Seit ein paar Monaten gehöre ich zu einem Team, das einen Masterstudiengang Web Publishing und Digitale Kommunikation vorbereitet. Erwartungsvoll habe ich deshalb die Studie gelesen, die C. Max Magee unter dem Titel The Roles of Journalists in Online Newsrooms (pdf) publiziert hat. Die Medill School of Journalism hat zusammen mit der Online News Association untersucht, welche Qualifikationen Arbeitgeber von Online-Journalisten erwarten, und welche Fähigkeiten Praktikerinnen an die erste Stelle setzen. Mein Fazit: In der Studie spiegelt sich ein (schlechter) state-of-the-art. Die auffälligsten Entwicklungen des aktuellen Webs — vom Bloggen über soziale Netze bis zu virtuellen Welten — gingen nicht einmal in die Fragestellungen ein. Immerhin regt die Studie dazu an, wichtige Frage zu stellen: Welche technischen Kompetenzen sind für Online-Journalisten und -Publizisten wichtig? Wie kann man alles, was mit dem Schlagwort Web 2.0 bezeichnet wird, in ein Qualifikationsprofil (so heißt es bürokratisch) einbeziehen?

Durchgeführt wurde die Studie im Dezember 2005. Befragt wurden in einer ersten Umfrage Mitarbeiter der ONA, in einer zweiten — publik gemacht in einer Reihe von Blogs über Journalismus — alle Interessierten. Geforscht wurde also mit zwei Perspektiven: Was erwarten Manager von ihren Angestellten? Welche Qualifikationen halten Praktiker für wichtig? (Es wird niemanden überraschen, dass die Resultate nicht deckungsgleich sind.)

Megill schreibt, dass die Ergebnisse

depict an online journalism that is tethered to traditional
journalism in many ways, but is not merely a more technologically focused version of traditional journalism.

Lorenz Lorenz-Meyer fasst die Studie so zusammen:

Der Studie zufolge kommt es weniger auf spezifisch online-technische Produktionskompetenzen an, als auf klassische journalistische Fähigkeiten: Aufmerksamkeit fürs Detail, Nachrichtenbewertung, Sprachkompetenz (Grammatik und Stil), die Fähigkeit, unter Zeitdruck zu arbeiten, mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten etc. Erstaunlich vielleicht, dass Multimedia-Authoring und Audio- und Videoproduktion praktisch noch keine Rolle spielen [Journalismus-Darmstadt.de » Blog Archive » Was sollten wir können?].

Lorenz-Meyer bewertet die Untersuchung als einigermaßen zutreffende Bestandsaufnahme, warnt aber davor, sie als Trendforschung misszuverstehen. In der Zukunft würden multimediale Formen auch im Nachrichtenjournalismus eine erheblich wichtigere Rolle spielen als jetzt.

Noch skeptischer ist Mindy McAdam:

Get on the phone and ask a hiring editor what they scan the resume for when someone applies for an online journalism job. I know what they’re going to say, because they call me up and ask if I can send them any students!

They say: Flash. CSS. Video. Audio gathering and editing. And by the way, do you have anyone who can do what that Adrian Holovaty does?
[Teaching Online Journalism: Careers in online journalism.]

In ihrem Posting macht sie auch einen der Gründe dafür dingfest, dass heutige Online-Journalisten weit mehr auf klassische redaktionelle Tugenden angewiesen sind als auf die Fähigkeit, neue Inhalte zu produzieren:

The dirty truth is that many news organizations have taken perfectly competent young journalists and stuck them in a purgatory of cutting and pasting, like clerical workers.

(Siehe auch die deprimierenden Ergebnisse der schon älteren Studie der Zürcher Hochschule Winterthur.)

Megills Text bietet nicht viel mehr als eine Prosafassung der Ergebnistabellen. Interessant sind allerdings die kommentierenden Bemerkungen über die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Unternehmenstypen (groß vs. klein; Zeitungen vs. reine Online-Unternehmen), die sich in den Tabellen nicht widerspiegeln.

