Mir geht NAZA (Abraham & Szor, 2026) durch den Kopf, den ich gestern im KIZ gesehen habe: einer der besten und verstörendsten Filme die ich kenne.
In NAZA berichten Täter – israelische Soldatinnen und Soldaten – über das industrielle Töten in Gaza nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober.
Der Films stellt die Fakten – die Handlungen, von denen die Interviewten sprechen – in ihren räumlichen Zusammenhang und schildert die Abläufe, die zum Tod von Tausenden palästinensischer Zivilistinnen und Zivilisten geführt haben. Er vermeidet aber strikt Zuschreibungen an Kollektive und unterläuft jede – wenn es sich so nennen lässt – Überhöhung, jedes „Storytelling“. Deshalb verfehlt die Gegendarstellung der israelischen Armee (2026) den Inhalt des Films: Die Berichte der Täterinnen und Täter davon, wie sie mithilfe digitaler Hochtechnologie Unschuldige und Unbewaffnete, Frauen und Kinder aus der Ferne umgebracht haben, durchbrechen ja gerade den rechtfertigenden narrativen Kontext, den die israelische Regierung und die israelische Armee aufgebaut haben, und in denen sich mythisierte Agierende („Israel“) gegen andere mythisierte Agierende („den“ Terrorismus, „den“ Antisemitismus) wehren. Wenn diese Berichte nicht gefälscht sind – und dieser Vorwurf wird nicht glaubhaft erhoben – dann stellen sie einen Teil des Geschehens dar, der abscheulich und unmoralisch ist – ganz unabhängig von allen Vorschriften, Entscheidungen und Regeln des Militärs.
Der Schauplatz der Interviews, die nächtliche hyperurbane Umwelt Tel Avivs, ist ein wichtiges Element des Films. NAZA ist auch ein Film über Raum und Architektur. Das industrielle Töten, das die Interviews schildern, gehört zur digitalen Überwachungsgesellschaft, deren Abläufe die visuelle Realität bestimmen, aber zugleich verborgen bleiben. Der Film zeigt nicht die Screens des Militärs, deren Ästhetik Teil dieser Überwachungsgesellschaft ist. Dafür stellen die Interviewten immer wieder auf einfachen Papierzeichnungen dar, wie sie in Gaza getötet haben. Die visuelle Askese ist Teil der „Rettung der äußeren Wirklichkeit“ durch den Film, über die Siegfried Kracauer geschrieben hat (Kracauer, 2015). Die ethische Botschaft – das Töten von Unschuldigen muss aufhören! – ist an dieses Zeigen von Räumen und dessen was in ihnen passiert, gebunden. Die Realität geht nicht in den narrativen Abläufen, in den Geschichten auf, die Konflikte und Verbrechen als scheinbar zwingende Folgen des ihnen Vorausgehenden rechtfertigen.
Ein neuer Podcast des Guardian (Abraham & Szor, & Kelly, 2026) erklärt den Hintergrund des Films und berichtet über die Versuche, ihn zu diskreditieren und der Öffentlichkeit zu entziehen. Ab November wird er über die Website des Guardian zu sehen sein.
@Heinz Was denkst du über die Kritik von Rüdiger Suchsland?
https://www.artechock.de/film/text/kritik/n/naza.htm
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@Heinz @teezeh Ohne den Film gesehen zu haben (ich nehme mir das zwar vor, weiß aber, dass ich solches nur schwer ertrage) und daher im Dunklen tappend: Die Kritik von Suchsland ist schon irgendwie nachvollziehbar. Man kann eben auch sehr subtil Partei ergreifen und allein durch das Gezeigte, die horrende Gewalt, eine Art Kritikimmunisierung anstreben. In der Form – wer wollte angesichts unschuldiger, toter Kinder es wagen, die hehren Absichten des Filmmachers anzuzweifeln? Bzw. suggerieren: Du übst Kritik – tun dir diese Menschen nicht leid? Bist du gar _für_ solche Brutalität?
Wie gesagt – ich habe den Film (noch) nicht gesehen, aber derlei ist eine Gratwanderung. Und Fallen gibt's oft auf beiden Seiten des Abgrunds.
