Tony Blair hat in einem „Essay“ die Labour Party scharf angegriffen (Blair, 2026; dazu Walker, 2026; Elgot, 2026). Er fordert statt ihres „soft left“ Kurses einen, wie er es nennt, „radikal zentristischen“ Kurs. Als möglichen Verbündeten bezeichnet er übrigens Friedrich Merz. Von Politikern wie Mark Carney und Mario Draghi, die ich tatsächlich als radikal zentristisch bezeichnen würde, distanziert er sich explizit (Carney) oder implizit (Draghi): Er sucht eine enge Kooperation mit den USA unter Trump.
In die Chronik der fossilen Expansion gehört dieser Text, weil Blair (nicht zum ersten Mal, siehe Williams, 2025) den Verzicht auf Net Zero fordert und mit einer Formulierung, die von Friedrich Merz stammen könnte – der aber wohl nicht so ehrlich ist – sagt, dass für Großbritannien billige Energie wichtiger ist als saubere. Zur Stärkung der britischen Wettbewerbsfähigkeit – auch das ein Lieblingsausdruck der Konservativen – sei es nötig, die Öl- und Gasfelder in der Nordsee auszubeuten. Das Thema der fossilen Energien durchzieht den Text, auch wenn andere, vor allem die „KI“, im Zentrum stehen.
Blair wirft den Labour-Politikern unterschiedlichster Richtungen vor, im 20. Jahrhundert steckengeblieben zu sein. Seine eigene Phantasie von der britischen Größe dürfte noch deutlich älter sein. Er publiziert seinen Text auf der Website des nach ihm selbst benannten und von Petrostaaten und dem Milliardär Larry Ellison abhängigen (Stacey, 2025) Instituts, während Großbritannien unter den höchsten Maitemperaturen der Aufzeichnungsgeschichte leidet.
Ich glaube, dass Blair mit dem Vorwurf, die Labour-Party agiere konzeptionslos, Recht hat. Aber er schließt nicht an Draghi und Carney an, sondern an die Globalisierungsideologie der 90er Jahre mit „Wachstum“ als oberstem Ziel. Ein Anlass zu fragen, ob man – auf Draghi, Carney und dem Green Deal wachstumskritisch aufbauend – eine europäische linke Politik entwerfen könnte, die auf eine klimafreundliche Reindustrialisierung setzt, aber nicht auf eine destruktive Globalisierung.