Man muss von Journalismus vor allem erwarten, dass er Zeitgeschichte darstellt. Und das Ende des Holozän ist Geschichte, wenn irgendwas Geschichte ist.

Ich versuche Qualitätskriterien zu formulieren, mit denen sich beurteilen lässt, ob ein Text adäquat über die Phänomene berichtet, die mit der Klima-, der Biodiversitäts- und den anderen globalen Krisen zusammenhängen, die sich aus dem Überschreiten der Planetary boundaries ergeben. Die Berichterstattung auch in den sogenannten Qualitätsmedien wird diesen Krisen nur selten gerecht—ein wichtiger Faktor für ihre kontinuierliche Verschlimmerung. Ich möchte diese Kriterien mit dem Anspruch auf Objektivität formulieren, aber ohne eine bestimmte Antwort auf diese Krisen zu vorwegzunehmen. Hier ein erster Entwurf als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Ich werde versuchen, die Kriterien in weiteren Posts zu reflektieren und zu begründen.

  1. Kontext: Einzelinformationen in den Kontext des Wissens über die multiplen ökologischen und sozialen Krisen stellen.
  2. Anthropozän/Erdsystem: Ereignisse und Entwicklungen als historisch, sozial und natürlich zugleich zeigen, nicht willkürlich zwischen einer “natürlichen” und einer sozialen/menschlichen/wirtschaftlichen Ebene unterscheiden.
  3. Präsens statt Futur: Die ökologischen Katastrophen nicht als vor allem zukünftig beschreiben, sondern als schon gegenwärtig und weitgehend unwiderruflich.
  4. Fakten: Aussagen über Tatsachen nicht als Meinung von Wissenschaftler*innen darstellen, sondern ihre Begründung erklären.
  5. Aktionsmöglichkeiten: Zeigen, welche Aktionen möglich sind und welche Aktionsmöglichkeiten bereits ergriffen werden.
  6. Richtigstellung: Vernebelungsstrategien, Propaganda und interessengebundene Berichterstattung in jedem Einzelfall benennen und analysieren.
Gletscherbruch in Nordindien: Bis zu 150 Tote befürchtet (ORF.at)
Im Norden Indiens werden nach einer Sturzflut mindestens 150 Menschen vermisst. Ein riesiger Gletscher war zuvor von einem Berg abgebrochen und in einen Fluss gefallen. Der Unfall ereignete sich nach Angaben von SN Pradhan, dem Vorsitzenden des indischen Katastrophenschutzes, am Sonntag in der Gegend um Joshimath im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand.

Der @ORF bekommt es (wie @derStandardat) angesichts des Gletscherbruchs in Indien wieder einmal hin, die Klimakrise zu nicht zu erwähnen—anders übrigens als die @tagesschau. c/ @ManuelGrebe.

Suzanne Simard
Suzanne Simard, Bildquelle: Wikimedia Commons

Ich habe gestern den letzten Wochenendpodcast der New York Times gehört, einer Reportage über die Forschungen Suzanne Simards über Wälder und Bäume. Der Podcast ist die Audioversion eines Artikels von Ferris Jabr (Twitter: (@ferrisjabr). Jabr, der gerade ein Buch über die Koevolution von Erde und Leben schreibt, berichtet über Simards Leben, über ihre Publikationen, über die Wirkung ihrer Arbeiten und die Kritik an ihnen. Sein Artikel ist gut belegt. Er ist ein Best Practice-Beispiel für Wissenschaftsjounalismus in der Zeit des ökologischen Zusammenbruchs—auch wenn die Zerstörung der Ökosysteme, von denen er berichtet, nicht sein Hauptthema ist.

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Seit Dienstagnacht habe ich täglich stundenlang die Berichte über die Wahlen in den USA verfolgt. Ich denke daneben weiter über die Beziehungen zwischen Journalismus und Wissenschaft nach. Beides hängt für mich zusammen. Was in den letzten Jahren in den USA passiert ist, gehört für mich zu der epistemic crisis (Benkler, Faris, and Roberts 2018), die es nötig macht, darüber zu reflektieren, worin der Wahrheitsanspruch von Tätigkeiten wie Journalismus und Content-Strategie besteht.

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Guter Beitrag über schlechten Wissenschaftsjournalismus. Wobei diese Relativierung von Wissenschaft durch Journalismus wohl nicht nur kommerzielle, sondern auch politische Motive hat wie bei den von Milliardären kontrollierten Pro-Trump- und Brexit-Medien.