Armin Thurnher sorgt sich in seinem Kommentar Warum ich mich weigere, das Internet als Medium wirklich ernst zu nehmen im Falter vom 17.12.2008 um die Qualität der öffentlichen Diskussion. Ich fürchte, dass Interventionen wie dieser Artikel dem Niveau der Debatten über die Medien mehr schaden als nutzen, denn sie zielen nicht auf das Internet sondern auf eine Karikatur des Netzes: Urheberrechtsverletzer, anonyme Poster, gefakete Identitäten und irrationale Suchmaschinen-Algorithmen bestimmen das Bild. Diese Karikatur ist sicher nicht beabsichtigt; Thurnher hat Gegenargumente verdient. Auch und gerade in seinen Missverständnissen ist er ein interessanterer und nicht zuletzt eleganterer Widerpart als Wolfgang Lorenz mit seinem Sager vom Scheiss-Internet. Außerdem teilen viele der Gebildeten unter den Verächtern des Internets seine Vorstellungen von diesem Medium, das sie nur mit intellektuellen Beisszangen anfassen. Leider hat von den österreichischen Bloggern kaum jemand auf Thurnher reagiert (Ausnahmen: Gerald Bäck, Tom Schaffer; [Update und Korrektur, 24. Dezember: nachzutragen sind Blumenau, Andreas Ulrich und Bruckner]). Hier ein paar Kommentare zu Zitaten aus Thurnhers Artikel:

… egomanische Ich-AGs der Blogosphäre

Ich weiß nicht, ob Armin Thurnher Blogs liest. Selbst wenn: Diesen Eintrag wird er vermutlich nicht finden. Da ich ihn mit seinem Artikel nicht verlinken kann, wird er ihn nicht in seinen Referrer-Links oder Trackbacks entdecken. Ich kann im Falter auch keinen Kommentar schreiben, bestenfalls einen Leserbrief, den dann die Redaktion prüft. Im Qualitätsmedium Zeitung kommen nur wenige zu Wort, und diese wenigen erhalten nur selten Antworten von Lesern. Das Medium Zeitung ist exklusiv. Warum Thurnher, der die Regeln dieses Mediums beherrscht, von den egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre spricht, gehört zu den vielen Rätseln, die sein Text aufgibt.

… unterläuft das Freiheitsgefühl im Internet das Urheberrecht, also jede Form des geistigen Eigentums als illegitim

Ob ein Gefühl ein Recht als illegitim unterlaufen kann, sei dahingestellt. Aber nicht nur das Formulierung, das Argument selbst ist schief. Als das Urherberrecht — und vor allem die rechtlich abgesicherten Formen der Verwertung von geistigem Eigentum — durchgesetzt wurde, konnte man Inhalte nur verbreiten, indem man materielle Träger (meist aus Papier) vervielfältigte. Dabei achteten die Gesetzgeber übrigens darauf, dass die Gesellschaft geistige Leistungen angemessen weiter nutzen konnte, z.B. durch das Zitatrecht, die Möglichkeit Lizenzen zu erwerben oder auch durch die Kopierschutzabgaben. In Zeiten der digitalen Kopie und des fast unbegrenzten Speicherplatzes (also einer früher unvorstellbaren Beschleunigung und Vervielfältigung des Verkehrs der Ideen) lassen sich diese Rechte nicht nur nicht wirksam schützen, sie behindern die geistigen Leistungen, die im Web möglich werden, so wie Softwarepatente die Entwicklung von Software mehr blockieren als fördern. Es ist nicht Schuld des Internets, dass das bestehende Recht sich auf technische Verhältnisse bezieht, die erst durch die Digitalisierung als historisch bedingt und überholt erkannt werden können. Aufgeklärte Juristen wie Lawrence Lessig haben es als ihre Aufgabe erkannt, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Sie haben die Creative Commons-Lizenz erarbeitet um die freie Kultur im Netz zu sichern. Weitere rechtliche Regelungen werden folgen. Wer das Internet erst als Medium nutzen möchte, wenn das Rechtssystem nachgezogen hat, hätte Luther und Erasmus raten müssen, keine Bücher zu publizieren, bevor die Obrigkeit das Verlagswesen endlich unter ihren Schutz — und damit unter ihre Kontrolle — stellen würde.

Zweitens meint dieses Freiheitsgefühl ohne den Grund der Freiheit auszukommen, dass sich nämlich Personen offen mit ihrer Identität zu ihren Grundsätzen und Äußerungen bekennen …

Auch in dieser Formulierung unterstellt Thurnher einem Gefühl, es sei durch eine Meinung begründet. Vor allem aber: Er ignoriert, dass man sich im Internet durchaus als Person mit seiner Identität zu seinen Grundsätzen und Äußerungen bekennen kann. Und Thurnher scheint nicht zu wissen, dass das Konzept der Identität (und damit verbunden Probleme der Authentifizierung und des Datenschutzes) zu den Themen gehören, die von Entwicklern und Theoretikern des Web am intensivsten diskutiert werden.

