Ich habe schon öfter darüber geschrieben, was das Besondere an Twitter ist und wie man Twitter unterrichten kann. Ich habe mich auch schon öfter mit der Realtime-Web beschäftigt. Mir ist aber, und darüber wundere ich mich, nie klargeworden, dass Echtzeit das Besondere an Twitter ist. Nicht nur, weil Twitter als erster Dienst einen Echtzeit-Stream angeboten hat, sondern weil Twitter als Medium auf Echtzeit ausgelegt ist.

Ich habe heute im Unterricht gefragt, was »the essence of Twitter« ist. Eigentlich müsste ich diese Frage selbst ablehnen, weil sie essentialistisch ist, also davon ausgeht, Twitter konnte so etwas wie ein Wesen haben. Bei Internetdiensten sind solche Fragen deplaziert, sonst vielleicht auch. Trotzdem habe ich selbst die Antwort gegeben, dass das Besondere an Twitter ist, dass es in Echtzeit funktioniert.
Echtzeitinformation ist nichts für Twitter Reserviertes. Auch Facebook bietet Echtzeitinformation an, und Protokolle wie PubSubHubbub und RSSCloud dienen dazu, Echtzeit-Information durch Feeds jeder Art zu ermöglichen. Bei Twitter ist aber sowohl das Format der Tweets selbst als auch die Twitter-Site auf Echtzeitinformation ausgerichtet. Twitter bietet nicht mehr Information, als man im Moment konsumieren kann, und die Site selbst zeigt auch nichts anderes oder kaum anderes, als das, was gerade jetzt gewittert wird. Dürften Tweets länger sein oder wurden sie in irgendeinem weiteren Zusammenhang gezeigt, mit dem man sich beschäftigen muss, ginge dieser Echtzeitcharakter verloren.
Facebook bietet einen Echtzeit-Newsfeed neben den vorausgewählten wichtigsten Nachrichten an. Damit zeigt es, dass Echtzeit bei Facebook nicht das primäre Feature ist. Bei Facebook will ich wissen, was meine Freunde machen oder gemacht haben, aber nicht unbedingt, was sie gerade jetzt tun. Der Focus liegt auf den Freunden und vielleicht der Beziehung, nicht auf dem, was jetzt geschieht.
Was man twittert, kann sich stark unterscheiden. Es können Nachrichten sein, der persönliche Status oder auch einfach etwas Witziges. Aber es muss für die Leser sehr zeitnah zu dem Augenblick interessant sein, in dem es formuliert wird. 
Wenn eine Firma oder Organisation wissen will, ob und wie sie twittern soll, sollte sie also zuerst fragen, ob sie einen Echtzeit-Kanal braucht. Entweder sie kann oder muss Informationen anbieten, die im Augenblick interessant sind, oder sie kann an Konversationen teilnehmen, die man gerne in Echtzeit verfolgt, auch wenn sie asynchron sind. 
Dass Twitter sich vor ein paar Jahren gegen Pownce und Jaiku durchgesetzt hat, könnte mit der Orientierung an der Echtzeit-Kommunikation (im Web, Twitter ist kein Chat) zusammenhängen. Sie zwingt auch zu der Einfachheit, die für Twitter typisch ist. Als User hoffe ich, dass Twitter bei diesem Konzept bleibt und es nicht durch von Facebook übernommene Features wie den Activity-Stream verwässert.

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