Wer im Web Fehler vermeiden will, begeht wahrscheinlich den schwersten möglichen Fehler. Bei den Grazer Minoriten haben Christoph Chorherr und Dieter Rappold über das Scheitern gesprochen. Chorherr zitierte — wie in seinem Blog — Beckett:

Ever tried.
Ever failed.
No matter.

Try again.
Fail again.
Fail better.

Dieter Rappold verwies auf einen Satz von Jeff Jarvis:

The cost of failing is tumbling down dramatically.

Warum Scheitern im Web eine Bedingung des Erfolgs ist, habe ich gestern zum ersten Mal durch eine Passage in dem Buch Videojournalismus von Andre Zalbertus und Michael Rosenblum verstanden. Sie schreiben über die Erfindung der Kleinbildkamera:

Diese technischen Erfindungen waren die Grundlage der Vorstellung von Kodak, dass jeder ein Fotograf sein konnte. Dies war die Demokratisierung der Fotografie und in vielerlei Hinsicht auch die Geburt der visuellen Welt, in der wir heute leben.

Da es jetzt Rollfilme statt Planfilme gab, konnten mehr Fotos gemacht werden. Der Fotograf konnte so mehr Risiken eingehen und die künstlerische Freiheit von Fehlschlägen genießen.

Wenn es fast nichts mehr kostet zu scheitern, wird mehr probiert. Und je mehr probiert wird, desto größer sind die Chancen, dass Neues und Brauchbares entsteht. Man braucht heute nur noch Zeit, aber kein Kapital, um etwas zu publizieren. Massen können es sich leisten die Freiheit von Fehlschlägen zu genießen. Wer in dieser Umwelt Fehler vermeiden muss (z.B. weil er einen teuren Distributionsapparat unterhält), wird untergehen.

Besser als Michael Sippey kann man kaum sagen, was Social Media Literacy ist:

In short, "media literacy" was focused on creating smarter media consumers; understanding how media’s produced and distributed, the biases behind it, etc. (See also deconstructionism, etc.) "Social media literacy," on the other hand, needs to be focused on creating smarter media producers, who understand the ramifications of a hyper-connected zero-cost-of-distribution world. [this is sippey.typepad.com: jason fortuny and social media literacy]

Noch ein Zitat, von Ton Zijlstra und Elmine Wijnia:

What does it take to be the owner of your own learning path, so that you can reach your goals?
And if we can say something useful about that learning path, does that give us the means to pro-actively shape the social software tools that give us the affordances we need?

Schon diese [Ankündigung einer Session]((http://www.reboot.dk/artefact-1692-en.html “Reboot 9.0: Owning your learning path) auf der Reboot 9.0 sagt mehr als viele der üblichen Texte über “Lernen mit Web 2.0-Tools”. Woran liegt das? Zum Teil sicher daran, dass Zijlstra/Wijnia Fragen radikalisieren, man könnte auch sagen: Sie fragen philosophisch. Außerdem verstehen sie ihre Themen nicht nur technisch, als Mittel zu (vorher schon vorhandenen) Zwecken, sondern als kulturelle, kommunikative Innovationen. Ich kann es jetzt leider nur so vage und gewunden formulieren: Die Offenheit eines solchen Textes entsteht aus dem Verständnis dafür, dass es bei kulturellen Veränderungen nicht vor allem um neue Transportmittel, sondern um bisher unbekannte Reiseziele geht.