Hier eine leicht überarbeitete Version der Präsentation, die ich am letzten Web Montag Graz gezeigt habe und danach auch zweimal im Unterricht. Das Thema war: Die neuen Nachrichten. Bei der Vorbereitung bin ich auf die Idee gekommen, das Model View Controller-Pattern zu verwenden, um dieses sehr allgemeine Thema zu strukturieren. Jetzt beim Überarbeiten habe ich das noch in eine Beziehung zu den drei Ebenen Daten—Information—Wissen gebracht.

(Präsentation im Originalformat bei prezi hier.)

Ich versuche, drei Aspekte des Nachrichten-Universums im Web zu unterscheiden:

  • das Medium im engeren Sinn, also die Daten im Web (die Ebene der Modelle),
  • den Zugang zu den Nachrichten (die Ebene der views oder Ansichten) und
  • das “Machen” der Nachrichten, das man von ihrer Rezeption und ihrem Austausch nicht trennen kann (die Ebene der controller oder Kontrollelemente).

Bei allen drei Aspekten versuche ich eine dominante Tendenz hervorzuheben:

  • die Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Quellen,
  • die Präsentation der Nachrichten in Streams mit der Tendenz zur Echtzeitinformation und
  • die Rekombination der Arbeitsschritte bei der Nachrichtenproduktion und -distribution in Netzwerken.

Ich verstehe das Ganze als ein Denkbild, nicht als ein theoretisches Konzept. Ich versuche dabei, möglichst vom Web und dessen eigener Dynamik her zu denken, nicht ausgehend davon, was von den Vor-Web-Medien im Web bleibt oder bleiben könnte. Wenn man die verschiedenen Komponenten, die für das Nachrichtenuniversum im Web wichtig sind, in einem Gedankenexperiment voneinander abhebt, stellt man fest, wie sehr sich dort alles, was mit Nachrichten zu tun hat, von den Nachrichten in den herkömmlichen Formaten unterscheidet. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass auch Geschäftsmodelle für Nachrichten in dieser Umwelt anders funktionieren müssen als außerhalb des Web.

Gemeinsam ist allen drei Komponenten—der der verlinkten Daten, der der News-Streams im Live Web und der der vernetzten Produktion von Nachrichten—dass es in ihnen keine abgeschlossenen, fertigen Produkte gibt. Die Verlinkungs-, Filterungs- und Austauschmöglichkeiten verändern alle News-Partikel unaufhörlich. Die Welt der neuen Nachrichten ist vor allem eine Welt der nicht vorherzusehenden Möglichkeiten.

Am Freitag habe ich bei der Round Table dess Studiengang Management internationaler Geschäftsprozesse der FH Joanneum in das Thema Open Access eingeführt. Dabei habe ich versucht, auf die generelle Problematik des “geistigen Eigentums” in der digitalen Gesellschaft hinzuweisen. Ich schaffe es im Augenblick nicht, den ganzen Vortrag zu referieren, hier wenigstens die Präsentation:

(Die Präsentation ist für das aktuelle Layout meines Blogs zu breit; um sie full screen zu sehen, bitte mit die Maus in die untere rechte Ecke bewegen und in in dem Menü, das sich dann öffnet, auf das unterste Symbol klicken.)

Die Veranstaltung war für mich übrigens sehr interessant. Es ging in den anderen Vorträgen um klassische Patente, über deren Bedeutung ich viel gelernt habe.

(Links zu weiteren Informationen trage ich nach.)

Wir wollen versuchen, an unserer Hochschule ein Kompetenzzentrum Webkommunikation aufzubauen (den Namen verstehe ich immer noch als Arbeitstitel; Helmuth Bronnenmayer hat vorgeschlagen, dass wir das Ganze WebKomm abkürzen, was mir gut gefällt). In den letzten Wochen habe ich mit Karin Raffer und Julian Ausserhofer viel darüber diskutiert, wie wir methodisch vorgehen wollen. Die Frage ist: Wie bekommen wir die sozialen Aspekte der Webkommunikation in den Blick, ohne die technischen Aspekte zu ignorieren. Wir wollen nicht einen der sterilen akademischen Diskurse über Webkommunikation fortsetzen, bei denen die technische, ich könnte auch sagen: die Geek-Seite der Sache ausgespart bleibt. Wir suchen nach einem Ansatz, um Webkommunikation so zu beschreiben, dass man die Kompetenz zu dieser Kommunikation dann auch methodisch sauber entwickeln kann—bei angehenden PR-Leuten und Journalisten an unserem Studiengang wie bei Leuten, die für die Webauftritte von Unternehmen oder Organisationen verantwortlich sind.

Ich scheue mich etwas aufzuschreiben, in welcher Richtung wir arbeiten wollen, weil das für Praktiker in Unternehmen oder Medienhäusern in dieser Anfangsphase wahrscheinlich extrem abstrakt und theoretisch klingt. Wir wollen uns an sozialwissenschaftlichen Traditionen orientieren, die die Handlungskompetenz der Akteure in den Mittelpunkt stellen, an der Ethnomethodologie, der Gesprächsanalyse und der Akteur-Netzwerk-Theorie. Dabei suchen wir nach Möglichkeiten, empirisch zu untersuchen, wie Menschen im Web tatsächlich Kommunikationsprozesse vollziehen—vielleicht könnte ich auch sagen: wie sie sich im Web verständigen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Die Frage nach dem Wie bezieht sich auf Regeln oder Methoden, die die Akteure beherrschen (vor allem auf konstitutive Regeln im Sinne von Searle), die Frage nach den Faktoren auf die Phänomene, die sie berücksichtigen, und die ihr Aktionsfeld bestimmen—nicht auf hinter ihnen wirkende anonyme Kräfte oder Systeme. Vielleicht könnte ich auch sagen: Wir wollen beschreiben, welche Erwartungen bei der Verständigung im Web ineinandergreifen. Die Menschen, die sich im Web verständigen, erwarten etwas voneinander, ihre Erwartungen bauen aufeinander auf; sie erwarten aber auch etwas von der Technik, mit der sie dabei umgehen, und sie wissen, was die Technik von ihnen erwartet. Wir wollen beschreiben, wie sie die Beteiligten und Elemente der Kommunikation klassifizieren, welche Folgen von Sprech- oder Schreibakten (einschließlich Reparaturhandlungen) sie beherrschen, und wie sie dabei mit nichtmenschlichen Objekten und Akteuren, z.B. Browsern oder Suchmaschinen, umgehen.

