In der vergangenen Woche ist ein wichtiges Paper (Brand et al., 2021) erschienen, dass viele Autor:innen gemeinsam verantworten, die aus den Diskussionen über Degrowth und ökologische Ökonomie bekannt sind. Sie nehmen Stellung zu dem Framework der Planetary Boundaries, das Johan Rockström und andere Wissenschaftler:innen entwickelt haben. Der Aufsatz ist eine Positionsbestimmung. Das Konzept der planetaren Grenzen wird aus der Perspektive einer kritischen Sozialwissenschaft aufgenommen und kritisch weitergedacht. Es geht weniger um zusätzliche Fakten und Forschungen als um eine Reflexion der Begriffe und leitenden Ideen. Diese Reflexion stützt sich auf ein Review einer fast unüberschaubar großen Zahl sozialwissenschaftlicher und ökonomischer Arbeiten.

Die Positionsbestimmung hat drei Schwerpunkte:

  1. Die planetary boundaries sind ein Konstrukt, das auf normative Konzepte zurückgreift. Diese Voraussetzungen müssen explizit gemacht, reflektiert und in Prozesse der Aushandlung eingebracht werden, um die planetaren Grenzen als gesellschaftliche Grenzen (societal boundaries) neu zu definieren oder neu zu verstehen. Die societal boundaries bleiben dabei vom Erdsystem abhängige Belastungsgrenzen, sind also nicht “Subjektives”.

First, we show how the rather technocratic understanding of societal dynamics and societal relations to nature of the planetary boundaries framework is flawed in grasping socioeconomic drivers, processes, and structures causing the ecological crisis.

  1. Für die aktuellen und die drohenden Überschreitungen der planetaren Grenzen verantwortlich ist nicht ein kollektiver Akteur Menschheit, sondern konkrete Akteure, die vor allem innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems handeln. Die ökologischen Katastrophen, die durch die Überschreitung der planetaren Grenzen hervorgerufen wurden und werden, lassen sich innerhalb dieses Systems nicht dauerhaft verhindern.

Second, we focus on capitalist societies as a heuristic for discussing historical structural conditions, institutions, actors, and power relations that drive the ever-expanding material and energy flows required in their societal reproduction ‒ that is their societal metabolism.

  1. Die nötige ökologische und gesellschaftliche Transformation muss sich an einem Konzept von Freiheit oder Autonomie orientieren, das Freiheit als Freiheit vom Zwang, andere zu beherrschen und auszubeuten, versteht und realisiert.

Finally, we introduce the alternative notion of societal boundaries, or collectively defined thresholds, that societies establish as self-limitations and conditions for a “good life for all.” […] They have the potential to act as guidelines for a just, social-ecological transformation through the development of collective autonomy or, in other words, “self-limitation”

Die Formulierungen zum normativen Charakter jeder Bestimmung planetarer Grenzen haben mich an Georges Canguilhems These erinnert, dass die Lebenswissenschaften nicht auf ein Konzepte der Normalität verzichten können und damit (so verstehe ich es) Normen voraussetzen (Canguilhem, 2013) . Wiederholt werden in dem Papier auf den Globus fixierte Ansätze kritisiert, die die Unterschiede zwischen Gesellschaften (bzw. den konkreten Netzwerken aus menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren) ignorieren. Ich sehe Brücken zu Latours Entgegensetzung von Gaia und Globus (Latour, 2017). Der letzte Teil des Papiers ist in seiner Vorstellung von Freiheit Karl Polanyi (Polanyi, 2001) verpflichtet und nimmt Gedanken auf, die ich einem anthropologischen Anarchismus zuordnen würde.

Die Arbeit ist ein Review einer kaum überschaubaren Menge an Forschungsliteratur. Für mich ist sie ein Schlüsseltext: Sie schließt sozialwissenschaftlich an zentrale Ergebnisse und Theorien der Erdsystemwissenschaft und der Anthropozän-Diskussion an und eröffnet einen Dialog auf Augenhöhe zwischen ihnen und der—im weitesten Sinne—Degrowth-Tradition. Die französischen Diskussionen über die Begriffe Kultur und Natur (Latour, Descola, Charbonnier) lassen sich dadurch neu beleuchten, könnten aber auch umgekehrt zur Begriffsklärung beitragen.

Ich lese diesen Text auch mit der Frage, was sich politisch aus ihm lernen lässt. Die These, dass sich die ökologischen Krisen nicht ohne ein Konzept des Kapitalismus begreifen lassen, ist nicht neu, aber hier findet sich enorm viel Material zu ihrer Begründung. Ganz vereinfacht könnte man sagen, dass unkontrollierte Märkte nicht nur, wie Polanyi es vielleicht noch verstanden hat, die Gesellschaft als etwas der Natur Gegenüberstehendes zerstören, sondern sozio-ökologische Netzwerke. Für die Klima- und Ökologiebewegung bedeutet das, das sie nur über Koalitionen Erfolg haben kann, die eine wirksame gesellschaftlich Kontrolle der Märkte erreichen können—bei Polanyi heisst sie Sozialismus.