Thurnher wirft dem Internet vor, dass man in ihm anonym posten kann. Wer aber wird gezwungen, sich anonym zu äußern (jedenfalls in den westlichen, freien Gesellschaften) oder anonyme Posts zu lesen? Jeder, der ernsthaft im Web publiziert — ob als egomanische Ich-AG oder nicht — nennt seinen Namen. Ich kenne keinen Blogger, der nicht als Person greifbar ist. Social Networks, Twitter und andere Web 2.0-Dienste bringen Autorinnen — als Personen — und ihre Leserinnen näher zusammen, als es irgenwo in den Printmedien möglich ist: Wer will, kann sich zeitnah und in allen seinen Äußerungen vom Bookmark zum Reiseplan verfolgen lassen. Unbekannt bleiben allenfalls die Schreiberinnen und Schreiber hinter den Websites der sogenannten Qualitätsmedien. Dort ist die Nennung von Autoren oft ebenso unüblich wie das Linken auf im Web zugängliche Quellen von Artikeln.

Sicher: Man kann anonym posten. Sicher: Anonymität ist meist ein Zeichen der Unseriosität. Medien wie der ORF und der Standard wären wahrscheinlich gut beraten, wenn sie anonyme Poster blockierten. Für Blogs hat das schon vor Jahren Tim O’Reilly in seinem Code of Conduct gefordert. Ich verbringe selbst zwischen 2 und 12 Stunden am Tag damit, Texte im Web zu lesen. Ich glaube nicht, dass ich mich in diesem Jahr auch nur eine Stunde mit anonymen Postings beschäftigt habe. Gegen Beleidigungen und Verunglimpfungen in Kommentaren ohne Nennung des Verfassers kann man schon heute rechtlich vorgehen.

… Solange die Frage der Identität im Internet nicht geklärt ist, darf man dieses Medium nicht ernst nehmen. Was spräche denn dagegen, im Netz nur Menschen zur Publikation zuzulassen, die sich identifizieren, wie in anderen Öffentlichkeiten auch?

Jeder kann im Web eine fingierte Identität anzunehmen und dort unter einer Maske aufzutreten, etwa als lonelygirl15 bei youTube. Aber diese Art der Verwendung von Pseudonymen ist nicht typisch für das Internet, sie ist in gedruckten Medien genauso möglich und durchaus üblich, von Josefine Mutzenbacher bis zu Dr. Sommer in der Bravo. Über Jahrhundert haben Gelehrte daran gezweifelt, dass der Autor William Shakespeare mit einem Schauspieler aus Stratford-on-Avon identisch ist. Soll man Shakespeare deshalb nicht ernst nehmen?

Es geht hier nicht um Datenschutz und digitale Bürgerrechte, aber das Thema Anonymität lässt sich ohne Rücksicht auf den Datenschutz nicht diskutieren. Die Freiheit wird nicht von der Anonymität im Internet bedroht, sondern von ihrer Aufhebung. Jede und jeder kann sich im Internet äußern. Wer bei allen Äußerungen den Urheber identifizieren will, verlangt eine Kontrolle, die nichts und niemand auslässt. (Und auch damit paktiert er mit der Musikindustrie, die sich durch allumfassende Kontrolle ein raubritterartiges Recht auf Weitergabe von Musik sichern will.) Liberale sollten danach nicht rufen. Nichts gefährdet die Freiheit mehr als die technische Möglichkeit, genauere Daten über jede einzelne und jeden einzelnen zu gewinnen, zu speichern und auszuwerten, als es selbst den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts möglich war. Wer das Urheberrecht aus der Zeit der Druckerpresse im Internetzeitalter durchsetzen und wer Anonymität im Internet ausschließen will, gefährdet die Freiheit, die er verteidigen will. Die Staaten, die schon heute nur Menschen zur Publikation zulassen wollen, die sich identifizieren, heißen China und Russland; im Italien Berlusconis ist ähnliches geplant.

Ferner geht im Internet das Gefühl für Qualität verloren.

