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Franz Karl Stanzel spricht über Joyce und Kakanien

Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019
Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019

Am Samstag hat Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser über James Joyce in Kakanien 1904 – 1915 gesprochen. Anlass dieses Literaturfrühstücks war das neuerschienene Buch James Joyce in Kakanien, in dem Stanzels Arbeiten zu diesem Thema gesammelt sind.

Stanzel hat nicht aus seinem Buch gelesen, sondern von Joyce und seiner Zeit in Triest erzählt—ohne zu erwarten, dass sein Publikum Joyce kennt. Einige Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßten Stanzel persönlich. Er hat Jahrzehnte Anglistik an der Karl Franzens Universität unterrichtet. Ich habe erst durch die Ankündigung der Veranstaltung entdeckt, dass Stanzel Grazer ist.

Mit Martin Löschnigg als—kaum verwendetem—Souffleur hat Stanzel frei gesprochen, ausgehend von der persönlichen Situation des jungen Joyce und seiner Frau Nora zwischen ihrer Emigration nach Triest und der durch den Kriegseintritt Italiens erzwungenen Ausreise in die Schweiz 1915. Wir haben nicht einen Philologen oder Gelehrten gehört, sondern einen begeisterten Forscher, der durch Geduld und Aufmerksamkeit für kleine Details weitreichende Zusammenhänge aufdeckt. Für Stanzel war am Samstag das wichtigste dieser Details im Ulysses Blooms Rätseln darüber, dass seine Tochter Milly blond ist. Joyce deutet dafür zwei Erklärungen an, deren österreichisch-ungarischem Kontext Stanzel erläuterte. Eine Vorfahrin Blooms könnte von dem als besonders brutal bekannten und blonden k.u.k Hauptmann Hainau (historisch: Haynau) vergewaltigt worden sein. Als Grund in Frage kommt aber auch, dass sich Molly Bloom während der Zeugung Millys an ihren ersten, blonden Lover erinnert hat, mit einer Fernwirkung auf das Aussehen des Kindes, wie sie Weininger in Geschlecht und Charakter beschreibt. Stanzel hat das von Weininger aufgenommene Motiv der Telegonie in einem eigenen Buch untersucht.

Stanzel hat auf jede verallgemeiernde Aussage über die Beziehung von Joyce und Österreich-Ungarn verzichtet. Er hat keine historische oder geistesgeschichtliche Einordnung vorgenommen, wie ich sie erwartet habe. Dahinter steckt wohl eine Haltung, die Stanzel selbst an Joyce beschreibt:

An Joyces Weininger-Rezeption kann auch gezeigt werden, welche Umwertung die abstrus generalisierenden Ideen Weiningers bei Joyce erfahren. Joyces intellektuelle und kreative Konstitution ist jener Weiningers in einer Hinsicht diametral entgegengesetzt. Weiningers Versessensein auf die Erfassung der Totalität des Menschlichen mit groben Rastern […] setzt Joyce emphatisch die Partikularität und Individualität des einzelnen menschlichen Charakters entgegen. Weiningers enthüllendes Diktum “Wir erwehren uns der Welt durch unsere [allgemeinen] Begriffe” steht auf Joyces Seite das Durchscheinen des ideellen Allgemeinen durch das konkret Partikuläre gegenüber, wofür er den Begriff Epiphanie […] einführt. Das Besondere, Außergewöhnliche der Welt entzieht sich nach Joyce letztlich der definitiven begrifflichen Erfassung, öffnet sich aber in der imaginativen Anschauung der oft banalen Dinge in gewissen Augenblicken des Alltags, wie sich in den äußerlich oft ganz unauffälligen schlußbildenden Szenen seiner Erzählungen “Dubliners” zeigt.

Warum Milly blond ist, Auslassungen H.W.

Ich habe in Stanzels Vortrag Motive aus zwei anderen Lesungen wiedergefunden, in denen Triest und das österreichisch ungarische Kaisserreich eine Rolle spielten: Die Vorstellung von Krležas Fahnen auch in der Buchhandlung Moser und die Lesung David Abulafias im Literaturhaus. Für Krleža waren die Multiethnizität der Doppelmonarchie und besonders das ungarische Element prägend, das auch im Ulysses auftaucht: Die Vorfahren Blooms hießen Virág (ungarisch: Blume) und stammen aus Szombathely. Abulafia hat in Graz länger über Triest als eine der typischen multiethnischen Städte des alten Mittelmeerraums gesprochen (und auch über einen seiner eigenen Vorfahren, der in Triest lebte). Krleža war ein Gegner des österreichisch-ungarischen Imperiums, er hat das mörderische Agieren der Nachfolger des Hauptmanns Hainau während des Ersten Weltkriegs aus der Perspektive ihrer Opfer beschrieben. Abulafia stellt den offenen Raum des Mittelmeers den kontinentalen Imperien gegenüber, zu denen Österreich-Ungarn gehörte (und deren Nachfolge vielleicht auch die Europäische Union angetreten hat). Leopold Bloom, Nachkomme eines ungarischen Juden und moderne Metamorphose des Odysseus, erinnert an die mediterranen Händler und Seeleute, deren Geschichte Abulafia schreibt: Die ethnischen und geografischen Identitäten und Zuschreibungen sind bei ihnen immer nur zeitweilig und provisorisch. Sie lassen sich nicht als Autochthone einem Boden oder einer Region zuordnen.

Ich habe neulich über meine terrains de vie geschrieben, das Gebiet zwischen Graz und Dubrovnik. Triest ist ein wichtiger Knoten in dieser Zone. Der Ausdruck terrain verfehlt, dass es sich um eine vom Meer bestimmten Raum handelt, um Peripherien, die sich den sich ablösenden Imperien immer wieder entziehen konnten, und die sich vielleicht mit dem Bild des Archipels erfassen lassen. Nach Karl Stanzels Vortrag verstehe ich Joyce besser als einen zeitweiligen Bewohner dieses Archipels.

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