Ich lese — und schaue mir an — Paris: Ville Invisible von Bruno Latour und Emilie Hermant. Den kompletten englischen Texts dieses crossmedialen Werks — Website und Bildband — kann man downloaden. Er führt in Latours Soziologie ein, und er ist gleichzeitig so etwas wie eine Serie von guided tours durch Paris, das sich wie jedes soziale Phänomen nur Ketten von Beobachtungen, nie einem zusammenfassenden Blick erschließt.

Ich bin noch immer am Anfang der Latour-Lektüre; einerseits finde ich seine Argumentationen überzeugend, andererseits kann ich sie noch nicht wirklich in eine Beziehung zu den Dingen bringen, mit denen ich mich sonst beschäftige. Ein Schlüssel könnte im Begriff den Information oder besser in Latours Kritik an diesem Begiff liegen. Mit einer Volltextsuche findet man in den ersten Abschnitten von Paris: Ville Invisible folgende Aussagen über Information:

The little computer mouse makes us used to seeing information as an immediate transfer without any deformation, a double-click. But there is no more double-click information than there are panoramas; trans-formations, yes, in abundance, but in-formation, never. [p. 18]

The comfort of habit makes us believe in the existence of double-click information. We begin to be attentive to their strange nature only if we turn towards objects with which we are totally unfamiliar. [p. 20]

Nothing in double-click information allows us to keep a trace of this layering of intermediaries; yet without this wandering the trace of the social is lost, for words then refer to nothing and no longer have any meaning – that is, no more movement. [p. 23]

We don’t live in “information societies” for the excellent reason that there is neither a Society nor information. Transformations, yes, associations, yes, but transfers of data without transformation, never. [p. 23]

To measure the hiatus explaining transformations of information, we should also avoid two symmetrical mistakes: the first would be to forget the gain and to deduct only the loss; the second, that we’re about to consider, would be to forget the loss. [p. 26]

Megalomaniacs confuse the map and the territory and think they can dominate all of Paris just because they do, indeed, have all of Paris before their eyes. Paranoiacs confuse the territory and the map and think they are dominated, observed, watched, just because a blind person absent-mindedly looks at some obscure signs in a four-by-eight metre room in a secret place. Both take the cascade of transformations for information, and twice they miss that which is gained and that which is lost in the jump from trace to trace … [p. 28]

If we want to represent the social, we have to get used to replacing all the double-click information transfers by cascades of transformations. To be sure, we’ll lose the perverted thrill of the megalomaniacs and the paranoiacs, but the gain will be worth the loss.

Gegenbegriffe zu Information sind Transformation, Vermittlung, Übersetzung, intermediaries. Latours Soziologie ist eine Soziologie des Intermediären — Soziologie im Sinne Latours ist die Wissenschaft vom Intermediären.

Every time we talk of intermediaries we talk not of lies but, on the contrary, of truth, of the only one we have, provided we always follow the traces, the trajectory of figures, and never, never stop on the image.

Vielleicht kommt es darauf an, soziale Medien als intermediäre Phänomene zu verstehen, als Transformatoren und Vermittler, die immer nur zusammen mit anderen Vermittlern funktionieren, als Teile der Kaskaden (vielleicht eine zu einsinnige Metapher!), von denen Latour spricht. Sie funktionieren nicht alleine, und vielleicht können sie auch nicht Gegenstand einer Medientheorie werden, weil die Medien keinen Vorrang in der Vermittlung haben, sondern man zwischen Sozialem, Medialen und Intermediären nicht wirklich unterscheiden kann.

Konkreter: Soziale Medien sind Teile von Ketten oder Netzen, zu denen Literacy und soziale Organisation des Umgangs mit Medien ebenso gehören wie die Praktiken der Informationsaufbereitung und -aggregierung in den verschiedenen sozialen und professionellen Kontexten. Sie lassen sich höchstens als technische Phänomene isolieren, aber ihr sozialer Charakter besteht in ihrer Verschaltung mit anderen intermediären Phänomen. Sie lassen das, was sie vermitteln, nicht unverändert, und sie sind selbst auf Transformationen angewiesen, um sozial zu funktionieren. Zu diesen Transformatoren gehören so unterschiedliche Dinge wie bildgebende Verfahren, Textverabeitung, Recherchetechniken, Techniken des sozialen Lernens und ehische Kodizes.

