Leider habe ich es nicht zur Reboot 9 geschafft, und wenn ich daran denke, wer alles dort ist, bedaure ich das sehr. Bei Oliver Wagner habe ich wenigstens eine gute Zusammenfassung von Sessions des ersten Tages gelesen. Interessant vor allem der Begriff social object:

Ein aus meiner Sicht überraschendes Highlight gab es dann zum Ende des ersten Tages: Jyri Engeström sprach über Microblogging bzw. über Social Objects, also die Elemente, die in Social Networks für die Verbindungen zwischen Menschen sorgen bzw. diese motivieren, Verbindungen einzugehen. Musik bei MySpace, Fotos bei Flickr oder Bookmarks bei del.icio.us etc. Er empfiehlt also bei der Konzeption eines Social Networks zunächst auf die Wahl des richtigen Social Objects zu achten und dies auch Verbal im Produkt permanent zu unterstützen, sprich immer wieder auf den Kern der Applikation hinzuweisen. Der dritte wichtige Punkt ist eine gute Permalink Struktur. Die Social Object müssen leicht verteilt (Stichwort externe Einbindung) und wieder gefunden werden können. Einladungen in den Service sollten kleine Geschenke sein, so der vierte Punkt. Aufmerksamkeiten, die neuen Usern den Einstieg in das Produkt leichter machen.

Jyri Engeström beschäftigt sich mit den sozialen Aspekten mobiler Medien; auf der technisch-medialen und auf der soziologischen Ebene perspicace! Zum Begriff der sozialen Objekte findet sich in seinem Weblog ein sehr gutes einführendes Posting (interessant das Echo, u.a. von Howard Rheingold). Engeström wendet sich dagegen, soziale Netze nur als Beziehungen zwischen Personen zu konzipieren; für ihn sind die Beziehungen immer an Objekte gebunden, die zwischen den Personen ausgetauscht werden. Er verweist auf die Soziologin [Karin Knorr Cetina][9]; ich könnte mir vorstellen, dass dabei auch Konzepte der französischen Soziologie von Mauss bis Levi-Strauss aufgenommen werden (sorry Markus, auch ich bin mit der deutschen Wissenschaftsart großalt geworden…). Vielleicht ein Schlüsselbegriff, um die Verbindung von sozialen und medialen Netzen zu verstehen.
[9]: http://www.embl.org/aboutus/sciencesociety/conferences/2004/session4/karin_knorr_cetina.html „EMBL/EMBO Joint Conferences – 2004 – Invited Participants-
„Karin Knorr Cetina“

Noch ein Zitat, von Ton Zijlstra und Elmine Wijnia:

What does it take to be the owner of your own learning path, so that you can reach your goals?
And if we can say something useful about that learning path, does that give us the means to pro-actively shape the social software tools that give us the affordances we need?

Schon diese [Ankündigung einer Session]((http://www.reboot.dk/artefact-1692-en.html „Reboot 9.0: Owning your learning path) auf der Reboot 9.0 sagt mehr als viele der üblichen Texte über „Lernen mit Web 2.0-Tools“. Woran liegt das? Zum Teil sicher daran, dass Zijlstra/Wijnia Fragen radikalisieren, man könnte auch sagen: Sie fragen philosophisch. Außerdem verstehen sie ihre Themen nicht nur technisch, als Mittel zu (vorher schon vorhandenen) Zwecken, sondern als kulturelle, kommunikative Innovationen. Ich kann es jetzt leider nur so vage und gewunden formulieren: Die Offenheit eines solchen Textes entsteht aus dem Verständnis dafür, dass es bei kulturellen Veränderungen nicht vor allem um neue Transportmittel, sondern um bisher unbekannte Reiseziele geht.

In the temporal sense space is about creating the time to focus in the midst of the constant and immense stream of (presence) information that is so easy to get absorbed by. (This relates to speed as well: space is created by slowing down at the right moments)

Ton Zijlstra setzt seine Serie über digitale Bohemiens fort. Lesenswert, wie alles von Zijlstra. (Il faut être résolument moderne im digitalen Zeitalter.)

Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich beim Bloggen in kurzer Zeit so etwas wie Best Practice-Regeln herausgebildet haben. Die Blogging Success Study der Northeastern University und der Firma Backbone Media (Dank für den Hinweis an Hannes Treichel!) formuliert diese Regeln für Corporate Blogger detailliert, gut belegt und sehr verständlich, ihre Ergebnisse lassen sich leicht auf andere Blogs übertragen.

Ich weiß, dass ich mich an einige dieser Regeln nicht oder nur teilweise halte. Als ich begonnen habe zu bloggen (allerdings nicht wirklich engagiert, weil ich damals nicht viel Zeit hatte und die Möglichkeiten dieser Schreibform wohl auch nicht erkannte), interessierte mich ein Weblog vor allem als eine Art öffentliches persönliches Archiv. Ich verstand es als Möglickeit, im Web präsent zu sein oder eine Identität zu haben, aber nicht so sehr als eine Gelegenheit, mich mit anderen zu unterhalten. Gerade weil ich selbst bloggte, hatte ich vielleicht auch zu wenig Vertrauen in diese Gattung, sie kam mir zu selbstverständlich vor, um das nach ein paar Jahren einsetzende „Metablogging“ zu rechtfertigen.

