Der angekündigte Rücktritt von Christian Schmidt alls Hoher Kommissar der Staatengemeinschaft in Bosnien-Herzegowina und ein Abkommen zwischen den Regierungen Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens haben die Aufmerksamkeit der Medien auf das Pipeline-Projekt Southern Interconnection (serbokroatisch Južna interkonekzija) gelenkt. Hier stelle ich Informationen zu diesem Projekt zusammen. Ich versuche damit eine Grundlage dafür zu erstellen, Ähnlichkeiten mit anderen Projekten der fossilen Expansion herauszuarbeiten. Ich bitte um Korrekturen und Ergänzungen in den Kommentaren.
Entgegen den Bestimmungen des Pariser Abkommens und den Willenserklärungen fast aller Staaten wächst der Verbrauch fossiler Brennstoffe weitgehend ungebremst weiter. Vorangetrieben wird die Erhitzung der Erde vor allem durch fossile Expansion, durch Förder- und Logistikprojekte, die zusätzliche fossile Brennstoffe zur Verfügung stellen. Diese Projekte verlangen hohe Investitionen, die häufig nicht einfach aufgrund der Absatzerwartungen auf einem wachsenden Markt getätigt werden. Rentabilität und Legitimität dieser Projekte werden vor der Investitionsentscheidung oft – vielleicht fast immer – durch Massnahmen zur Aufrechterhaltung und Steigerung des Verbrauchs gesichert, vom Lobbying über zwischenstaatliche Lieferverträge bis zu Zusagen von Investitionen in den Verbrauch, z.B. Kraftwerke für Datencenter. Da fossile Brennstoffe, vor allem Öl und Gas, nur in verhältnismäßig wenigen Gebieten der Erde vorkommen, besteht eine wechselseitige Rückkoppelung zwischen fossiler Expansion und der Aufrechterhaltung und Ausweitung der politischen Kontrolle der Ketten von der Extraktion bis zur Dissipation – der Belastung des Erdsystems durch Treibhausgase oder inzwischen auch durch Plastik. Fossile Expansion ist eng mit der Macht geopolitischer Akteure gekoppelt.
Das Pipeline-Projekt „Southern Interconnection“ ist ein Beispiel für fossile Expansion in Europa und ihre geopolitischen Voraussetzungen und Implikationen. Wenn es so umgesetzt wird, wie es im Augenblick geplant ist, widerspricht es nicht nur der Dekarbonisierungspolitik der EU. Es wäre ein bedeutender Erfolg der USA unter Trump dabei, die energiepolitische Kontrolle über den Westbalkan zu gewinnen (zusammenfassend zu den Entwicklungen bis Mai 2026: Jozwiak, 2026; Brüggmann, 2026).
Der Ausdruck Južna interkonekcija, ursprünglich: Južna plinska interkonekcija (Südliche Gasverbindung) bezeichnet ein Gaspipeline-Projekt, das Bosnien-Herzegowina mit dem Flüssiggasterminal auf der kroatischen Insel Krk verbinden soll. Geplant sind Abzweigungen in verschiedene bosnische Städte. Das Projekt wird meist damit begründet, dass Bosnien-Herzegowina unabhängig von russischen Gaslieferungen werden soll. Tatsächlich geht es aber vor allem um fossile Expansion.
Schon in einer frühen Projektphase war eine Kapazität in mindestens dem sechsfachen Umfang der bisherigen Lieferungen russischen Gases an Bosnien durch die Turkstream-Pipeline geplant (Gallop & Žiško, 2025). Außerdem haben Serbien und die Republika Srpska, über die das Turkstream-Gas bezogen wird, bisher nicht auf russische Lieferungen verzichtet. Es gibt bereits Gespräche zwischen den USA und Russland über eine Fortsetzung russischer Gaslieferungen nach dem Ende des Ukraine-Kriegs (Wölfl, 2026).
Die zweite Trump-Administration hat erfolgreich darauf gedrängt, dass mit dem Projekt die US-Firma AAFS beauftragt wird (Burgis, 2026a; Martens, 2026). Diese Firma wurde adhoc von zwei Vertrauten des Präsidenten gegründet, die in diesem Geschäftsfeld keinerlei Erfahrung haben. Die Pipeline ist Teil der US-Energiestrategie auf dem Balkan, die auf rasch steigende Abnahme von US-Flüssiggas ausgerichtet ist und u.a. auch den Bau von energieintensiven Rechenzentren vorsieht. Diese Strategie steht in diametralem Gegensatz zur bisherigen EU-Politik, die sich an den Zielen der Dekarbonisierung des Energiesektors und einer transparenten Vergabe von Aufträgen orientiert. Sie gefährdet die Beitrittsverhandlungen Bosnien-Herzegowinas mit der EU und die Vergabe von EU-Hilfen. Ein Gutachten des Aarhus Centers Sarajewo und der NGO Bankwatch zeigt, dass Bosnien-Herzegovina relativ leicht völlig auf Erdgas verzichten könnte (Gallop & Žiško, 2025). Der Pipelinebau würde viele ökologisch wertvolle Gebiete gefährden. Transparency International, Bankwatch und das Aarhus Institut haben außerdem detailliert dargestellt, dass der jetzt vom bosnischen Ministerrat beschlossene Gesetzesvorschlag den bosnisch-herzegowinischen und den EU-Transparenrichtlinien drastisch widerspricht (Bankwatch Network & Aarhus Center Sarajevo, 2026; Transparency International, 2026). Ca. 40 NGOs haben gegen das Abkommen Kroatiens und Bosniens protestiert, weil die Pipeline die Klimakatastrophe vorantreibt (Aarhus Center Sarajevo, 2026).