Nachweise

Brand, U., Muraca, B., Pineault, É., Sahakian, M., Schaffartzik, A., Novy, A., Streissler, C., Haberl, H., Asara, V., Dietz, K., Lang, M., Kothari, A., Smith, T., Spash, C., Brad, A., Pichler, M., Plank, C., Velegrakis, G., Jahn, T., … Görg, C. (2021). From planetary to societal boundaries: an argument for collectively defined self-limitation. Sustainability: Science, Practice and Policy, 17(1), 265–292. https://doi.org/10.1080/15487733.2021.1940754
Canguilhem, G. (2013). Le normal et le pathologique (12e édition). Puf.
Latour, B. (2017). Où atterrir?: comment s’orienter en politique. Éditions La Découverte. http://banq.pretnumerique.ca/accueil/isbn/9782707197818
Polanyi, K. (2001). The great transformation: the political and economic origins of our time (2nd Beacon Paperback ed). Beacon Press.

Ich versuche Qualitätskriterien zu formulieren, mit denen sich beurteilen lässt, ob ein Text adäquat über die Phänomene berichtet, die mit der Klima-, der Biodiversitäts- und den anderen globalen Krisen zusammenhängen, die sich aus dem Überschreiten der Planetary boundaries ergeben. Die Berichterstattung auch in den sogenannten Qualitätsmedien wird diesen Krisen nur selten gerecht—ein wichtiger Faktor für ihre kontinuierliche Verschlimmerung. Ich möchte diese Kriterien mit dem Anspruch auf Objektivität formulieren, aber ohne eine bestimmte Antwort auf diese Krisen zu vorwegzunehmen. Hier ein erster Entwurf als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Ich werde versuchen, die Kriterien in weiteren Posts zu reflektieren und zu begründen.

  1. Kontext: Einzelinformationen in den Kontext des Wissens über die multiplen ökologischen und sozialen Krisen stellen.
  2. Anthropozän/Erdsystem: Ereignisse und Entwicklungen als historisch, sozial und natürlich zugleich zeigen, nicht willkürlich zwischen einer “natürlichen” und einer sozialen/menschlichen/wirtschaftlichen Ebene unterscheiden.
  3. Präsens statt Futur: Die ökologischen Katastrophen nicht als vor allem zukünftig beschreiben, sondern als schon gegenwärtig und weitgehend unwiderruflich.
  4. Fakten: Aussagen über Tatsachen nicht als Meinung von Wissenschaftler*innen darstellen, sondern ihre Begründung erklären.
  5. Aktionsmöglichkeiten: Zeigen, welche Aktionen möglich sind und welche Aktionsmöglichkeiten bereits ergriffen werden.
  6. Richtigstellung: Vernebelungsstrategien, Propaganda und interessengebundene Berichterstattung in jedem Einzelfall benennen und analysieren.

Ich versuche, mir ein Bild von den klimapolitischen Entscheidungen der neuen amerikanischen Regierung zu machen. Ich war und bin so gespannt, was nun passiert, wie ich es vor der letzten Präsidentschaftswahl war. Was die Biden-Regierung jetzt tut, um die Klimakrise zu bekämpfen, ist bei weitem wichtiger als die Frage, wer Präsident der USA ist—wenn auch nicht davon trennbar.

Für mich kristallisieren sich zwei Punkte heraus:
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Einige der renommiertesten Forschenden zur Biodiversität fordern in einer neuen, zusammenfassenden Publikation, unser Wirtschaftssystem sofort weltweit und radikal zu transformieren, um nicht die lebenserhaltenden Systeme des Planeten dauerhaft zu zerstören: Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future1.

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Fassade aus Bambus. Bild: https://pxhere.com/en/photo/1130225

Gleich zu Beginn des letzten Falter-Podcasts Klima und Corona – die Geschichte zweier Krisen1 spricht Hans-Jörg Schellnhuber vom Bauen als dem Elefant im Klimaraum. Ca 40% aller Treibhausgasemissionen hängen direkt oder indirekt mit Gebäuden und dem Bauen zusammen. Beim Bauen und Wohnen, öffentlich und privat, werden die Veränderungen eines neuen Klimaregimes wahrscheinlich deutlicher im Alltag spürbar sein als in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich. Trotzdem beschäftigt sich die öffentliche Diskussion viel weniger mit dem Bauen als mit der Mobilität und der Ernährung. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass unsere Wohnformen und die Nutzung von öffentlichen Gebäuden und Infrastrukturen uns noch selbstverständlicher sind als die Mobilität und die Ernährung, bei denen wir als Einzelne mehrfach am Tag Entscheidungen treffen oder treffen können. Ein anderer ist möglicherweise, dass das Bauen sehr eng mit anderen Bereichen, z.B. der Energienutzung und den Beziehungen von Arbeit und Freizeit, verbunden ist, so dass es oft nicht selbst zum Thema wird.

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Beim Klimareporter weist Linda Schneider auf eine neue Studie der Heinrich-Böll-Stiftung und des Konzeptwerks Neue Ökonomie hin, an der sie selbst mitgearbeitet hat: das Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C. Die Studie zeigt, wie das 1,5° Ziel durch eine Degrowth-Strategie erreicht werden kann.

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