnen sieht. Sie zeigen Objekte, die zur Gesellschaft gehören, mit denen Gesellschaft stattfindet. Die Gesellschaft ist nicht einfach da, sie wird oder sie wurde gemacht. Das, was die Bilder zeigen, ist von ihr übergeblieben, ist vergangen oder auch zukünftig, weil darin und damit Gesellschaft stattfinden wird.

Terrestrisch, so verstehe ich den Begriff von Latour, ist eine Orientierung an Orten und Netzwerken, eine Vergesellschaftung, zu der nicht nur Menschen, sondern auch Objekte gehören, die Konstruktion von sozialen Beziehungen (die Beziehungen sind das Soziale), für die der Unterschied zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren von untergeordneter Bedeutung ist. Im Terrestrischen sieht Latour eine Möglichkeit zu landen (atterrir), ohne auf ein Zurück zur fingierten Welt der geschlossenen lokalen Einheiten (Nationalstaaten, Gemeinschaften) hoffen oder noch auf den linearen Fortschritt hin zu einer globalen Moderne zu vertrauen. Latour ruft dazu auf, die Verbindungen und Netzwerke zu pflegen und zu entwickeln, von denen das Leben an einem Platz abhängt, unabhängig von den hergebrachten Regionen oder Nationen. Die Orte werden durch die Verbindungen mit anderen Orten definiert, nicht durch übergreifende Einheiten.

Von unserem Projekt, der off_gallery, erhoffe ich mir, mich mit Orten aus dieser Perspektive des Terrestrischen beschäftigen zu können, etwas darüber zu erfahren, wie sie erfahren, hergestellt und —vorübergehend—gesehen werden können.

Monika Lichtenfeld, Gerhard Rühm, Paul Pechmann

Gerhard Rühm hat gestern im Kulturzentrum bei den Minoriten gelesen. Für mich war es ein seltsames Wiedersehen. In den 70er Jahren bin ich durch eine Vorlesung von Gerhard Rühm bei den Germanisten in Köln auf die experimentelle deutsche Literatur gestoßen. Einige Passagen gestern waren, wenn ich mich richtig erinnere, wie aus seinem Vortrag damals übernommen. Was mir gestern aufgegangen ist: Die Rolle der Simultaneität bei Rühm, das Erzeugen von Konstellationen.

Auf dem Bild oben: Gerhard Rühm, Monika Lichtenfeld und Paul Pechmann lesen das Minidrama "Zwei Personen wollen guter Laune sein".

Koki Tanaka-Ausstellung im Kunsthaus Graz

Die Koki Tanaka-Ausstellung im Kunsthaus Graz haben wir bei einem Spaziergang besucht, ohne zu wissen was uns erwartet. Ich kannte vorher nicht einmal den Namen Tanakas. Mir ist vor zwei Wochen in der Ausstellung nicht aufgegangen, worum es bei diesen Objekten und Aktionen gehen könnte. Später setzte sich in meinem Kopf das Wort ephemer fest, auf das ich in der Ausstellung Architecture After the Future im Haus der Architektur gestoßen bin. Es trifft auch die Arbeiten Tanakas.

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