Ich habe mir gestern in der Hörbuch-Version das zweite Kapitel von End Times Fascism (Klein & Taylor, 2026) angehört. Es geht darin um den religiösen Strang des Endzeitfaschismus (daneben sprechen Klein und Taylor von einem ethnonationalistischen und einem techno-monopolistischen Strang).
Der Fokus des Kapitels liegt auf den USA und auf Israel – wenn auch am Schluss auf die religiöse Legitimierung autoritärer Politik in anderen Ländern von Jair Bolsonaro bis Narendra Modri eingegangen wird. Das Kapitel beleuchtet eine Besonderheit der amerikanischen und wohl auch der israelischen antidemokratischen Rechten, die von einem aufgeklärten, „woken“ Standpunkt aus exotisch und grotesk wirkt, die aber enorme Auswirkungen hat: Die Überzeugung, das Ende der Zeiten sei nah, Jesus oder der Messias werde in nächster Zeit erscheinen, zwischen den Guten und den Bösen unterscheiden und die ihm Wohlgefälligen erlösen. Dem Ende voraus gehe eine Phase des Kampfes gegen die Gegner des Erlösers, ein „Armageddon“, in dem sich die späteren Geretteten im Streit für den Erlöser bewähren müssen. Verbreitet ist die Vorstellung, die Apokalypse lasse sich beschleunigen und die Ankunft des Erlösers provozieren oder wenigstens wahrscheinlicher machen.
Die Storyline des Kapitels ist um die Vorstellung von der Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem herum aufgebaut – apokalyptischen Schriften zufolge eine Voraussetzung der Ankunft des Erlösers. Die Wiederherstellung des Tempels erfordert die Zerstörung des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee, eines der wichtigsten Heiligtümer des Islams. Die christlichen und jüdischen Gruppen, die die Ankunft des Erlösers beschleunigen wollen, wollen den Tempelberg deshalb vom Islam reinigen und die Muslime von hier und oft auch aus anderen Teilen Israels und Palästinas vertreiben.
Das Kapitel geht zuerst auf den Brand der Moschee ein, der kurz nach der Eroberung Ost-Jerusalems im Sechstage-Krieg gelegt wurde und Empörung in der ganzen islamischen Welt auslöste, so dass beinahe ein Krieg ausgebrochen wäre. Der Täter wurde in einem Prozess verurteilt, der medial mit großem Aufwand inszeniert wurde, um jeden Verdacht zu zerstreuen, Israel trage eine Mitverantwortung und wolle die historischen Rechte der Muslime beschränken. Einige Jahrzehnte später gehört die Wiederrichtung des Tempels zum ideologischen Kernbestand eines großen Teils der jüdischen wie der evangelikalen religiösen Rechten. Ein skurriles, aber sprechendes Detail: Fehlerlose rote Kühe für Tieropfer im Tempel, von denen in der Bibel die Rede ist, wurden bereits in den USA beschafft und nach Israel geliefert; die Asche einer probeweise getöteten und verbrannten Kuh wird von Fanatisierten verehrt und zu Höchstpreisen an sie verkauft.
Inzwischen sprechen rechtsradikale israelische Minister offen von der Wiederherstellung des Tempels. Sie gehört auch zum ideologischen Gepäck des amerikanischen „Kriegsministers“ Hegseth, der den Kampf gegen Muslime und muslimische Länder religiös begründet und dabei Massenmord nicht nur in Kauf nimmt, sondern fordert.
Dass es sich bei dieser Form des mörderischen religiösen Wahns nicht mehr nur um ein Fringe-Phänomen handelt, zeigen nicht nur die Ministerämter Hegseths und eines israelischen Politikers mit einem jüdisch-terroristischem Hintergrund. Ideen der religiösen Rechten prägen das federführend von der Heritage Foundation konzipierte Project 25, das Drehbuch für einen erheblichen Teil der Politik der zweiten Trump-Administration. Aus der Heritage-Foundation stammt Russell Vought, der als Budgetdirektor des weißen Hauses eine zentrale Rolle bei der Umsetzung dieses Programms spielt.
Wer noch immer glauben sollte, bei der amerikanischen und der israelischen Führung handele es sich um Konservative, die nur etwas weiter rechts stehen als üblich, sollte dieses Kapitel lesen. Die Bewegungen, die diese Regierungen mittragen und einen Teil ihres Spitzenpersonals stellen, sind bereit zu jeder Art von Gewalt gegen die Gegner dessen, den sie für den Erlöser halten.
Klein und Taylor fragen nach psychischen, ideologischen und gesellschaftlichen Dynamik, die zum Sieg der radikalen Rechten in den USA und nicht nur dort geführt hat. In diesem Kapitel geben sie nur einen kleinen Teil der Antwort – einen Teil, der für Gegner des neuen Faschismus, für die ein säkulares Umfeld selbstverständlich ist, eine besondere Herausforderung ist.