Welche Social Tipping Interventions (STIs) können den Übergang zur Hothouse Earth weniger wahrscheinlich machen? Eine neue Studie, u.a. von John Schellnhuber und Johan Rockström, verwendet aus der Klimaforschung bekannte Methoden der Analyse von Forschungsergebnissen, um sie herauszufinden.

Social tipping elements (STEs) and associated social tipping interventions (STIs) with the potential to drive rapid decarbonization in the World–Earth system. The processes they represent unfold across levels of social structure on widely different timescales, ranging from the fast dynamics of market exchanges and resource allocation on subannual timescales to the slow decadal- to centennial-scale changes on the level of customs, values, and social norms. Quelle: https://doi.org/10.1073/pnas.1900577117
Social tipping elements (STEs) and associated social tipping interventions (STIs) with the potential to drive rapid decarbonization in the World–Earth system. The processes they represent unfold across levels of social structure on widely different timescales, ranging from the fast dynamics of market exchanges and resource allocation on subannual timescales to the slow decadal- to centennial-scale changes on the level of customs, values, and social norms. Quelle: https://doi.org/10.1073/pnas.1900577117

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Will Steffen ist für mich eine Schlüsselfigur bei den Versuchen, mich in die Literatur zur Erdsystemforschung und Klimakrise einzulesen und ihre Konsequenzen zu verstehen. Steffen hat zentrale Aufsätze der Erdsystemforschung mitverfasst, mehrfach als Lead-Autor. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die seit Jahren radikale Maßnahmen gegen die Klimakrise fordern und den zivilen Ungehorsam als Methode von Extinction Rebellion von Beginn an unterstützt haben. Mich interessiert besonders, wie Steffen das Verhältnis von Wissenschaft und politischer Praxis, vor allem politischem Aktivismus interpretiert. Für Steffen ergibt sich aus den Erkenntnissen der Forschung zum Erdsystem die Notwendigkeit, sofort und radikal politisch aktiv zu werden. Die Verbindung von empirischer Forschung und politischer Praxis hängt dabei damit zusammen, dass sich ihr Zeithorizont nicht mehr voneinander trennen lässt. Die Forschung zeigt, dass wir—wenn überhaupt—nur noch wenige Jahre haben, um die Entwicklung des Erdsystems hin zu einer Hothouse Earth zu verhindern.

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Ich habe in den letzten Jahren viel über die Klimakrise gelesen und gehört. Den Vortrag, den Will Steffen 2018 in Australien gehalten hat, habe ich erst jetzt gesehen (danke Michael Flammer!). Er ist eine der besten knappen Darstellungen des Klimawandels. Steffens Vortrag ist zugleich das verstörendste Dokument zu dieser Situation, das ich kenne. Er wird hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt.

https://youtu.be/esF6bl2H5x0

Steffen ist einer der namhaftesten Vertreter der Klimaforschung und der Erdsystemwissenschaft. Er ist der Haupt- oder Mitautor einiger ihrer wichtigsten Arbeiten.

Update, 30.11.2020: Das eingebettete YouTube-Video oben habe ich durch die inzwischen fertige deutsche Fassung ersetzt. Originalversion: The Big U-Turn Ahead: Calling Australia to Action on Climate Change – YouTube.

Verstörend ist der Vortrag, weil er ruhig, aber ohne von seiner Linie abzuweichen, auf eine Aussage hinausläuft: 2020 muss ein U-Turn gelingen. Die CO2-Emissionen müssen sinken, statt weiter zu steigen. Scheitert die Klimabewegung dabei, dann drohen auf der Erde Verhältnisse, die sich von den jetzigen deutlicher unterscheiden als diese von denen in der letzten Eiszeit.

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Am Wochenende habe ich zwei wichtige Texte gelesen, die zentrale und meiner Ansicht nach nicht widerlegte Argumente dafür enthalten, für einen sofortigen und radikalen Wechsel unseres Wirtschaftssystems zu kämpfen. Die Argumentation der beiden Texte findet auf verschiedenen Ebenen statt. Es gibt aber viele Berührungspunkte zwischen ihnen. Beide stammen vom August 2018. In beiden geht es um die Risiken, die damit verbunden sind, dass bei einer weiteren Aufheizung der Erdatmosphäre Tipping Points erreicht werden. Jenseits dieser Kipp-Punkte ist eine noch schnellere und viel weiter gehende Erhitzung der Atmosphäre nicht mehr aufzuhalten. Diese Erhitzung ist mit dem Risiko verbunden, dass menschliches Leben nur noch auf Teilen der Erde oder überhaupt nicht mehr möglich ist.

