Gestern und heute The Great Hack gesehen, die deutsch synchronisierte Version.

CAMBRIDGE ANALYTICAS GROßER HACK Trailer German Deutsch (2019) Netflix

Meine ersten Eindrücke sind ambivalent:

Einerseits handelt es sich um einen gut gemachten Film, dessen Kernaussage wichtig ist und gut rüberkommt: Facebook und die anderen großen Konzerne, deren Geschäftsmodell die Auswertung persönlicher Daten ist, sind eine Gefahr für die Demokratien, gegen die diese nur mit stumpfen Waffen kämpfen.

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Im Juli hat Tim Jackson in dem Aufsatz Zero Carbon Sooner—The case for an early zero carbon target for the UK begründet, warum Großbritannien wesentlich früher als—wie derzeit geplant—bis 2050 CO2-neutral werden muss, wenn es einen fairen Beitrag dazu leisten will, die globale Erhitzung bei weniger als 1,5° Celsius zu stoppen.

Cover: Anthony Gormley's 'Another Place' in Liverpool; photographed by Bernie Catterall / Flickr (CC-BY 2.0)
Cover: Anthony Gormley’s ‘Another Place’ in Liverpool; photographed by Bernie Catterall / Flickr (CC-BY 2.0)
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Vor zwei Tagen hat die zweite große Hitzewelle dieses Sommers begonnen. Vorausgesagt werden Temperaturen bis zu 40° Celsius. Wer nur oberflächlich die Nachrichten verfolgt, hat in den letzten Wochen erfahren, dass das Ende der Arktis, wie wir sie kennen, kaum aufzuhalten ist, dass mit dem Abschmelzen eines großen Eisgebiets der Antarktis möglicherweise der erste globale Klima-Kipp-Punkt erreicht ist, dass 1.5° Temperaturerhöhung den größten Teil der existierenden Korallenriffe bedrohen und dass der brasilianische Regenwald noch schneller abgeholzt wird als bisher. Wenn mein Enkel Levi, der im letzten Jahr geboren wurde, 80 Jahre sein wird, wird es einige der eindrucksvollsten und im Erdsystem wichtigsten Zonen dieses Planeten wohl nicht mehr geben. Vorstellungen davon, was diese Zerstörungen in den übrigen Gebieten der Erde auslösen können, finde man in der dystopischen Literatur.

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Latour stellt zu Anfang seines Gaia-Buches die Frage, warum die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel so wirkungslos bleiben (siehe mein letztes Post dazu, indem ich einen ähnlichen Gedanken etwas anders formuliere). Er ruft nicht dazu auf, ihnen mit den üblichen Mitteln der Kommunikation mehr Nachdruck zu verschaffen. Die Strategie, die er vorschlägt, ist eine andere: das wissenschaftliche Arbeiten selbst als politisch zu begreifen, sich darüber klar zu werden, dass Wissenschaft schon immer Fakten öffentlich macht (auch im Sinne von: sie öffentlich produziert) und wissenschaftliche Forschung und politische Aktion integriert zu begreifen. Damit ist nicht gemeint—auch wenn solche Vorwürfe immer wieder gegen Latour erhoben wurden—dass wissenschaftliche Fakten willkürlich sind, dass sie, so wie es die Klimaskeptiker behaupten, aus dunklen Motiven fingiert würden. Gemeint ist vielmehr, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Methoden gibt, mit denen in der Wissenschaft und bei anderen sozialen Praktiken Fakten etabliert werden. Latour wendet sich gegen die Annahme, dass ein Graben die Wissenschaft von Politik und Gesellschaft trennt.

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Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019
Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019

Am Samstag hat Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser über James Joyce in Kakanien 1904 – 1915 gesprochen. Anlass dieses Literaturfrühstücks war das neuerschienene Buch James Joyce in Kakanien, in dem Stanzels Arbeiten zu diesem Thema gesammelt sind.

Stanzel hat nicht aus seinem Buch gelesen, sondern von Joyce und seiner Zeit in Triest erzählt—ohne zu erwarten, dass sein Publikum Joyce kennt. Einige Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßten Stanzel persönlich. Er hat Jahrzehnte Anglistik an der Karl Franzens Universität unterrichtet. Ich habe erst durch die Ankündigung der Veranstaltung entdeckt, dass Stanzel Grazer ist.

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Cover von Latour, Face à Gaïa
Cover von Latour, Face à Gaïa

Gestern habe ich endlich angefangen, Face à Gaïa von Bruno Latour zu lesen (deutsch: Kampf um Gaia: Acht Vorträge über das neue Klimaregime). Ich finde sehr viele Bezüge zu den Themen, mit denen ich mich, auch angeregt von Latour, jetzt schon länger beschäftige. Ein Detail: Jan Zalasiewicz, über den ich neulich geschrieben habe, gehört zu den Wissenschaftlern, bei denen sich Latour explizit bedankt.

