Gutenberg? Markdown? – Ich muss neu über das Schreiben für das Web nachdenken

Am Wochenende habe ich es endlich geschafft, mein Blog wieder auf WordPress umzustellen. Ich tue das hauptsächlich, weil ich IndieWeb-Technologien ausprobieren will, die ich mit Ghost nicht verwenden kann. Außerdem bietet WordPress viele Möglichkeiten, z.B. für die Suchmaschinenoptimierung, die es bei Ghost so nicht gibt oder die ich mit meinem technischen Wissen jedenfalls nicht ausnutzen kann. Weiterlesen Gutenberg? Markdown? – Ich muss neu über das Schreiben für das Web nachdenken

Branch: Dialogischer Hypertext

Vor ein paar Tagen habe ich das lange erhoffte Invite zu Branch bekommen und gleich eine Branch gestartet. Nach dieser ersten eigenen Erfahrung erscheint mir Branch noch interessanter als vorher. Branch repräsentiert für mich—ähnlich wie das bei Google leider gescheiterte Wave—eine eigene, neue Gattung oder ein neues Genre von Online-Texten: im Ansatz dialogisch (man kann monologisch bloggen, aber nicht branchen) und zugleich hypertextuell, weil verschiendene Zweige miteinander in einer nicht-hierarchischen Weise verknüpft sein können.
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Was ist Hypertext?

Wer jemals auf einer Webseite auf ein Link geklickt hat wie dieses, weiß, wie man mit Hypertext (englische Aussprache hier) umgeht. Wie legt man ein solches Link an? Die Erklärung ist vielleicht etwas trocken, aber sie erleichtert es zu verstehen, um was es sich bei Hypertext handelt.

Die meisten Webseiten sind in HTML geschrieben, einem Code zum Verfassen von Hypertext. Bei einem HTML-Dokument wie dem, das ich hier gerade schreibe, stellt der Browser Code wie den folgenden als Link (oder Hyperlink) dar:

<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertext"
title="Hypertext – Wikipedia">dieses</a>

Das Wort dieses ist mit zwei Tags — das sind die Zeichenketten in den Spitzklammern, englische Aussprache hier — als Links ausgezeichnet oder markiert. Die hintere Auszeichnung, das Schlusstag </a>, sagt nur, dass der markierte Bereich zu Ende ist. Die vordere Auszeichnung, das Starttag, hat mehrere Funktionen. Der Buchstabe a (eigentlich ein Elementnamen), sagt, dass es sich bei dem markierten Textteil dieses um ein Link handelt, eine Verknüpfung mit anderen Informationen. Ein Webbrowser gibt ein solches Link in der Regel farbig und unterstrichen wieder; wenn man mit der Maus darüberfährt, verändert sich der Cursor in eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. (Das a steht für das englische Wort anchor, Anker.) Die beiden Zeichenketten href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertext" und title="Hypertext – Wikipedia" sind Attribute. Der Wert des ersten Attributs — die Zeichenkette http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertext" — bezeichnet eine bestimmte Ressource im Web; nämlich den Artikel über Hypertext in der deutschsprachigen Wikipedia. Wenn ich im Browser auf das Link klicke, öffnet sich dieser Artikel. Der Wert des zweiten Attributs — Hypertext – Wikipedia — sagt mir, um welche Ressource es sich handelt. Wenn ich das Link mit der Maus überfahre, öffnet sich ein ganz kleines Fenster und gibt mit diesen Titel an. Die Buchstabenkette href, der Name des ersten Attributs, steht für hyper reference, deutsch: Hyper-Verweis. Ein Webbrowser, also die Software, mit der ich ein HTML-Dokument lese, ist dazu in der Lage, diesem Verweis zu folgen und sein Ziel darzustellen, im selben oder in einem anderen Browserfenster. Dazu braucht er natürlich sehr viel Infrastruktur, um die es hier jetzt nicht geht.