Im Moment kommt es mir so vor, als könnte man die soziale Seite der Webkommunikation am leichtesten beschreiben, wenn man von Erwartungssystemen (also geordneten Erwartungen der Kommunikationsteilnehmer aneinander und an ihre Umwelt) ausgeht und diese analysiert. Dann kann man klären, ob und wie sie sich von der Erwartungssystemen in anderen Verständigungsformen unterscheiden. Möglicherweise kann man solche Erwartungssysteme auf ganz unterschiedlichen Ebenen beschreiben: Welche Erwartungen verbinden sich mit einem Hyperlink? Welche Erwartungen erzeugt jemand, der ein Profil von sich selbst im Web publiziert? Welche Erwartungen spielen bei der Verwendung eines Browsers eine Rolle, und wie spielen Erwartungen an deterministische technische Abläufe und Erwartungen von nicht vorhersagbaren Informationen und Kommunikationsakten ineinander? Wie weit bieten sich im Web ganz spezifische Möglichkeiten, Erwartungssysteme auf nicht erwartete Phänomene einzustellen und sie ihnen anzupassen?

Das sind Anfangsfragen, möglicherweise ist schon ihre Formulierung naiv. (Den Ausdruch Erwartungssysteme benutze ich nur zur Selbstverständigung.) Wir möchten jedenfalls in dieser Richtung weiterarbeiten und zuerst Forschungs- und Literaturberichte zur Anwendung von Ethnomethodologie, Gesprächsanalyse und Akteur-Netzwerk-Theorie (dazu hat Julian bereits seine Diplomarbeit verfasst) auf die Webkommunikation schreiben. Wir freuen uns auf Dialoge mit Praktikern und hoffentlich auch mit Soziologen, die uns helfen können, unsere Methoden zu verbessern.

Ich habe eine Seite über Mobilen Journalismus, kurz MoJo, angelegt, um Informationen dazu zu sammeln und zu ordnen. In meinem Feedreader haben sich in den letzten Wochen Posts über journalistisches Arbeiten mit Mobiltelefonen gehäuft—meist auf Englisch. Das Thema wird bei uns aktueller werden—auch wenn, wie beim Videojournalismus, zunächst sicher vor allem die Bedenkenträger darüber diskutieren werden.

MoJo steht für Mobile Journalism oder Mobiler Journalismus. Mobiler Journalismus ist Journalismus mit dem Mobiltelefon und Journalismus für das Mobiltelefon. Moderne Handys und Kleinkameras können sendefähige Videos und Audios aufnehmen. Es werden neue journalistische Formen möglich—und schon alte Fragen nach der Rolle der professionellen Journalisten müssen neu gestellt werden.

Beispiele

Aufsehen erregte dieses Video, das Gio Bonitez mit dem iPhone für CBS (WFOR in Miami) produzierte—so viel Aufsehen, dass CBS darüber einen weiteren Beitrag brachte, natürlich ebenfalls mit einem iPhone produziert. Poynter Online hat einen ausführlichen Chat über diese Story veröffentlicht, mit Benitez und seiner Redakteurin Adrienne Roark. Beide sprechen nicht nur über die Tools, die sie verwendet haben, sondern auch darüber, dass durch das mobile Arbeiten neue Formate entstehen werden.

Moeed Ahmed, der New Media-Verantwortliche von Aljazeera, spricht in einem Interview mit Christian Payne während der New Yorker 140 Character Conference über die Bedeutung des mobilen Berichtens für Aljazeera:

Neue Formate

Interessant sind Mobilgeräte vor allem als Ergänzung anderer Hardware. Sie unterstützen den Prozessjournalismus: Ein Interviewer, den ein Kameramann begleitet, kann mit seinem Mobiltelefon zusätzliche Shots machen, die er z.B. für Blogposts verwendet, die die Hauptstory ergänzen. WFOR will sein gesamtes Personal mit mobilen Kameras ausstatten, um ununterbrochen und von verschiedenen Standorten aus über Hurricans zu berichten.

Tools

Software: Via Twitter posten lassen sich Videos mit TwitVid und Fotos mit Twitpic. Mit der Iphone App TweetMic kann man Sprachbotschaften twittern. Für Audioaufnahmen mit dem iPhone lässt sich iProRecorder oder voice memos benutzen.

Hardware: Die Standard-Hardware von Mobiltelefonen lässt sich ergänzen; so gibt es für das iPhone Stativ-Anschlüsse und Wechselobjektive. Es ist auch möglich (nach Jailbreak), auf einem iPhone mit einer Bluetooth-Tastatur zu schreiben.

Plattformen: Vom Mobiltelefon aus streamen kann man via Kyte oder qik.

Ressourcen:
GlobalMojo ist ein Blog ausschließlich über mobilen Journalismus. Als Informations- und Experimentierplattform ist news4mobile gedacht, das eine eigene Seite mit Ressourcen zum mobilen Journalismus enthält.

Mehr Links zum Mobilen Journalismus

Version: 19.7.2009