Ich habe mich in der letzten Zeit mit Texten zu Praxistheorien beschäftigt, vor allem mit Robert Schmidts Soziologie der Praktiken. Jetzt lese ich Pickerings Mangle of Practice. Ich habe schon ein paarmal vergeblich versucht, so etwas wie Lektüre-Ergebnisse zu formulieren, die ich dann als Basis für eigene Untersuchungen oder Texte verwenden kann. Die Schwierigkeiten hängen nicht nur damit zusammen, dass diese Texte von meinem eigentlichen Interessensgebiet, den Online-Publikationen, weit entfernt sind. Sie ergeben sich auch daraus, dass diese Theorien selbst vor allem als Instrumente gedacht sind, um empirische Untersuchen durchzuführen, und nicht als scholastische (Bourdieu) Theorien, also als Selbstzweck (und das wiederum hängt mit einem ganz anderen Theorieverständnis zusammen, als es zum Beispiel beim Sprechen von Medientheorie oder Systemtheorien meist vorausgesetzt wird).

Ich versuche jetzt hier, den Knoten zu durchschlagen, indem ich thesenartig Ausgangspunkte formuliere, von denen aus man Webkommunikation oder Interaktion im Web praxeologisch, also als interaktive Praktiken, untersuchen könnte. Ich weiss, dass diese Thesen sehr abstrakt sind. Es ist auch deutlich, dass es sich fast durchgängig um Thesen handelt, die auf jede Art von Interaktion zutreffen können. Es geht mir hier nur um eine erste Formulierung. Ich hoffe, dass diese Thesen dabei helfen, Fragestellungen für konkrete Untersuchungen zu formulieren. Ich freue mich über Kritik, auch über deutliche Kritik.

Thesen

  1. Online-Interaktionen lassen sich nicht stabilen überzeitlichen oder kontextlos kategorisierbaren Subjekten zuschreiben, sondern Akteuren, die sich in der Interaktion konfigurieren oder rekonfigurieren. (Beispiele: Twitterer, Facebook-Freunde, Facilitators in einem MOOC, Datenjournalisten.)
  2. Basis von Online-Interaktionen ist ein geteiltes und verteiltes Wissen, dass sich im Habitus (Bourdieu) der Handelnden verkörpert. (Beispiele: Die Haltung und das geteilte Verständnis von Social Media-Praktikern, das Wissen der Teilnehmer an BarCamps oder EduCamps.)
  3. Online-Interaktionen sind grundsätzlich offen. Es ist nie voraussagbar, was ihr Ergebnis sein wird. (Beispiele: Entwicklung von Social Networks und Online-Communities, Gestaltung vieler Angebote durch ihre User.)
  4. Online-Interaktionen sind reflexiv und werden von den menschlichen und nichtmenschlichen Beteiligten füreinander beschrieben oder transparent gemacht. Wissenschaftliche Beschreibungen von Online-Interaktionen verwenden deshalb Second-Order-Begriffe (also Begriffe, die sich auf die Begriffe der Handelnden beziehen). (Beispiele: Monitoring-Verfahren, Verwenden von Konventionen vom unterstrichenen Link bis zum Hashtag, Selbst-Explizierung in Blogs und Microblogs.)
  5. Online-Interaktionen sind in den Sinn öffentlich, dass die Handelnden aufeinander bezogen handeln und wissen, dass sie aufeinander bezogen handeln. Die Öffentlichkeit ist die Voraussetzung für ihre im weitesten Sinne sozialwissenschaftliche Beschreibung. (Beispiel: Geteilte öffentliche Räume der Teilnehmer an einem MOOC, die österreichische Polit-Twitteria.)
  6. Online-Interaktionen sind performativ in dem Sinn, dass eine Abfolge von Interaktionen etwas bewirkt. Auch kognitive Vorgänge lassen sich als Bestandteile von Interaktionen beschreiben, bei denen die Handelnden etwas machen. (Beispiele: Pflege der Wikipedia, Erhalten einer Twitter-Timeline, Realisieren eines MOOC, aber auch das schlichte Schreiben eines Tweets.)
  7. Die Absichten der Beteiligten sind Bestandteile von Online-Interaktionen, können diese aber nicht allein erklären. (Beispiele: Die unterschiedlichen Intentionen der an einer Website Beteiligten oder die Anfänge von Twitterern, die oft schlicht nicht wissen, warum sie den Dienst benutzen sollen.)
  8. Online-Interaktionen sind immer Übersetzungen, nie nur Anwendungen von Regeln. (Beispiele: Individualität jedes Twitter-Accounts, Interpretation von Firmen-Richtlinien zur Kommunikation.)
  9. Online-Interaktionen sind immer an digitale Objekte und Artefakte gebunden und werden von ihnen mitstrukturiert. (Beispiele: Jede Art von Apps, Organisation von Beziehungen und Kommunikation mit digitalen Tools.)
  10. Online-Interaktionen sind immer Übersetzungen heterogener Komponenten. (Beispiele: Transformation journalistischer Praktiken im Online-Journalismus und Verschmelzen mit Social-Media- und Programmier-Praktiken.)
  11. Online-Interaktionen beinhalten immer ein diszipliniertes Agieren, das an die technischen Komponenten der Online-Umgebungen gebunden ist. (Beispiele: Die erzwungene “richtige” Verwendung der diversen Online-Tools, von der richtigen Bedienung von Tastatur und Bildschirm über die Systemadministration bis zur Programmierung, die Disziplin zur Aufrechterhaltung von Offenheit, sei es des Web insgesamt, sei es von zB Open Educational Resources.)
  12. Kollektive oder Systeme sind auch in der Online-Interaktion immer das Ergebnis der Verwendung von lokalen kollektivierenden oder systematisierenden Mechanismen oder Werkzeugen. (Beispiele: Hashtags, soziale Graphen.)

Nachbemerkung

Wer die Literatur kennt, von der ich bei diesen Thesen ausgehe, sieht, dass sie viele Eltern haben. Für mich selbst ist sicher Bruno Latour am wichtigsten unter ihnen. In der Formulierung lassen sie sich fast alle mehr oder weniger direkt auf Robert Schmidts Buch zurückführen. (Der Begriff Disziplin in der 11. These geht auf Pickering und Foucault zurück.) Schlüsselbegriffe sind agency, also Handlungsfähigkeit, Handlungsvollmacht, performance, also Leistung, Durchführung, Realisierung, und Öffentlichkeit. Bei der Online-Interaktion hat man es mit spezifischen Handlungsmöglichkeiten zu tun, weil in nur dort möglichen Weisen Kollektive (z.B. große Communities) und Maschinen (z.B. Cloud-Dienste) mobilisiert werden. Es werden spezifische soziale Strukturen realisiert (z.B. die Online-Devisenmärkte, die Karin Knorr-Cetina untersucht hat), die es nur durch die laufende Interaktion aller Beteiligten gibt. Und es haben sich spezifische Öffentlichkeiten oder geteilte Räume gebildet, in denen wir immer mehr Zeit verbringen, und die sich immer enger mit der sogenannten analogen Welt durchdringen (Karin Knorr-Cetina spricht vom Handeln in einer Synthetic Situation).

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