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Gestern Abend habe ich mir—wie von Stefan Münz empfohlen—die jung & naiv-Folge mit Maja Göpel angesehen. Das Video ist sehr dicht, und ich würde vielen Hinweisen zur Nachhaltigkeitsforschung gerne weiter nachgehen. Mich erstaunt, wie stark jemand wir Maja Göpel in Deutschland in die Definition der Politik involviert ist. Ich finde sehr interessant, wie sie Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschafts-Themen mit dem offiziellen wissenschaftlichen und technokratischen Diskurs verbindet. Ich bin gespannt, ob das Drahtseil, auf dem sie tanzt, noch lange gespannt ist. Vielleicht bin ich aber nur selbst zu weit entfernt von einer akademischen und politischen Diskussion über Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die tatsächlich politische Konsequenzen hat.

Maja Göpel ("Scientists For Future") – Jung & Naiv: Folge 420
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Im letzten Jahr habe ich viel zu Klimakrise, Anthropozän und Planetary Boundaries gelesen, und ich lese laufend weitere solcher Texte. Ein Schlüsseltext zum Klimawandel, seiner Erforschung und dem Engagement von Wissenschaftlern war für mich Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change in der New York Times. Im Augenblick entdecke ich Wissenschaftler wie Hans Joachim Schellnhuber, Kevin Anderson und Michael Mann, die den Klimawandel seit Jahrzehnten erforschen und einen großen Anteil an der Bildung der wissenschaftlichen Community haben, die heute die Öffentlichkeit darüber aufklärt.

Ich versuche schon länger herauszufinden

  • ob diese Texte sich von anderen, ähnlichen Texten unterscheiden (also auch, ob z.B. Klimajournalismus über das Thema hinaus Eigenschaften hat, die ihn von anderen journalistischen Formaten oder Textsorten unterscheiden).
  • ob es Kriterien für die Qualität und Effizienz solcher Texte gibt (und damit auch, wie man contentstrategisch angesichts der Klimakrise agieren kann).
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Im letzten Jahr sind für mich zwei Entwicklungen wichtig geworden, die selten miteinander in Verbindung gebracht werden: das Engagement für Postwachstum, Degrowth oder Décroissance, und die IndieWeb-Bewegung. Unter IndieWeb versteht man ein offenes, von den individuellen Usern kontrolliertes und gehostetes Web. Es erinnert an das Web der 90er Jahre, integriert aber die inzwischen hinzugekommenen Funktionalitäten der sozialen Medien mit offenen Technologien und verzichtet dabei auf zentralistische Lösungen.

Man kann das IndieWeb als ein Mittel verstehen, um die Ziele der Degrowth-Bewegung zu erreichen, also als ein Medium, das mit minimalen Hardware- und Software-Ressourcen auskommt. Außerdem verfolgen das IndieWeb und die Degrowth-Bewegung ähnliche Zielsetzungen, können sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen. Beide Strömungen beruhen auf ähnlichen Prinzipien, auch wenn diese Prinzipien sicher oft ganz verschieden formuliert werden.

  • Degrowth ist die einzige realistische Möglichkeit, Klimawandel und Massenaussterben in einer absehbaren Zukunft zu begrenzen.
  • Degrowth ist nur möglich, wenn wir soziale und wirtschaftliche Strukturen schaffen, die ohne Wachstum funktionieren.
  • Das IndieWeb ist eine solche Struktur, die von den Teilnehmern selbst dezentral aufrechterhalten werden kann.
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In London, während der letzten Woche dort mit COS17, habe ich den langen Bericht im Guardian gelesen, in dem es um die Anerkennung des Anthropozän als geologischer Epoche durch die Internationale Kommission für Stratigrafie geht. Der Artikel berichtet ausführlich über die Geschichte dieses Konzepts und den aktuellen Stand, den ich so verstehe: Die Anthropocene Working Group hat sich (wenige Tage nach dem Artikel im Guardian) darauf geeinigt, eine distinkte geologische Epoche namens Anthropozän vorzuschlagen und setzt ihren Beginn mehrheitlich auf die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts an (siehe: Anthropocene now: influential panel votes to recognize Earth’s new epoch und Nächster Schritt zur offiziellen Anerkennung des Anthropozäns). Das geologische Indiz für den Beginn dieser Epoche sei der Fallout der Atombombenversuche. Er ist weltweit nachweisbar und unterscheidet das, was nach ihm kommt, deutlich von den älteren Schichten, vor allem von dem unmittelbar vorausgegangenen Holozän.

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