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Die Taten dieser Soldatinnen und Soldaten, die sich ihre Befehle nicht selbst erteilt haben, sind unerträglich, und sie würden es auch in einem erweiterten Kontext bleiben. Die Filmemacher nehmen deutlich Partei – an einer Stelle wird in einem Interview ausdrücklich von einem Genozid gesprochen – aber sie lassen viele Interpretationen offen. Der Film ist dokumentarisch, aber er belegt oder suggeriert nicht eine These, sondern er macht es sehr schwer, beim Formulieren von Thesen das Geschilderte – das in den Interviews Erfragte – nicht wegzuinterpretieren.
Der Film spart den 7. Oktober nicht aus, und auch nicht die Erinnerung an den Holocaust. Ein Ausschnitt von Lanzmanns Shoah-Film und das Holocaust-Gedenken in Tel Aviv werden gezeigt. Wie die Beziehungen des Vorgehens der IDF zu diesen Ereignissen sind, bleibt offen.
Anders gesagt: Der Film zeigt eine grauenhafte Realität, aber jenseits von Klischees und auf einer „Zugehörigkeit“ beruhenden Parteinahmen. Damit fordert er Kritik geradezu hinaus. Von „Kritikimmunisierung“ würde ich deshalb gerade nicht sprechen, sondern nur davon, dass etwas Skandalöses als solches gezeigt wird.
@Heinz Was denkst du über die Kritik von Rüdiger Suchsland?
https://www.artechock.de/film/text/kritik/n/naza.htm
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Nach der ersten Lektüre: Dasselbe wie über die Stellungnahme der IDF. Die Kritik trifft nicht das, was hier geschildert wird: den industrialisierten Mord an Unbeteiligten. In dem Film berichten Menschen, von dem, was sie selbst getan haben – z.B. die Handys von Kindern abzuhören (automatisiert, mit einem Algorithmus), die sagen, wann ihr Vater nachhause kommt, und den Vater dann mit den Kindern zu töten. Der Film stellt nicht den Gaza-Krieg als ganzes dar, sondern diese und ähnliche Praktiken, die zu der großen Zahl von zivilen Toten in Gaza geführt haben. Die Parteinahme, die er enthält besteht darin, den verbrecherischen Charakter dieser Praktiken deutlich zu machen.
Der Film zeigt eine sehr spezifische Situation, und es ist problematisch, sie mit anderen historischen Situationen zu vergleichen. Um es doch zu versuchen: Die jugoslawischen Partisanen haben nach dem 2. Weltkrieg grausame Massenexekutionen an faschistischen Truppen und z.T. auch an deren Angehörigen durchgeführt. Dafür gab es sicher Gründe; die Faschisten hatten vorher Hunderttausende umgebracht und sie hätten sich sicher nicht einfach in eine andere Gesellschaft eingegliedert. Aber trotzdem handelt es sich um schwere Verbrechen, und das Verschweigen dieser Verbrechen belastet die Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis heute. Ist es illegitim, über diese Verbrechen zu Berichten, über das, was sie besonders macht, und über ihre Grausamkeit, und sich dabei nicht an die Sprachregelungen, Relativierungen und Entschuldigungen der für sie Verantwortlichen zu halten?
@Heinz Bin da (auch wenn ich über den Film bislang nur aus dritter Hand etwas weiß) absolut bei dir. Suchslands Kritik ist m. E. mindestens ebenso parteiisch wie der Film.
Und wie immer gilt: selbst anschauen und sich ein eigenes Bild machen. Insofern: danke für deines.
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Danke dir! Ich finde, dass dieser Film genau das Gegenteil von dem ist, was Suchsland ihm unterstellt: „Grauzonen und Unschärfen gibt es nicht in dieser Welt, keine unangenehmen Tatsachen, keine Ambivalenzen. Das Urteil steht fest. Naza ist dazu der Schauprozess.“ Der Film zeigt etwas bisher weitgehend Unbekanntes (abgesehen von den Recherchen, die zu diesem Film geführt haben und vorher auch publiziert wurden). Er geht diesem Unbekannten nach und bewegt sich damit in einer Grauzone – übrigens auch optisch. Aber er verzichtet auf eine Kontextualisierung, die sich aus einer fixen Zugehörigkeit ergeben würde. Das entspricht der Haltung, die in dem Podcast des Guardian so formuliert wurd: „Es gibt nur Sicherheit für Palästinenser und Israelis zusammen.“