Hothouse Earth Paper, Abbildung 1 (Quelle: siehe Text)
Hothouse Earth Paper, Abbildung 1 (Quelle: siehe Text): Eine schematische Darstellung möglicher zukünftiger Klimapfade vor dem Hintergrund der typischen glazial-interglazialen Zyklen (unten links). Der interglaziale Zustand des Erdsystems befindet sich an der Spitze des glazial-interglazialen Zyklus, während der glaziale Zustand am unteren Ende liegt. Der Meeresspiegel folgt der Temperaturänderung relativ langsam durch thermische Ausdehnung und das Abschmelzen von Gletschern und Eiskappen. Die horizontale Linie in der Mitte der Abbildung stellt das vorindustrielle Temperaturniveau dar, und die aktuelle Position des Erdsystems wird durch die kleine Kugel auf der roten Linie in der Nähe der Abweichung zwischen den Pfaden der stabilisierten Erde und der Treibhauserde dargestellt. Der vorgeschlagene planetarische Schwellenwert bei ∼2 °C über dem vorindustriellen Niveau ist ebenfalls dargestellt. Die Buchstaben entlang der Wege zur stabilisierten Erde/Treibhaus-Erde stellen vier Zeitabschnitte in der jüngsten Vergangenheit der Erde dar, die Einblicke in Positionen entlang dieser Wege geben können ( A, Mittel-Holozän; B, Eemisch; C, Mittel-Pliozän; und D, Mittel-Miozän. Ihre Positionen auf dem Weg sind nur annähernd.)
Übersetzt von H.W. mit Hilfe von www.DeepL.com/Translator
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Ich beschäftige mich noch mit den Inhalten des Vortrags von Dieter Gerten über die planetaren Grenzen. Für mich ist er auch ein Anlass, meine eigene Tätigkeit als Lehrender an einer wirtschaftsorientierten Fachhochschule in Frage zu stellen.

Die Indikatoren für das Anthropozän

Gerten verweist auf den zentralen Aufsatz The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration aus dem Jahre 2015 (PDF-Download hier). In diesem zusammenfassenden Text werden eine Reihe von Indikatoren für soziale Veränderungen seit dem Beginn der Industrialisierung mit einer Reihe von Indikatoren für Veränderungen im Erdsystem verbunden. Die Schlussfolgerung ist, dass wir seit etwa 1950 die Periode, die man als Holozän kennt, verlassen haben. Durch menschlichen Einfluss hat sich das Erdsystem schon jetzt tiefgreifender verwandelt als beim Übergang zum Holozän, also zu einer für die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, günstigen planetaren Umwelt. Die Grafiken mit den verschiedenen Indikatoren sind oft publiziert worden (verschiedene Versionen hier).

The Great Acceleration. Grafik von Félix Pharand-Deschênes (Globaïa) nach Steffen, W., Broadgate, W., Deutsch, L., Gaffney, O., & Ludwig, C. (2015). The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review, 2(1), 81–98. https://doi.org/10.1177/2053019614564785
The Great Acceleration. Grafik von Félix Pharand-Deschênes (Globaïa) nach Steffen, W., Broadgate, W., Deutsch, L., Gaffney, O., & Ludwig, C. (2015). The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review, 2(1), 81–98. https://doi.org/10.1177/2053019614564785
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Dieter Gerten, Michael Tschauko, Sonja Edlinger und Lisa Mayr in der Diskussion nach dem Vortrag "Wie können wir innerhalb planetarer Grenzen leben?" (23.10.2019)

In der letzten Woche hat Dieter Gerten vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung in der katholischen Hochschulgemeinde einen Vortrag über das Leben innerhalb der planetaren Grenzen gehalten.

Ich habe mich für den Vortrage und den Vortragenden auch interessiert, weil das Potsdam-Institut für mich inzwischen zu einem wichtigen intellektuellen Orientierungspunkt geworden ist. Auf das Institut gestoßen bin ich durch eine Diskussion zwischen Bruno Latour und Hans Joachim Schellnhuber im letzten Jahr.

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Unter den deutschen Wissenschaftlern, die öffentlich über den Klimanotstand informieren, ist Stefan Rahmstorf vielleicht der sichtbarste. Er vor allem hat die Rolle übernommen, die Hans Joachim Schellnhuber vor seiner Emeritierung ausgefüllt hat.

Das Wissen, das Rahmstorf in einem Video in der Zeit und in einem Artikel im Spiegel vermittelt, gehört heute zur Grundbildung.

In dem Video schildert er ganz knapp, was passieren wird, wenn wir die globale Erhitzung nicht entschlossen stoppen:

(Publiziert in: Klimawandel: Was, wenn wir nichts tun? | ZEIT ONLINE)

Im Spiegel stellt Rahmstorf dar, welches CO2-Budget der Bundesrepublik Deutschland bleibt, wenn die Ziele des Pariser Abkommens eingehalten werden sollen. Ausgangspunkt ist die skandalöse Antwort der deutschen Umweltministerin auf die Frage eines Journalisten nach dem deutschen CO2-Budget:

Unter diesen ganzen Tonnen und so kann sich doch keiner was vorstellen.

Rahmstorf schreibt, dass die Menschheit noch 500 Gigatonnen CO2 freisetzen darf, wenn die globalen Temperaturen nicht mehr als 1,5° Celsius ansteigen sollen. Folgt man den großzügigeren Vorgaben des IPCC (Erwärmung deutlich unter 2° Celsius), dann bleiben ab jetzt noch 720 Gigatonnen—bei einem wesentlich höheren Risiko, dass die Erhitzung nicht bei 2° gestoppt werden kann.

