Gerade hat die Internet-Enquete-Kommission des deutschen Bundestags darüber abgestimmt, ob sie eine Arbeitsgruppe “Medienkompetenz” oder “Netzkompetenz” nennen soll—und sich für “Medienkompetenz” entschieden. (Vorbildlich, wie die Sitzung online zu verfolgen ist!) Anlass, ein Blogpost, über das ich heute schon mehrfach nachgedacht habe, endlich zu schreiben: Warum verwende ich den Ausdruck Web Literacy?

Eine einfache Antwort: Weil sich Web Literacy genau auf die Schnittmenge von Netzkompetenz und Medienkompetenz bezieht, um die es der Arbeitsgruppe wohl geht. Das Web ist die Medienabteilung des Internets, mit der Besonderheit der Verlinkung und digitalen Verarbeitbarkeit der Medien in Echtzeit, also der Hypermedialität. Internet-Kompetenz oder gar Netzkompetenz sind zu weite Begriffe. Das Internet selbst ist nur eine Infrastruktur (genauer: eine Schicht von technischen Protokollen zum Austausch von Daten), die für alles Mögliche verwendet werden kann, z.B. für Telefondienste (IP-Telefonie) oder zum Übertragen von Fernsehen. Webkompetenz lässt sich als Bestandteil von Medienkompetenz verstehen, aber Medienkompetenz ist wiederum ein sehr allgemeiner Begriff, der das Besondere des Mediums Web verdecken kann—wobei man sich allerdings fragen kann, ob nicht irgendwann alle Medien webbasiert sein werden.

Web Literacy gefällt mir besser als Webkompetenz (oder andere Bildungen mit “Kompetenz”). Nicht nur, weil inzwischen sogar Autofirmen Kompetenzzentren anbieten. Literacy—das Wort meint zunächst die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben—steht für die Fähigkeit, Medien zu produzieren, nicht nur für ihre bewusste und kritische Rezeption (die oft unter Medienkompetenz verstanden wird). Von den älteren Massenmedien unterscheidet sich das Web vor allem dadurch, dass in ihm kein grundlegender Unterschied zwischen Benutzern und Produzenten besteht. Das Web erlaubt es jedem, aktiv und weltweit zu kommunizieren; die dazu erforderlichen Fähigkeiten soll der Ausdruck Web Literacy treffen. Dabei klingt an, dass es sich um eine bestimmte Form der vermittelten oder schriftlichen Kommunikation handelt (literacy geht auf das lateinische littera, Buchstabe, zurück).

Im Deutschen ist Web Literacy ein Fremdwort. Da sich aber Web (die Kurzform von World Wide Web) nicht verdeutschen lässt, ist ein englisches Kompositum angebracht. Das deutsches Äquivalent zu literacy ist wohl am ehesten Bildung, auch wenn der Ausdruck einerseits mehr meint (im Englischen wohl eher mit education übersetzt würde) und sich andererseits nicht auf die Lese- und Schreibfähigkeit bezieht.

Wie auch immer: Ob man von Netzkompetenz, Medienkompetenz oder Web Literacy spricht: Die Debatte in Deutschland zeigt genauso wie viele Diskussionen in den USA (wo es meist media literacy heisst), dass nur neue Bildungskonzepte unserer aktuellen medialen Umwelt gerecht werden können.

3 thoughts on “Netzkompetenz, Medienkompetenz oder Web Literacy?

  1. Ein Problem sehe ich bei Web Literacy heraufdämmern in der Entwicklung, dass zumindest temporär ein Teil der internet-vermittelten medialen Inhalte nicht über das Web, sondern – z.B. – über mobile Apps kommuniziert werden. Genau genommen, hätte hier Web Literacy einen unscharfen Rand.

  2. Das Beispiel mit den mobilen Apps haben wir nun alle seit dem Wired Artikel “The Web is Dead am Backen” – genau genommen sind aber auch die mobilen Apps schon nicht mehr auf der Ebene des Internets, sondern spielen sich ebenfalls auf der Schicht 7 (der Anwendungsebene) des OSI-Referenzmodells ab, ebenso wie das Web. Obendrein (vielen Dank an meinen IT-Guru Martin Leyrer für die Aufklärung) funktioniert auch die Twitter-API (welche von mobilen Apps wie Twitter für iPhone angesprochen wird) über http – Browser wie App sind bloße Clients, die die kumulativen Leistungen der OSI-Schichten darunter verwenden. Insofern würde ich auch die mobilen Apps mit dem Web vergleichen wollen, Hypermedien sind sie im übrigen auch.

  3. Ich sehe es ähnlich wie Jana. Eine native App gehört – technisch gesehen – nicht zum Web, aber selbst native Apps werden oft auf das Web verlinken.
    Mich erinnern die Apps, speziell die iPad-Apps von Magazinen, an die CD-ROMs der 90er Jahre. Ich war damals selbst an CD-ROM-Projekten beteiligt, und wir haben alles getan, um sie für das Web zu öffnen, sobald das möglich war. 
    Ein anderer, auch nicht neuer Punkt: Es wird selten rentabel sein, eigene Apps für jede mobile Plattform zu entwickeln – sicher nicht für Unternehmen und Organisationen, die kommunizieren wollen. Wenn es downloadbare Apps sein müssen, wird man sie mit Standardtechnologien wir HTML, CSS und JavaScript produzieren.

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