Ein HTML-Dokument — also ein Text, der in der Hypertext Markup Language geschrieben ist — wird durch Links zu Hypertext. Hypertext ist nicht einfach Text, der mit anderem Text verknüpft ist. Jeder Text bezieht sich auf andere Texte; die Intertextualität ist ein altes Thema in Sprachwissenschaft, Linguistik und Philosophie. Das Besondere an Hypertext ist, dass ich der Verknüpfung sofort folgen kann, dass ich die Verweise nicht nur in meinem Kopf realisiere — eventuell mit Hilfe von Büchern oder anderen Texten, die ich mir besorgt habe. Mit Hypertext habe ich es zu tun, wenn ich — z.B. indem ich auf ein Link klicke — direkt von dem Text, den ich lese, zu einem anderen Text übergehen kann, auf den der erste Text verweist. Aber auch diese Übergangsmöglichkeit reicht eigentlich nicht aus, um Hypertext zu definieren: Zwei Texte die aufeinander verweisen und die nebeneinander vor mir auf dem Tisch liegen, machen noch keinen Hypertext. Zum Hypertext gehört, dass der eine Text die Verbindung zum anderen (das Link) in sich enthält. Goethes Werther ist kein Hypertext, weil ich auf ihn verlinke; aber dieses Link macht meinen Text hypertextuell.

Hypertext ist Text, der mir als Leser die technische Möglichkeit bietet, die Lektüre sofort durch andere Texte, Textpassagen oder Informationen als die unmittelbar benachbarten fortzusetzen. Dabei verknüpft die Autorin nur bestimmte Teile eines Texts mit bestimmten Zielen. Als Leser kann ich diese Verknüpfungen realisieren, muss es aber nicht. Hypertext ist interaktiver Text; ich kann, über das Lesen hinaus, etwas mit ihm machen, Informationen mit ihm ansteuern. Ein Hypertext-Dokument kann ich — selbst wenn es nur ein einziges Link enthält — nicht nur lesen, sondern als Anwendung oder Programm benutzen.

Die Ausdrücke Anwendung und Programm stammen aus der Informatik; Hypertext wird mit Computern (im weitesten Sinn) geschrieben und rezipiert. Das bedeutet aber nicht, dass es sich bei Hypertext um so etwas wie Computertext handelt; Computer werden dazu benutzt, um Hypertexte zu verwirklichen, so wie sie auch dazu benutzt werden, Berechnungen durchzuführen. Hypertexte sind Texte, die die Möglichkeit bieten, mit Informationen zu interagieren, die mit Computern (und Netzwerken) in Echtzeit produziert oder bereitgestellt werden.

Noch zwei Hinweise:

Den Ausdruck Hypertext hat Ted Nelson in der 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt. Das Konzept selbst ist älter; oft wird Vannevar Bushs Aufsatz As We May Think von 1945 als erste Beschreibung eines Hypertext-Systems genannt. Durchgesetzt hat sich Hypertext durch das World Wide Web, das nichts anderes ist als ein weltweites Hypertext-System auf der Basis des Internet. (Das Internet ist mit dem World Wide Web nicht identisch; Email ist zum Beispiel auch ein Teil des Internet, hat aber mit dem WWW ursprünglich nichts zu tun.) Im World Wide Web wurde bei weitem nicht alles verwirklicht, was Ted Nelson und andere Vordenker des Hypertexts entworfen haben. Umgekehrt bestimmt vor allem die Entwicklung des WWW, was heute Hypertext ist. Zur Zeit wird die fünfte Version von HTML definiert; HTML ist nach wie vor das wichtigste technische Format für Hypertext, aber nicht das einzige.

Formulierungen wie As we may think oder Ted Nelsons Motto SOMEBODY’S GOT TO DISAGREE legen es nahe: Hypertext ist eine Sache der Leute, die Jean-Pol Martin Weltverbesserer nennt. So wie der Buchdruck eine Kulturrevolution ausgelöst hat, tut es heute der Hypertext — und dieser Wirkung haben seine Vordenker beabsichtigt. Links unterstützen vernetztes, nichtlineares Denken; sie verbinden nicht nur Texte, sondern auch Menschen. 

Das Video The Machine is Us von Michael Wesh beschwört das utopische Potenzial, das der Hypertext noch nicht verloren hat:

[Erste Version dieses Textes: 23.7.2008. Update, 13.6.2018: Code für das eingebettete Video und diesen Absatz aktualisiert.]