Ich suche schon lange nach Verbindungen zwischen dem Thema, das mich vor allem interessiert — welche Folgen haben Online-Medien für das Schreiben und die Literarizität? — und theoretischen Ansätzen, die mich faszinieren, ohne das ich sie bereits durchschaue: Ethnomethodologie, Konversationsanalyse und Actor Network Theory. In der letzten Woche habe ich ein paar Spuren gefunden, die dafür sprechen, dass sich soziale Medien mithilfe dieser Ansätze tatsächlich besser verstehen lassen.
Erhellend finde ich ein Interview, das Bruno Latour schon 1997 Pit Schulz und Geert Lovink von Nettime gegeben hat. Latour besteht unter anderem darauf, dass der Begriff Information nicht dazu geeignet ist, die inhaltliche Seite von Online-Medien zu erfassen. Er mache die Transformationen oder Übersetzungen unkenntlich, deren Agenten diese Medien sind:

There is only transformation. Information as something which will be carried through space and time, without deformation, is a complete myth. People who deal with the technology will actually use the practical notion of transformation.

So wie Bilder können digitale Informationen nur auf Gegenstände bezogen werden, wenn man sie im Kontext anderer Übersetzungen versteht:

One image, isolated from the rest, freeze framed from the series of transformation has no meaning. An image of a galaxy has no reference. The transformation of the images of the galaxy has. So, it is an anti information argument. Pictures of a galaxy has no information content. Itself the image has no meaning if it cannot be related to another spectography of a galaxy. What has reference is the transformations of images. Being iconophilic means following the flow of images, without believing that they carry information.

So wenig wie andere Medien können Computer und das Netz zu einer unmittelbaren Kommunikation beitragen; man entgeht durch ihnen nicht den Vermittlungen, die für alle sozialen Beziehungen charakteristisch sind (wobei zu den sozialen Beziehungen für Latour auch die Beziehungen zwischen Menschen und Objekten gehören):

We have a tremendous hype about globalization, immediacy, unversality and speed. On the other side we see localized transformations and there seems to be not connection between the two.

The rule is: whatever medium there is, you will always find someone to make a connection with them. But this is not the same as saying that there is an instantaneous connectibility. The digital only adds a little speed to it. But that is small compared to talks, prints or writing.

Latour weist in diesem Interview auf das Buch On the Origin of Objects von William Cantwell Smith hin. Ich bin diesem Hinweis nachgegangen und zum ersten Mal darauf gestoßen, dass es — mit Beteiligung von William C. Smith und vor allem im Umkreis des Xerox PARC eine Diskussionskomplex zum Thema Ethnomethodologie und Computing gibt, mit dem ich mich intensiver beschäftigen möchte. Beteiligt sind sowohl Vertreter von Konversationsanalyse und Ethnomethodologie wie Charles Goodwin und Lucy Suchman als auch Informatiker, darunter Gregor Kiczales.

Bisher kann ich leider nur Namedropping betreiben und habe noch keine genaue Vorstellung davon, wie tatsächlich durchgeführte Analysen sozialer Medien mit dem Instrumentarium der Ethnomethodologie und ihrer Nachfolger aussehen könnten. Anregungen findet man in diesem Kontext jedenfalls schnell, z.B. Goodmans Practices of Seeing, Visual Analysis: An Ethnomethodological Approach. oder Organising User Interfaces around Reflective Accounts von Paul Dourish, Annette Adler und Brian Cantwell Smith.

Das erste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, war eine Weihnachtsüberraschung — Michel Serres: Aufklärungen. Gespräche mit Bruno Latour.

