@Gerrit: Danke für den Einwand! In dem Eintrag beziehe ich mich auf die Diskussion in Mindy McAdams’ Blog; in den USA erwarten potenzielle Arbeitgeber offenbar mehr als in Europa, dass Online-Journalisten technisch fit sind und online-spezifische Features mitentwickeln können. Leute wie Adrian Holovaty wirken da als Vorbilder.
Ich finde selbst, dass es gute Gründe dafür gibt, zukünftigen Journalisten und PR-Leuten (wir bilden beide aus) die Grundlagen von HTML beizubringen:
1. Es ist sehr gut möglich, dass sie später nicht in einer großen Redaktion arbeiten, in der ihnen Techniker ein Redaktionssystem einrichten und sich Designer mit dem Layout beschäftigen. Vielleicht werden sie ein eigenes Blog oder Wiki einrichten, vielleicht arbeiten sie mit einem Content Management System, das angepasst werden muss. Ohne HTML-Kenntnisse (die nicht sehr ausgedehnt sein müssen) lassen sich nicht einmal die Templates der gängen Blog-Systeme verändern.
2. HTML gehört zu den grundlegenden Techniken des WWW, und es ist sehr schwer zu verstehen, wie dieses Medium funktioniert, wenn man überhaupt kein HTML kann. Wie Bilder und Medien in eine Seite eingebunden werden, wie man das Layout einer Seite definiert, vor allem aber: was ein Link ist, kann man ausgehend vom HTML-Quelltext leicht erklären. (Was die Notwendigkeit dieser Kenntnisse angeht, stimmen wir wohl auch überein!) Es jemand klar zu machen, der nicht weiß, was Tags, Elemente und Attribute sind, stelle ich mir sehr schwer vor. Journalisten sollten heute zum Beispiel auch wissen, wie Klickraten und Pageviews gemessen werden (und welche Probleme mit Online-Messverfahren verbunden sind.) Sie sollten eine Vorstellung davon haben, was Content Negotiation ist und wie Webseiten dynamisch erzeugt werden. Das alles lässt sich ausgehend von HTML-Dokumenten am besten erklären. (Ich finde übrigens, dass die Möglichkeit, in den Quelltext zu schauen und ihn zu kopieren oder zu modifizieren, zu den besonderheiten von Webdokumenten gehört und man in der Ausbildung darauf eingehen sollte.)
3. Journalisten und PR-Leute werden immer mehr auch mit der Entwicklung von Sites, sub-Sites und Web-Diensten zu tun haben, dazu brauchen sie auch technisches Know-How. Sie müssen verstehen, was es heisst, Inhalt und Präsentation voneinander zu trennen, und sie müssen — das geht über HTML hinaus — wissen, was Daten bzw. Textdaten sind und was sich mit ihnen machen lässt. Um mit Entwicklern diskutieren zu können und auch um Anforderungen zu verstehen und zu definieren (zum Beispiel Barrierefreiheit oder mobiler Zugang), braucht man etwas HTML-Wissen.
Vielleicht ist der Vergleich etwas weit hergeholt: Man kann ohne Notenkenntntnisse gute Musik machen, aber in der Ausbildung sollte man die Notenschrift lernen.