Da stellt sich die Frage: Bei wem? Bei den Digital Natives oder bei denen, die von außen auf das Internet schauen und nicht mit ihm umgehen können? Clay Shirky hat gerade darauf hingewiesen, dass die Klagen über den Bildungsverfall durch das Internet Argumente wiederholen, die in den 50er und 6oer Jahren gegen das Fernsehen vorgebracht wurden. In seinem Interview, dass ich Thurnher gerne empfehlen würde (so wie Shirkys Buch Here Comes Everybody) weist er darauf hin, dass heute dank des Internets viel mehr Menschen viel mehr schreiben als je zuvor. Kann man angesichts von Kronenzeitung, Österreich und ORF 1 ernsthaft dem Internet vorwerfen, dem Gefühl für Qualität zu schaden?

Thurnhers Beispiel — eine Google News-Falschmeldung, die auf einen irrtümlich verwendeten 6 Jahre alten Zeitungsartikel zurückgeht — besagt nur, dass man Google News nicht mehr trauen darf als anderen Quellen. Es gibt genug Beispiele dafür, dass Blogger Falschmeldungen der traditionellen Medien korrigierten; ein bekannter Fall sind die angeblichen Dokumente zur Miltärzeit von George Bush, die von Bloggern als Fakes erkannt wurden. Auch ich traue einem Redakteur der NZZ mehr als anderen Quellen — weil er bei der NZZ arbeitet, nicht weil er ein Zeitungsredakteur ist.

Solange über die erwähnten Punkte aber nicht einmal ernsthaft diskutiert wird, löst das Internet nicht die Probleme der Öffentlichkeit, es verschärft sie nur

Dass über die von Thurnher erwähnten Punkte nicht ernsthaft diskutiert wird — im Internet und von Menschen, die das Internet als Medium weiterentwickeln wollen — kann man nur behaupten, wenn man sich mit dem Internet nicht ernsthaft beschäftigt. Auf ein paar dieser Diskussionen habe ich in meinem ersten Post zu Thurnher schon verwiesen. Dass Thurnher diese Diskussionen ignoriert und über sie hinwegschreibt, ist symptomatisch für eine Haltung, die er nicht nur mit Wolfgang Lorenz, sondern auch mit einem Konrad Paul Liessmann oder auch Norbert Bolz teilt. Wie sie ist Thurnher ein Kenner des herkömmlichen Medienbetriebs, in dem er seit Jahrzehnten aktiv ist. Thurnher, Lorenz oder Liessmann glauben, dass sie etwas vom Web oder vom Internet verstehen, weil sie viel von der Presse und den Mechanismen der Massenmedien verstehen. Mit einer Art déformation professionelle nehmen sie das Internet als defizienten Modus der Medien wahr, die ihm vorausgingen. Aber: ich kann es leider nur so lehrerhaft sagen: Das Internet ist ein komplexes Phänomen, es hat eigene Regeln, eigene Prinzipien und eine eigene Geschichte, die man nicht lieben muss, aber kennen sollte, wenn man über dieses Medium schreibt. Vielleicht muss man dazu sogar, um Clay Shirky noch einmal zu bemühen, einiges von dem verlernen, was man über die Medien zu wissen meint.

Gnade uns Gott, es kommt eine Krise

Das Default-Argument zum Schluss: Hätten die Anhänger Barack Obamas das Internet als Medium nicht wirklich ernst genommen, Obama wäre wahrscheinlich nicht zum Präsidenten gewählt worden. Er selbst nimmt es so ernst, dass er seine Politik zuerst im Web präsentiert und diskutiert — bis hin zur Publikation der transition manuals für die Mitglieder der neuen Administration. Gleichzeitig kreuzen die US-Zeitungen gerade durch eine Krise, neben der die Probleme unserer Printmedien wirken wie der Föhn neben einem Hurrikan. Die American Society of Newspaper Editors traut sich nicht recht, das Wort paper in ihrem Namen zu behalten. Unsere Diskussionen über des Scheiss-Internet oder darüber, ob man das Internet als Medium wirklich ernst nehmen soll, nehmen sich vor diesem Hintergrund aus wie die Diskussionen mit Fundamentalisten über den Wahrheitsgehalt des Schöpfungsberichts.

2 thoughts on “Für Armin Thurnher: Notizen zu einer Rechtfertigung des Internets

  1. wunderbarer artikel! es ist in der tat zum weinen, dass ein mann wie thurnher, einer der wenigen ernst zu nehmenden zeitungsmacher in ö, einen derartigen unqualifizierten schwachsinn von sich gibt – ohne sich auch nur ansatzweise mit dem gegenstand seiner schelte zu befassen… und dann noch, was dem ganzen ja die krone aufsetzt, was von qualität zu schreiben… da zieht’s einem die schuhe aus.
    immerhin: im aktuellen falter beginnt er ja wieder zurück zu rudern – es sei ihm ja nur um das lostreten der debatte gegangen – wieso allerdings mit einem derart schmierigen einstiegsstatement?

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