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Ein Rückblick auf das Kriegsende

Ich schreibe in einem Zimmer in Bad Vilbel, wo wir gleich den 98. Geburtstag meines Vaters feiern wollen. Mein Vater wünscht sich keine Geschenke, aber ich weiß, dass er gerne liest, was ich in meinem Blog schreibe. Deshalb ein Blogpost statt eines Geburtstagsgeschenks:

Mein Vater war immer gerne öffentlich aktiv, hat aber genau zwischem Öffentlichem und Privatem unterschieden. Deshalb greife ich nur eine paar Dinge aus einem Text über seine Erlebnisse im letzten Jahr des 2. Weltkriegs heraus, den er vor ein paar Wochen für die Familie geschrieben hat. Er hat in diesem Text—nüchtern und fast immer nur mit indirekten Formulierungen über seine Gefühle—beschrieben, wie er das Ende des 2. Weltkriegs überstanden hat—mit so viel Glück, dass er von Fügungen spricht. Es versteht es sicher auch als Fügung, dass er so lange und fast immer gesund gelebt hat, und dass er noch immer an seiner Umwelt teilhaben kann—z.B. mit so reichlicher Lektüre, dass ich mindestens so alt werden muß wie er jetzt ist, um allen seinen Tipps zu folgen.

Den Hintergund des Berichts meines Vaters bilden Situationen, die für uns aus der Boomer-Generation unvorstellbar sind: Das eigene Leben und das Leben der Menschen in seiner Nähe waren ständig bedroht. Was mein Vater zu tun hatte, war vorgeschrieben; er hatte so gut wie keine Möglichkeit selbst über seine Handlungen zu entscheiden. Widerspruch, selbst kritische Fragen, konnten tödlich enden. Mein Vater benennt die Angst nicht, die für mich als Leser die Grundstimmung seines Berichts bildet: Angst vor der Invasion der Alliierten (mein Vater war 1944 in der Nähe von Calais stationiert), Angst vor ständigen Tiefflieger- und Bombenangriffen in Frankreich und dann in Deutschland (wohin er zu einem Lazarettaufenthalt zurückgeschickt wurde), Angst vor dem politischen Terror der Nazis und dem Sadismus seiner Vorgesetzten (mein Vater lebte als überzeugter Katholik mit innerer Distanz zum Regime) und schließlich die Angst, im Gefangenenlager in Remagen an einer Krankheit zu sterben. Als die Deutschen kapitulierten, war mein Vater nicht einmal 23—jünger als mein jüngster Sohn jetzt.

Mein Vater hat in seinem Text einfach und nüchtern berichtet, nicht interpretiert. Das macht es leichter sich in diese Wirklichkeit hineinzudenken, als wenn er sie bewertet hätte. Diese Nüchternheit passt zu der Nullpunktsituation nach den Zusammenbruch. Dass mit diesem Zusammenbruch etwas ganz Neues begann, für ihn selbst und auch für die Gesellschaft, erwähnt mein Vater in diesem Text nicht, es hat aber seine Haltung danach bestimmt. Ich habe bei meinem Vater oft festgestellt, dass er mehr Hemmungen als ich hat, rhetorisch überhöhte Formulierungen zu gebrauchen. Die Nüchternheit ergibt sich nicht aus Sprachlosigkeit sondern aus dem Missverhältnis zwischen dem Erlebten und den Möglichkeiten es zu benennen. Dabei gehört es zu den Fügungen, von denen mein Vater spricht, dass ihm die schlimmsten Erfahrungen erspart geblieben sind. Er musste nicht selbst mit der Waffe kämpfen und es wurde ihm—anders wohl als anderen in seiner Kompanie—nicht während des Rückzugs Verbrechen wie Geiselerschießungen befohlen.

Mein Vater hat in diesem Bericht nicht versucht, etwas zu repräsentieren, also sich z.B. einer Generation zuzuordnen. Überhaupt vermeidet er es, auf kollektive Erfahrungen hinzuweisen. Damals und wohl auch später waren ihm nicht Gruppen, sondern nur individuelle Freundschaften wichtig. Freundschaften mit Menschen, denen man vertraute, die Beziehungen in der Familie und Lektüre waren die wenigen Gegenwirklichkeiten zur herrschenden Gewalt.

Ich bin selbst 11 Jahre nach dem Ende des Kriegs geboren. In meiner Geschichtsvorstellung hat sich das Kriegsende als eine Schwelle festgesetzt, die die Welt, in der ich groß geworden bin, von einer Welt vor ihr trennt, zu der es kaum Verbindungen gibt. Meine Eltern haben immer von der Zeit vor 1945 erzählt. Aber erst dieser Bericht meines Vaters verbindet so viel von dem, was in seinen Erzählungen vorkam, dass er eine Brücke zur Familiengeschichte vor diesem Zusammenbruch bildet. Er stellt Kontinuität in eine Zeit hinüber her, die ich nicht selbst erlebt habe, die aber nicht weit zurückliegt.

Mein Vater hat in diesem Bericht keine Akteure benannt. Die Nazis oder das deutsche Militär kommen nicht als solche vor. Für mich drückt sich darin heute noch, 75 Jahre später, aus, wie unaufhaltsam und unbeeinflussbar sich das Geschehen für jemand abgespielt hat, der nie wählen konnte, ob er mitmachen wollte oder nicht. Ich habe das später bei Ana ähnlich gesehen: Menschen, die die Jugoslawien-Kriege miterlebt haben, nehmen sie als eine Menge einzelner Situationen war, als etwas Schreckliches, das nur für die eine Einheit bildet, die von außen oder als Nachgeborene darauf sehen.


Die meiste Orten, die mein Vater in seinem Bericht beschreibt, kenne ich nicht oder nicht gut. Eine genaue eigene Vorstellung habe ich nur von der S-Bahn-Strecke vom Wannsee in die Berliner Innenstadt. Berlin ist für mich die Stadt, in der in meiner Lebenszeit am intensivsten Veränderungen gespürt habe. Die Erinnerungen meines Vaters an das zerbombte Berlin im Frühjahr 1945 erweitern meine eigenen Erfahrungen in dieser Stadt, die inzwischen so alt und so unterschiedlich sind, dass ich nicht sicher bin, welche von ihnen ich selbst gemacht habe. Sie setzen sie weiter in die Vergangenheit fort.

Wenn dies nicht ein Text meines Vaters wäre, würde ich ihn als ein Dokument auf das hin lesen, was er über größere Zusammenhänge aussagt oder darüber, wie solche größeren Zusammenhänge wahrgenommen wurden. Als einen Text meines Vaters lese ich ihn auch als eine Botschaft an mich, als etwas, das er seinen Kindern mitgibt und schon mitgegeben hat. Als jemand, der selbst schon über 60 ist, merke ich, wie meine eigenen früheren Erfahrungen sich verschieben und andere Realitäten bilden als das, was für mich noch greifbar ist. Diese Realitäten verbinden sich mit denen, von denen mein Vater hier erzählt hat. Ich frage mich, wie sie in die Erfahrungen meiner Kinder und meines Enkels eingehen werden, der jetzt in dem Berlin groß wird, in dem mein Vater kurz vor dem Kriegsende noch Bäume als Schutz vor den russischen Panzern aufschichten musste.

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