Cover von Michel Serres: Aufklärungen
Cover von Michel Serres: “Aufklärungen”

Das Thema der Philosophie von Michel Serres ist die Kommunikation, und um Kommunikation geht es auch in diesen Dialogen Serres’ mit dem Soziologen Bruno Latour fast überall. Die Kommunikation, wie sie Serres begreift, bildet etwas wie einen virtuellen Raum mit eigenen Regeln, anderen Regeln als denen der statischen Objekte und Wesenheiten, die Serres zufolge in der europäischen Philosophie immer die Hauptrolle gespielt haben.

Diese Gespräche sind schon über 15 Jahre alt, sie wurden geführt, bevor das Internet zu einer der wichtigsten Zonen der Kommunikation wurde. Aber weder Serres noch Latour dürften von der Entwicklung des Webs zu sehr überrascht worden sein. Serres sagt zu Bruno Latour, dessen Soziologie der Übersetzung Serres’ Philosophie der Kommunikation viel verdankt:

Hermes, indem er sich erneuert, wird immerzu unser neuer Gott, seit wir Menschen sind, nicht nur der unserer Ideen oder Verhaltensweisen, unserer theoretischen Abstraktionen, sondern auch der unsererer Arbeiten, unserer Techniken, unserer Erfahrungen, unserere Experimentalwissenschaften, ja, unserer Laboratorien, wo, Sie selbst haben es gezeigt, alles entlang komplexer Beziehungsgeflechte zwischen den Botschaften und den Personen funktioniert, der Gott unserer Biologie, welche die Gehirn- und Genbotschaften beschreibt, der der Information, der des schnellen Finanzwesens und des volatilen Geldes, des Handels, der Information, der Medien, die eine dritte Realität produzieren, unabhängig von der, die wir für wirklich halten, der Beziehungen zwischen Recht und Wissenschaft… Soweit ich weiß, versuchen Sie, wie ich, eine Philosophie zu konstruieren, die mit dieser neuen Welt kompatibel ist. Nicht um sie zu imitieren, nicht um sie zu rechtfertigen, sondern um sie zu begreifen und, vielleicht verzweifelt, zu steuern zu versuchen. Zum ersten Mal in der Geschichte denken wir, dass sie wirklich von uns abhängt.

Ich habe bisher nie einen Zugang zu den Texten von Serres gefunden. Er selbst bemüht sich nur wenig, den Eingang in sein Werk zu erleichtern. Seine Sprache wirkt auf den Außenstehenden oft steil, sein Pathos überfordert viele Leser. In den Dialogen dieses Buches verschweigt Bruno Latour solche Zugangsschwierigkeiten nicht. Er fragt Serres nach ihnen und hält sie ihm gelegentlich vor; vermutlich ist er Serres durch seine bohrenden Fragen und seinen nur selten feierlichen, eher angelsächsisch nüchternen Stil ziemlich auf die Nerven gefallen. Jedenfalls zeichen Latour und Serres hier zusammen ein philosophisches Porträt oder Selbstporträt, das Lust macht, die Werke Serres’ endlich zu lesen.

Helfen Texte wie dieser dabei, das Web oder die Kommunikation im Web besser zu verstehen? Ich kann die Frage nicht — ich hoffe: noch nicht — beantworten. Vielleicht ist ihre erste Wirkung, dass sie starr gewordene Konzepte der Kommunikation verflüssigen, dass sie zum Beispiel zeigen, dass Kommunikation weder als Technik, als Mittel zu einem Zweck, noch als materielles, natürliches Phänomen befriedigend beschrieben werden kann. Als historisches Dokument gelesen zeigt dieser Text, dass das Web nicht vom Himmel gefallen ist, dass in den 80er und 90er Jahren philosophische Ideen formuliert wurden, die mit der Entwicklung des Webs kommunizieren, ohne kausal mit ihr zusammenzuhängen.

Update, 3.6.2019: Bild ersetzt, da die ursprüngliche URL nicht mehr funktioniert hat. Serres ist am 1. Juni gestorben.