Ein hoffentlich nicht zu kryptisches Post zu meiner aktuellen Lektüre. Es geht mir bei dieser Lektüre um konsistente Argumentationen zu einer ökologischen Politik:
Ich habe mich in der vergangenen Woche wieder mit Henri Lefebvre beschäftigt. Martin und ich haben am Samstag in einer Klasse der Ortweinschule Input für die letzte Ausstellung der off_gallery in diesem Jahr gegeben. Bei dieser Ausstellung wollen wir Arbeiten von Studierenden zum Thema „Politische Räume“ ausstellen. Unser theoretischer Ausgangspunkt war Lefebvres Theorie der „Produktion des Raumes“.
Mich selbst interessiert besonders, ob und wie man Lefebvres Ansatz, bei dem – sehr grob gesagt – der sozial produzierte Raum an die Stelle der „Gesellschaft“ tritt, mit der Theoriebildung der ökologischen Ökonomik verbinden kann. Es geht mir dabei um Argumente für den Bioregionalismus/Ökoterritorialismus als politische und soziale Strategie in der „Anthropozänsituation“: Wie können raumbezogene Praktiken die katastrophale Beschleunigung der Produktion von Entropie (z.B. durch in der ganzen Atmosphäre verteilte Treibhausgase) verlangsamen?
Anregungen für eine Lektüre Lefebvres vor dem Hintergrund von Theorien der Erzeugung von Entropie durch wirtschaftliche Prozesse habe ich bei Bernard Stiegler gefunden.
Stiegler interpretiert in einem Vortrag zum „New Urban Engineering“ (Stiegler, 2018) Lefebvres Theorien zu Stadt, Raum und Urbanisierung ausgehend von Alfred Lotkas Konzept der exosomatischen Evolution. Er überträgt Lefebvres Forderung nach dem Recht auf Urbanität auf die „hyperurbanen“ Strukturen, die eine Folge oder ein Teil der digitalen „Disruption“ sind (ich bin nicht sicher, ob Stiegler nur von einer Disruption sprechen würde, da er die Disruption als neue globale Grundsituation beschreibt). Verwirklichung von Urbanität unter diesen Bedingungen ist eine Aufgabe für kollaborative Strukturen; Stiegler selbst hat ein solches Projekt mit Gemeinden bei St. Dénis im Norden von Paris begleitet.
Mit Blick auf mein Projekt eines Bioregionalismus-Buchs finde ich besonders interessant, dass Stiegler in diesem Vortrag eine „neue Territorialisierung“ fordert. Der wachsenden Entropie der digitalen, hyperurbanen Strukturen entgegen stehen sich selbst organisierende Territorien, die sich dann im globalen Netzwerk mit anderen Einheiten austauschen, sich also nicht isolieren.
„The challenge is to re-territorialize and re-globalize, or rather ‘re-world-ize’ [re-mondialiser – in the sense of In-der-Welt] the global economy, by developing locally anti-anthropic economies that valorize knowledge in the reticulated global economy.“
Wie dieses Zitat zeigt, ist für Stiegler die „Valorisierung des Wissens“ die wichtigste Leistung der lokalen anti-anthropischen (das heisst bei Stiegler immer auch: anti-entropischen) Wirtschaften. Urbanität wird durch Gemeinschaften hergestellt, die lokalisiertes Wissen entwickeln und pflegen, und zwar gegen die „artificial stupidity“ der digitalen Plattformen.
In diesem Vortrag spricht Stiegler nicht direkt über die materiellen Stocks und Flows, mit denen sich die ökologische Ökonomik beschäftigt. Er interessiert sich für eine andere Ebene als die der Bioregionen, aber auf dieser, ebenfalls räumlichen Ebene geht es auch um ein Bremsen der Produktion von Entropie.
Ich bin noch am Anfang der Lektüre Stieglers und auch einer systematischen Beschäftigung mit Bioregionalismus/Ökoterritorialismus. Ich vermute, dass Stiegler für die Formulierung eines aktuellen Ökoterritorialismus vor allem wichtig ist, weil er sich intensiv mit den Formen, der Erzeugung und der Relevanz von lokalisiertem, urbanem Wissen als Gegenentwurf zu einer entropischen Globalisierung beschäftigt hat – einer Ebene, die für den Ökoterritorialismus sehr wichtig ist, wenn er Provinzialismus vermeiden will.