
Beim Suchen von Weihnachtsgeschenken für meine Familie bin ich in der Buchhandlung Moser auf ein – demonstrativ – unscheinbares Bändchen gestoßen: Senatore Cappelli von Kenah Cusanit (2025). Ich habe es gekauft, obwohl, oder: weil ich aus dem Text auf der Rückseite und auch beim erstern Hineinlesen nicht erkennen konnte, um was es in diesem Essay geht. Verstanden habe ich nur, dass der Text mit Rom und mit der Natur zu tun hat und eine Denk- oder Schreibbewegung nachzeichnet oder vollzieht.
Es wäre nicht so schwer diesen Text zu resümieren, aber für jede Zusammenfassung würde etwas Änliches gelten wie das, was Kenah Cusanit am Ende über die Vermessung des schwammartigen Geflechts schreibt, mit dem das Herz innen ausgekleidet ist:
Würde man versuchen, die Größe dieser Fläche zu bestimmen wie bei einem zwei- oder dreidimensionalen Körper, wäre sie umso größer, je kleiner das Messinstrument ist, mit dem man sie vermisst. Da das Trabekelgeflecht keiner der drei ganzzahligen Dimensionen zuzuordnen ist, da seine Dimension gebrochen und es selbst ein sogenanntes Fraktal ist.
Kenah Cusanits Essay folgt fraktalen Strukturen wie denen der Oberfläche des Weizens, der Darmzotten, die den Weizen verdauen oder nicht verdauen können und der Innenseite des Herzens. Er konfrontiert sie mit den Vermessungs- und Normierungsapparaturen von Agroindustrie und industrienahen Bürokratien. Das alles in einer Bewegung von Berlin nach Rom und – unter anderem – von der normierten deutschen Weizensorte „Bussard“ zu den alten Sorten in einem italienischen Bioladen. Detailreiche Fragmente eines enzyklopädischen Wissens über Getreide, über Getreideanbau, Landwirtschafts- und Religionsgeschichte werden in eine angedeutete autobiografische Rahmen-Erzählung eingebaut. Die Selbstähnlichkeit und die Reflexion der Selbstähnlichkeit geben diesem Text dabei seine dichte Struktur. Die Autorin beschreibt, wie sie einen Hefeteig erst selbst knetet und dann „kalt“ gären lässt – eine Metapher für das Schreiben und das Lesen eines solchen Textes.
Durch meine Söhne habe ich in den letzten Jahren einiges über Naturweine gelernt. Hätte ich Cusanits Essay schon früher gelesen, hätten meine Söhne ihn zu Weihnachten geschenkt bekommen. Kenah Cusanit beschäftigt sich in ihrem Text mit Weizen und Getreide ähnlich wie Naturwein-Interessierte mit Weinsorten und Weinanbau. Ihr Essay verändert meine Einstellung zu Weizen, Mehl und zur Ernährungsindustrie. Ich merke und hoffe, dass diese Entdeckung auch verändert, wie ich lese und schreibe.