Nach webspezifischen kommunikativen oder publizistischen Fähigkeiten wurde in der Untersuchung überhaupt nicht explizit gefragt. Das Web wird unausgesprochen als ein vor allem technisches, nicht als ein soziales Phänomen verstanden. Das wäre etwa so, wie wenn man die medienspezifischen Fähigkeiten eines Fernsehjournalisten darauf reduzieren würde, eine Kamera zu bedienen oder Videos zu schneiden. content creation gibt es in der Studie bei Text, Bild, Audio und Video; sie kennt aber keinen webspezifischen Inhalt. Hypertext, der Aufbau von und das Agieren in sozialen Netzen, webspezifische Suchstrategien, webspezifische Platzierung von Inhalten, Vertrauensbildung im Web oder webspezifische ökonomische Modelle spielen keine Rolle. Ein Irrtum, den vielleicht die entstehende Web Science beenden wird:

The Web isn’t about what you can do with computers, Mr. Berners-Lee said. It’s people and, yes, they are connected by computers. But computer science, as the study of what happens in a computer, doesn’t tell you about what happens on the Web. [Group of University Researchers to Make Web Science a Field of Study – New York Times.]

Wonach hätte man fragen können? Hier ein paar Überlegungen, die man für eine Umfrage konkretisieren müsste:

Wichtige Gesichtspunkte eines Qualifikationsprofils könnten Beobachtbarkeit und Anknüpfbarkeit von Publikationen darstellen. Onlinejournalisten oder Web-Publizisten müssen über die Fähigkeiten verfügen, die für sie relevanten Bereiche des Web zu beobachten, in ihren Publikationen an im Web vorhandene Inhalte anzuschließen, die Inhalte, die sie erzeugen, beobachtbar zu machen und Anschlusskommunikationen zu ermöglichen. Diese Fähigkeiten haben technische und kommunikative Komponenten. Vielleicht kann man die technischen Kompetenzen als Skills bezeichnen, die erforderlich sind, um Kommunikation im Web zu beobachten und die eigenen Kommunikationen beobachtbar zu machen. Die webspezifischen kommunikativen Fähigkeiten könnte man als die Fähigkeit beschreiben, an vorhandene Kommunikationen erfolgreich anzuschließen und zu erreichen, dass andere an die eigenen Kommunikationen anschließen.

Um das Web beobachten zu können, muss man auf der technischen Ebene u.a. Suchmaschinen, Feedreader, Browser, Memetracker und Bookmarking-Tools verwenden können. Man muss auf der kommunikativen Ebene dazu in der Lage sein, Themen zu identifizieren, Resultate von technischen Beobachtungstools zu gewichten, die Recherche-Ergebnisse zum Ausgangspunkt neuer Recherchen zu machen und Ergebnisse immer weiter einzugrenzen. Um an vorhandene Kommunikationen anschließen zu können, muss man Techniken beherrschen, die vom HTML-Link bis zum Trackback reichen. Auf der kommunikativen Ebene gehört dazu, die Kommunikationsformen von Gruppen oder Netzwerken zu verstehen, Interventionspunkte zu identifizieren und den richtigen Augenblick für die eigenen Publikationen zu erkennen. Dieselben Fähigkeiten machen die eigenen Publikationen anschlussfähig; sie erlauben es den Lesern oder Benutzern, zu reagieren und die Kommunikation fortzusetzen. Auf der technischen Ebene gehören dazu wiederum Kompetenzen, die von der Vergabe sprechender URLs über die Sicherung der Barrierefreiheit bis zur Erzeugung von Newsfeeds reichen.

Nur wenn man versucht, einen Ausgangspunkt im Web zu finden, kann man herausfinden, welche Qualifikationen Webpublizisten in den kommenden Jahren brauchen werden. Formuliert man wie Megills Studie keinerlei Konzept von Web-Inhalten, stößt man nur auf ein Aggregat von Fähigkeiten und Haltungen, die aus anderen Berufsfeldern stammen. Richtet man das Anfoderungsprofil an Online-Journalisten oder andere Web-Publizisten nach ihnen aus, reduziert man ihre Arbeit schon in der Fragestellung zu einer Art defizientem Modus der richtigen publizistischen Berufe.

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