Die Pläne für die Južna interkonekcija gehen in die Zeit vor der russischen Vollinvasion der Ukrains zurück (Global Energy Monitor Wiki, 2026). Sie hatten lange wenig Realisierungsaussichten, u.a. weil die Investionskosten angesichts des geringen und verhältnismäßig billig durch Erneuerbare zu ersetzenden Gasverbrauchs in Bosnien-Herzegowina viel zu hoch waren. (Nur 3% des Energieverbrauchs von Bosnien-Herzegowina werden durch Erdgas gedeckt; es wird hautsächlich für die Wärmeerzeugung für Sarajevo verbraucht, die auch über Wärmepumpen erfolgen könnte.) Erst der amerikanische Druck und die Bereitschaft von AAFS, die Investition zu übernehmen, brachte das Projekt wieder auf die Tagesordnung. Diese Investition soll wohl auch durch weitere Projekte wie Gaskraftwerke und Flughäfen in Bosnien- Herzegowina selbst rentabel werden (Underground Infrastructure, 2026).
Die bosnische Regierung hat in diesem Frühjahr einen Gesetzesvorschlag beschlossen, der AAFS mit dem Bau des bosnischen Teils der Pipeline beauftragt. Es handelt sich um das größte Infrastrukturprojekt in Bosnien-Herzegowina. Der Gesetzentwurf widerspricht drastisch den gesetzlichen Regelungen, der bosnischen Verfassung und den Transparenzregeln der EU. Wohl auch angesichts der schleppenden Beitrittsgespräche setzen bosnische Politiker inzwischen eher auf US-Investitionen als auf die EU. Persönlich Interessen in de sogenannten Elite des Landes dürften bei der Koperation mit der offen „transaktional“ agierenden Trump-Administration auch eine große Rolle spielen. Ende April haben die Präsidentin des bosnischen Ministerrats und der kroatische Ministerpräsident ein Abkommen über die gemeinsame Errichtung der Pipeline unterzeichnet, dem die Parlamente beider Länder noch zustimmen müssen. Das Abkommen wurde von den USA gegengezeichnet (Jozwiak, 2026).
Die EU hat die bosnische Regierung vor der intransparenten Vergabe des Pipeline-Auftrags an eine US-Firma gewarnt (Burgis, 2026b). Im Zuge der Auseinandersetzungen um den Pipeline-Bau ist der bisherige Hohe Kommissar für Bosnien-Herzegowina, Christian Schmidt, zurückgetreten, möglicherweise nachdem ihm persönlich US-Sanktionen angedroht wurden (istraga.ba, 2026).
Der Rücktritt Schmidts hat große mediale Aufmerksamkeit erregt. Dabei wurde auch über die Involvierung des persönlichen Umfelds Donald Trumps, das auf eine bestimmte US-Firma zugeschnittene Gesetz zur Aufragsvergabe, die Konflikte zwischen EU und USA und den Druck auf Schmidt berichtet – oft mit Bezug auf die intensiven persönlichen Kontakte von Trumps Sohn Donald Jr. in die Republika Srpska. Beim Thema Southern Interconnection sind die Führungen der Republik Srpska und der muslimisch-kroatischen Föderation einig. Nur selten wurde in den Medien erwähnt, dass die Pipeline Teil der US-Strategie ist, den fossilen Energieverbrauch auf dem Balkan rasch zu erhöhen und dabei die EU-Klimapolitik zu konterkarieren. Offensichtlich soll die Region langfristig und von den USA abhängig gemacht und gegen die EU positioniert werden.
Daten:
Bosnien Herzegowina erhält zur Zeit jährlich 225 Mio. Kubikmeter Gas aus Russland (Jozwiak, 2026). Die Southern Interconnection-Pipeline soll im Jahr 1,5 Mrd. Kubikmeter Gas transportieren; die Investitionssumme beträgt 1,5 Mrd. USD (Jozwiak, 2026)