Heute unterwegs nach London zu einer Präsenzwoche, zum ersten Mal mit dem Zug, und zum ersten Mal nicht als Studiengangsleiter. Versuche gerade, mit dem Indieweb etwas weiter zu kommen. Habe gerade OwnYourSwarm aktiviert und mit microblog.wittenbrink.net verbunden. Außerdem habe ich das WordPress-Micropub-Plugin installiert und aktiviert. Eine Sache, die ich jetzt verstehen möchte: Kann ich micro.blog und WordPress sinnvoll nebeneinander benutzen?
Koinzidenzen. Heute sind Europawahlen, ich habe mit meiner kroatischen Frau in Österreich gewählt und warte gleich in Deutschland bei meinem Vater auf die Ergebnisse. Morgen fahre ich über Brüssel mit dem Eurostar nach London. Ich brauche Europa, die Nationalstaaten sind mir egal.
Ich möchte konsequenter IndieWeb-Techniken benutzen, deshalb habe ich gerade Matthias Pfefferles Thema Autonomie installiert und werde damit experimentieren. Themen, die mich jetzt besonders interessieren:

Morgens beim Aufwachen das Gefühl, dass ich mich nicht mehr an die Zwänge anpassen muss, an die ich mich über Jahre gewöhnt habe, die für mich natürlich geworden sind. Vielleicht, weil mir langsam klar wird, dass ich nicht mehr Vollzeit arbeite. Ich muss nicht mehr mit Sprache etwas erreichen.

Ich kann dahin zurück, wo ich als Blogger hinwollte. Ich kann versuchen, meine eigene Stimme zu benutzen. Ich muss keine Rücksichten nehmen.

Die einzige Routine, die ich in den letzten Jahren erworben habe, ist die Meditation. Zielloses Atmen. Oder: Atmen mit dem Ziel, sich nicht auf ein Ziel zu konzentrieren. Das Schreiben, das mir vorschwebt, ist ähnlich. Eine Bewegung, die nirgendwo hinführt, die einfach anfängt und aufhört. Wie das Meditieren ist sie nur scheinbar egoistisch. Sie kommt nicht in Gang, wenn man sich auf sein Ich konzentriert.

Jetzt sitze ich an unserem Dachfenster, schaue auf den Schlossberg und frage mich, ob ich bei den Content-Strategie-Workshops, bei denen ich gerade referiere, nur erzähle, wie man sprachliches Junk-Food produziert. Wie weit ist das, was ich lese und auch das, was ich schreiben will, von dem entfernt, was ich schon lange jeden Tag mache: unterrichten, wie man mit Sprache etwas erreicht?

Jetzt, nach dem Frühstück, bekomme ich meine Gedanken nach dem Wachwerden kaum noch zu fassen. Ich habe gestern eine Maschinerie vorgestellt, aber nicht klar sagen können, wozu sie dient. Mir sind heute früh die unterschiedlichen Sprachfunktionen durch den Kopf gegangen, wie sie Bühler beschreibt. Ich muss in diesen Workshops Leute befähigen, mit anderen über Inhalte zu sprechen, eigentlich: Inhalt, das Sprechen, Kommunikation anzusprechen und zum Thema zu machen—in Organisationen, in denen alles andere zum Thema wird. Man muss das schaffen, ohne in den administrativen Jargon zu verfallen, der Organisationen so unerträglich macht.

Vielleicht ist das der Anspruch der Content-Strategie (und damit bin ich weg von meinen Morgengedanken): die Inhalte so einfach und angenehm zu machen, dass man sich auf sie freut, statt sich an sie anpassen zu müssen—so wie eine gut designte Applikation einfach angenehm zu benutzen ist, statt mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.

Ich glaube, dass ich mich von vielen, die sich mit Content-Strategie beschäftigen, dadurch unterscheide, dass ich nicht an eine radikale Trennung zwischen Inhalt und Präsentation glaube. Ich könnte es auch anders formulieren und sagen: Was mich interessiert, ist tatsächlich Content-Strategie für das Web. Mein Konzept des Web ist normativ: Ich halte das Web (als universale, hypermediale Plattform) für die beste Publikations-Plattform und nicht für einen Kanal unter anderen. Im Web sind Inhalte miteinander verlinkt und interaktiv, nicht nur physisch (durch ein Trägermedium wie das Papier eines Buchs oder den Speicher eines Computers) miteinander verbunden. Content-Strategie für das Web bedeutet für mich: Wie gestalte ich Inhalte so, dass sie dieser hypermedialen Plattform gerecht werden? Die anderen Plattformen–proprietäre Social Media-Kanäle, Mobile Native Apps, Printpublikationen–sind für mich Erweiterungen des Web, deren Charakter sich durch das Web verändert, so wie Handschriften nicht mehr dasselbe sind, seit es den Buchdruck gibt.

