Ich lese gerade Der Prozeß des Organisierens von Karl E. Weick. Zwischen Organisationprozessen, wie sie Weick versteht, und dem Verfassen von Blogposts gibt es interessante Analogien—vielleicht kann man Weicks Modell sogar benutzen, um wichtige Eigenschaften von Blogposts zu erklären.

Blogposts als Ursachenkarten

Weick beschreibt eine Grundeinheit des Organisierens, die aus Gestaltung, Selektion und Retention besteht. Zwischen Selektion und Retention finde dabei eine Rückkoppelung statt. Mehrere solcher organisatorischer Einheiten können hintereinandergeschaltet werden, so dass eine den Input der nächsten liefert. Die festgehaltenen Inhalte, also die Gegenstände der Retention, nennt Weick—besser: er vergleicht sie mit—Ursachenkarten (englisch: cause maps). Durch diese cause maps wird der Input des Organisierens, der Strom der Ereignisse, zu einer gestalteten Umwelt. Die Ursachenkarten

bestehen aus durch Kausalbeziehungen untereinander verbundenen Variablen. Sie fassen Kovariationen zwischen etikettierten Teilen einer vorher mehrdeutigen Vorlage zusammen. Sie ähneln Schütz’ Rezepten […], da sie der Person erlauben, zu interpretieren, was in einer Situation vor sich geht, und ihr auch erlauben, sich selbst in dieser Situation auszudrücken und von anderen verstanden zu werden [S. 193].

Was Weick und Schütz meinen: dass eine Situation zugleich interpretiert wird und die handelnde Person, die interpretiert, sich verständlich macht, wird von Garfinkel als Reflexivität bezeichnet. Mich interessiert die Ähnlichkeit zwischen diesen Ursachenkarten und Blogposts oder, generell, dem Microcontent in sozialen Medien. Indem ich ein Blogpost publiziere, sorge ich dafür, dass es festgehalten wird (Retention). Zuvor habe ich eine Selektion aus verschiedenen Alternativen vorgenommen, und ich habe damit einen Input gestaltet, wobei die erste Gestaltung hier vor allem in der Auswahl besteht (der Ausdruck Selektion ist missverständlich; die Auswahl des Themas würde man mit Weick wohl nicht Selektion, sondern Gestaltung nennen). Ein wichtiger Punkt ist dabei für mich eben die Reflexivität, das Ineinander von Interpretation und sich verständlich machen, von Handlungsanweisung oder Regel und Ausdruck der Situation.

Dass man das Verfassen und Publizieren eines Blogposts als Organisationsprozess im Sinne von Weick verstehen kann, ist nicht überraschend, weil Weick eine ganz allgemeine Organisationsformel formulieren will. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man die Posts selbst als reflexiv verstehen kann, als Festhalten einer bestimmten Weise, einen Input zu verarbeiten und davon nicht trennbare Mitteilung dieser Verarbeitung. Genau bei diesem reflexiven Charakter eines Blogposts kann, muss man vielleicht beginnen, wenn man jemand das Bloggen erklären will. (Mein Horizont hier ist die literacy).

Wobei Bloggen als Organisationstätigkeit bezogen ist auf eine Web-Umwelt, in der ich Input verlinken kann und in der auch mein Output verlinkt werden kann. Bloggen ist das Gestalten einer Umwelt im Web für andere, oder eher: mit anderen, die das Post aufnehmen. Dabei ist für das Bloggen charakteristisch, dass die Bloggerin oder der Blogger jeweils das Rezept erst finden muss, mit dem der Input verarbeitet wird.

Aushandeln von Realität

Organisieren findet immer in vielen Zyklen statt, bei denen in Weicks Beschreibung Mehrdeutigkeit reduziert und deutlich zwischen Figur und Hintergrund unterschieden wird. Dabei organisiert sowohl das Individuum seine Erfahrungen wie eine Gruppe ihre soziale Umwelt—wobei in der Gruppe verhandelt wird, bis eine gemeinsame Ursachenkarte vorliegt. Ich glaube, dass Blogposts auch zu solchen Verhandlungsprozessen über gemeinsame Umwelten gehören, wobei die Gruppe webbasiert ist und das Web auch einen wichtigen Teil der Umwelt ausmacht. Dabei wählt man möglicherweise durch die Links in einem Blogpost aus, was den Vordergrund bildet. Man müsste überlegen und untersuchen, welche anderen Verhandlungsprozesse es zur Organisation einer Umwelt im Web gibt, vom Teilen von Links bis zur Bildung von Gruppen bei Facebook.

Organisieren im Frühstadium—Sinn der Regellosigkeit

Man könnte jetzt überlegen, was das Besondere am Bloggen ist—im Vergleich zu anderen Formen, Input, speziell Input in einer Web-Umwelt, zu verarbeiten. Einerseits ist Bloggen bezogen auf neuartigen Input, auf News, die nicht einfach nach einem Schema verarbeitet werden können, sondern eine spezifische cause map benötigen. (Wenn ich die Ursachenkarte schon habe, brauche ich kein Blogpost, sondern kann auf sie verlinken, z.B. in einem Tweet. Wenn ich sie noch nicht habe, kann ich einen Input einfach speichern und weitergeben, wie ich es in einem Tumblelog mache.) Andererseits ist das Blogpost selbst ein Output in so etwas wie einer frühen Phase der Organisation. Beim Verfassen eines Blogposts werden nur sehr wenige Regeln auf einen Input angewendet; komplexere Formen können folgen, etwa indem das Post als Ausgangspunkt einer Diskussion oder als Material für einen Artikel verwendet wird. Die Ungewohntheit eines Inputs und die Zahl der auf ihn angewendeten Regeln sind bei Weick umgekehrt proportional; je weniger der Input vom Gewohnten abweicht, desto komplexer können die Verfahren sein, mit denem man ihn verarbeitet.

Was gewinne ich durch das Modell?

  1. Ich kann genauer beschreiben, worin sich Blogposts und andere Formen von Microcontent, z.B. Tweets oder Posts in einem Tumblelog, unterscheiden. Blogposts sind eine Form mit besonders wenig Regeln, eine Frühphase des Organisierens von Umwelten.
  2. Ich kann erklären, warum es sinnvoll ist, in bestimmten Zusammenhängen zu bloggen, etwa zum Aushandeln gemeinsamer Wirklichkeiten oder Umwelten in webbasierten Zusammenhängen. Die Links in Blogposts und die Verlinkbarkeit von Blogposts erleichtern es, die Umwelt in mehreren Zyklen zu organisieren.
  3. Ich kann besser erklären, worauf es beim Bloggen ankommt—vor allem darauf, sich und anderen neue Erfahrungen—Weick spricht von ökologischen Veränderungen— transparent zu machen, und zwar bevor diese Erfahrungen durchorganisiert, durchstrukturiert sind.
  4. Ich kann die Hypothese begründen, dass Blogs vorläufig nicht durch andere Formen von Microconten abgelöst werden: Blogposts sind eine offene Form mit weniger (und dazu wohl auch besser individuell definierbaren) mit weniger Regeln als z.B. Tweets.

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