Um seine Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen umzusetzen, muss Deutschland jährlich 40 Millionen Tonnen CO2 einsparen (Details im Artikel von Rahmstorf). Wenn die noch möglichen CO2-Emissionen global gerecht verteil werden, dann stehen Deutschland insgesamt noch 7,3 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen zur Verfügung (andere Treibhausgase sind dabei vernachlässigt). Tatsächlich würde Deutschland, wenn das sogenannte Klimapaket der Bundesregierung umgesetzt wird, aber ca 13 Milliarden Tonnen beanspruchen, also fast das Doppelte. Das ist nicht nur eine krasse Ungerechtigkeit gegenüber ärmeren Ländern, die viel weniger emittieren und emittieren dürften, es macht es auch unmöglich, global für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit einzutreten.

Zwei Überlegungen dazu:

  1. Für mich sind die Zahlen in dem Artikel von Rahmstorf ein weiteres Argument dafür, dass die Extinction Rebellion-Forderung nach CO2-Neutralität bis 2025 gerechtfertigt ist. Der weniger radikale Emissionspfad, den Rahmstorf (eigentlich der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen) vorschlägt (jährliche CO2-Ensparungen von 40 Millionen Tonnen ab sofort bis zum Ende der 2030er-Jahre), wird m.E. schwerer durchsetzbar sein als eine drastischere Reduktion in einer erklärten Notstandssituation—trotzdem wäre auch dieser weniger steile Reduktionspfad viel wünschenswerter als die kurzfristigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die die Bundesregierung als Klimapaket bezeichnet.
  2. Bundesregierung und Bundestag handeln in einem krassen und erkennbarem Widerspruch zu einer wissenschaftlich eindeutig festgestellten Sach- und Risikolage. Die Tatsachen zum Klimawandel und zu CO2-Budgets, die Rahmstorf anführt, sind das Ergebnis von Forschungen; sie werden von den politisch Verantwortlichen im Interesse der wirtschaftlich Mächtigen vernebelt. Mich erinnert das an der Verhalten der europäischen Regierungen im ersten Weltkrieg. Institutionen, die sich so verhalten, verlieren ihre Legitimität. Dass es eine Verpflichtung zum Schutz der jetzt und in der absehbaren Zukunft lebenden Menschen gibt, ist kein Diskussionsgegenstand. Die Demokratie wird nicht von denen gefährdet, die jetzt zivilen Ungehorsam propagieren, sondern von denen in der Politik, die elementare Verpflichtungen jedes Staates ignorieren.

Die Klimakrise macht verrückt, schreibt Latour—davon kann ich mich nicht ausnehmen. Es ist wahrscheinlich unangemessen und vielleicht sogar lächerlich, ein epochales Phänomen wie die globale Erhitzung in einem Blog mit Thesen zu begleiten. Ich habe die folgenden Thesen formuliert, um meine Gedanken zu ordnen und um mich in Diskussionen auf sie beziehen zu können. Wichtiger als diese Thesen selbst sind mir ihre Konsequenzen etwa in Content-Strategie und Webkommunikation oder bei lokalen politischen Aktionen. Ich freue mich über Widerspruch und Diskussion.

Copyright: Visuelle Darstellung der „planetary boundaries“ nach Johan Rockström et al. 2009; Felix Mueller CC-BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Copyright: Visuelle Darstellung der „planetary boundaries“ nach Johan Rockström et al. 2009; Felix Mueller CC-BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

1. Disruption

Die Klimakrise und das Durchbrechen der Planetary Boundaries führen zu disruptiven Veränderungen, die alle gesellschaftlichen Veränderungen, zu denen es seit 1950 gekommen ist (Übergang zur Wissensgesellschaft, Digitalisierung, Globalisierung) um Dimensionen übertreffen. Im 21. Jahrhundert wird es keine wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklung geben, die unabhängig von der Klimakrise eingeschätzt und gesteuert werden kann.

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Cover von Latour, Face à Gaïa
Cover von Latour, Face à Gaïa

Gestern habe ich endlich angefangen, Face à Gaïa von Bruno Latour zu lesen (deutsch: Kampf um Gaia: Acht Vorträge über das neue Klimaregime). Ich finde sehr viele Bezüge zu den Themen, mit denen ich mich, auch angeregt von Latour, jetzt schon länger beschäftige. Ein Detail: Jan Zalasiewicz, über den ich neulich geschrieben habe, gehört zu den Wissenschaftlern, bei denen sich Latour explizit bedankt.

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Ich habe gestern die Aufnahme eines Abends mit Bruno Labour und Hans Joachim Schellnhuber im Berliner Haus der Kulturen der Welt gehört, größtenteils sogar zweimal. Latour stellt die zentralen Thesen seines Buchs Où atterrir? vor, das jetzt auf Deutsch als das terrestrische Manifest erschienen ist. Schellhuber, so verstehe ich es, konkretisiert in dem anschließenden Gespräch vieles von dem, was Latour eher begriffs- und forschungsorientiert formuliert. Continue reading