Gestern war der Tag der Midterms in den USA, jetzt gerade ist die Zählung bei 218 Sitzen für die Demokraten im Repräsentantenhaus, also der Mehrheit. Die New York Times schreibt, dass sich die Spaltung des Landes wohl vertieft hat. (Update, 14:00: Jetzt in einer ausführlicheren Analyse: Midterm Election Results: 4 Key Takeaways). Genau wie in Europa gibt es eine Kluft zwischen den urbanen Bezirken, in denen es wirtschaftlich gut geht, und den ländlichen Zonen und wahrscheinlich auch manchen alten Industriestandorten. Diese Spaltung lässt sich mit einem Schema wie Bourgeoisie gegen Proletariat und seinen Abkömmlingen nicht erfassen, und daran müssen die Versuche scheitern, eine traditionelle linke Politik wiederzubeleben. Es ist aber auch klar, dass sich die alte Linke in zwei Gruppen aufspaltet: Diejenigen, die die Verlierer des Endes der alten Industriegesellschaft vertreten und nationalistisch und antiliberal argumentieren (Mélenchon, Wagenknecht) und diejenigen, die innerhalb der neuen digitalisierten, globalisierten oder wie immer man es nennen will, Strukturen gegen den Marktliberalismus und seine Folgen kämpfen (Varoufakis, Hamon, viele Grüne). Auf der Rechten gibt es einen ganz ähnlichen Unterschied zwischen wirtschaftsliberalen Konservativen (wie vielleicht jetzt Merz in Deutschland) und den Nationalisten und Autoritären. Zwischen diesen Lagern geht die liberale Mitte fließend in die liberalen Teilen der Rechten und Linken über. Diese Fraktionierung wird von den Parteien nur z.T. abgebildet – am besten vielleicht noch in Frankreich. Und Mehrheiten kommen nur durch Koalitionen jenseits der alten Lager zusammen, etwas durch Bündnisse der liberalen und antiliberalen Rechten oder die “nicht rechts – nicht links”-Politik von Macron und auch der GroKo in Deutschland.

Noch ein Update, 14:20: Michael Meyer schreibt, auch in Hinblick auf die Midterms, über den Cultural Divide und nennt eine Reihe von Texten dazu: It’s the culture, stupid!.

The Problem with Facebook Is Facebook

Ich habe in der letzten Woche dieses lange Interview mit Siva Vaidhyanathan gelesen. Bei vielen Punkten möchte ich gerne eine skeptische Position beziehen und sagen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob Facebook tatsächlich Filterblasen verstärkt. Ich bin nicht sicher, ob man Facebook regulieren sollte. Aber bei einem Punkt trifft Vaidhyanathan ins Schwarze: Wenn er feststellt, dass Facebook politische Diskussion und Identität eng aneinander knüpft.

Even if Facebook were more transparent, it’s the worst possible place to perform our politics, because it amplifies our tendency to see our political opinions as deeply tied to our identities.

Vielleicht müsste die Kritik der politischen Kommunikation auf Facebook hier ansetzen, bei der Identitätspolitik, die Facebook seinen Usern aufzwingt, die zu den constraints gehört, ohne die Facebook nicht funktionieren würde. Facebook ordnet jedes Thema den Personen unter, die kommunizieren—intern für sich selbst, weil es diese Information benutzt, um Profile zu konstruieren, und in der Kommunikation mit anderen, die jeden Beitrag bezogen auf ein Profil wahrnehmen. Es gibt eine natürliche Affinität der Identitätspolitik der Rechten zu dieser Bindung von Botschaften an Profile, eine Art eingebauten Tribalismus. Je wichtiger die Funktion meiner Botschaften dafür wird, meine Position in meinem sozialen Netzwerk, meine Identität zu bestimmen, desto bedeutungsloser wird ihr Inhalt, desto mehr werden sie zu bloßen Meinungsäußerungen.

Beschäftige mich immer noch damit, wie ich in meinem Blog Posts ohne Titel schreiben und die neuesten Kommentare anzeigen kann, ohne dass auf einen nicht vorhandenen Titel verwiesen wird (“…bei    “). Ich habe jetzt das Plugin Better Recent Comments installiert und zeige den Anfang des Kommentars und das mit dem Kommentar verlinkte Datum. Ich möchte spontan kurze Beiträge schreiben (Statusmeldungen, siehe Tons Kommentar), und bei denen finde ich Titel unpassend.

Offenbar macht es Facebook unmöglich, wie bisher von außen Status-Updates zu posten. Bisher habe ich diese Möglichkeit für mein Microblog und für Lost and Found genutzt. (Auch das Posten über Publicise von Jetpack funktioniert nicht mehr.) Facebook wird noch mehr zu einem web-feindlichen, geschlossenen System. Ich weiss noch nicht, wie ich mit Facebook weitermache. Wahrscheinlich werde ich darauf verzichten, Facebook zu nutzen, wenn es nicht automatisiert geht. Bitte abonniert meine RSS-Feeds oder folgt mir auf Twitter!