Für mich gehört es nach wie vor zum Bloggen, Fundstücke zu notieren und etwas mehr oder weniger mit Vorbehalt aufzuzeichnen — ohne schon zu wissen, was daraus wird. Nicht zufällig werden jetzt Tumblelogs in einer Art „back to the roots“-Bewegung populär. Tumblelogger sind das Gegenstück zu den verschiedenen Bindestrich- oder Camelcase-Bloggern, also den Edu-, Knowledge-, Polit- und Medienbloggern. Wahrscheinlich hat das Bloggen einen essayistischen Kern — „Essay“ leitet sich von „versuchen“, „kosten“, „probieren“ her.

Nach dieser Abschweifung zurück zu der Studie und den seriösen Coporate Bloggern. In den kommenden Tagen möchte ich einige Ergebnise der Studie in zwei oder drei weiteren Postings interpretieren. Die Fragen, die für mich dabei wichtig sind, hängen mit meiner Arbeit an einer FH zusammen:

  • Wie lässt sich die Verwendung sozialer Medien evaluieren? (Darin sehe ich ein Thema für die angewandte Forschung auf diesem Gebiet.)
  • Welche Kompetenzen braucht ein Autor / eine Autorin von sozialen Medien? (Ein für die Weiterentwicklung unseres Curriculums wichtiges Thema.)

Die Studie selbst zusammenzufassen ist nicht nötig; sie beginnt mit einer sehr guten, knappen Executive Summary. Bemerkenswert ist auch die Website zur Studie, auf der inzwischen eine Reihe der Interviewten die Ergebnisse kommentiert haben.

Barry Wellman und Jennifer Kayaharan haben untersucht, wie sich Webnutzer über Kultur informieren: Searching for culture — —high and low.1

To see how people actually fit the Internet into their lives, in this article we study how Torontonians search the Web for cultural activities, and how their offline searches intersect with their Web searches. Our research into the interplay of computer networks and social networks in the search for cultural information and activities is based on lengthy interviews conducted in 2005 with 84 English-speaking adult residents of the East York section of Toronto, Canada (Hogan, Carrasco, & Wellman, 2007; Wellman & Hogan, 2006).

Den Stamm der East Yorker erforschen Wellman und seine Mitarbeiter seit Jahren. Schon bevor das Web entstand, war die empirische Untersuchung sozialer Netzwerke Wellmans Thema. (Ich bin über Thomas Pleil auf Wellman gestoßen.)

Mich interessiert der Artikel vor allem methodisch. Meine Fragestellung dabei: Wie lässt sich die Wirkung sozialer Medien evaluieren? Kayahara und Wellman evaluieren nicht, sondern nehmen eine empirische Bestandsaufnahme vor. Lernen kann man nicht nur von ihrer Interviewtechnik, sondern auch davon, wie sie den Uses and Gratifications-Ansatz verwenden. Bei der Interpretation der Ergebnisse revidieren die Autorinnen das Zweistufenmodell für Kommunikationsflüsse:

Our findings also have implications for the model of the traditional two-step flow of communication. We suggest the existence of new steps, whereby people receive recommendations from their interpersonal ties, gather information about these recommendations online, take this information back to their ties, and go back to the Web to check the new information that their ties have provided them.

Mit ähnlichen Mitteln ließe sich auch erheben, wie sich Internet-Nutzer über bestimmte Ereignisse, Produkte usw. informieren — für eine Evaluierung ein wichtiger Ausgangspunkt. Fiktives Beispiel: Ein Unternehmen wird umorganisiert; bei der Umorganisation sind externe Berater beteiligt. In der internen Kommunikation werden soziale Medien verwendet: Manager und externe Berater (hoffentlich nicht nur sie) führen Weblogs; die Mitarbeiter können Vorschläge in einem Wiki publizieren. Durch Interviews wie die Wellmans und Kayaharas könnte man in verschiedenen Phasen des Prozesses herausfinden, wo sich die Mitarbeiter des Unternehmens über ihr Unternehmem informieren.

(Mir geht es zunächst darum, von einer metaphorischen zu einer empirisch überprübaren Verwendung von Begriffen wie „soziales Netz“, „mediales Netz“ zu kommen / Theorien kennenzulernen, die das leisten. Die Arbeiten Wellmans und seiner Schule scheinen mir da zentral.)

Etwas weiter gesponnen: Bei der Evaluierung von sozialen Medien sind „Social Information Retrieval“ und „Ambient Findability“ wichtige Stichwörter: Woher wissen die Benutzer etwas? Wo suchen sie Informationen? In welcher Beziehung stehen dabei soziale Netze, etwas zwischen Kolleginnen in einem Betrieb, zu medialen Netzen, etwa den Informationen im Intranet des Unternehmens? Das lässt sich leicht weiter ausdifferenzieren: Welche sozialen Netze sind für das Finden welcher Informationen relevant? Welche medialen Netze werden verwendet? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? (Vertrauen spielt hier eine entscheidende Rolle, vor allem, wenn es explizit um Evaluierung geht. Wenn soziale Medien „funktionieren“, dann durch den Aufbau von Vertrauen, das die Verbindung eines sozialen und eines medialen Netzes erzeugt.)

1Auch die anderen Artikel dieser Ausgabe JCMC über Suche im Web sind interessant. Übersicht hier.