Tim Berners-Lee zu Re-Dezentralisierung des Web—und was das mit dem Studiengang Content-Strategie zu tun hat

Ich habe mir heute den Vortrag zur Re-Dezentralisierung des Web angesehen, den Tim Berners-Lee gestern gehalten hat. Ironischerweise ist er im Moment wohl nur bei Facebook zu sehen, und gebrandet ist er mit Elsevier, also dem Namen eines Verlags, der gut davon lebt, mit öffentlichen Geldern finanzierte Inhalte privat zu vermarkten.

Berners-Lee stellt die Geschichte des World Wide Web dar, also die Geschichte seiner eigenen Erfindung. Er spricht von einer utopischen Phase, in der man angenommen hat, dass die freie Entwicklung des Web zu einer freien Entwicklung der Gesellschaft führt, und stellt ihr die historische Entwicklung des Web vor allem in den vergangenen zehn Jahren gegenüber.

An die Stelle des Tugend-Zirkels, von dem man in den ersten Jahren des Verbs ausging— die positiven Kräfte verstärken sich wechselseitig—ist ein Teufelskreis getreten, bei dem sich negative Informationen verbreiten und wechselseitig bestätigen. An die Stelle der ursprünglichen dezentralen Struktur sind Monopole getreten.

Es wird wirtschaftlich und politisch von wenigen Punkten aus Kontrolle ausgeübt. Berners-Lee ruft charismatisch dazu auf, das Web wieder zu dezentralisieren. Ein Weg dazu ist der politische Protest, z.b. das Engagement für die Netzneutralität. Ein anderer ist das Design technischer Lösungen, die es ermöglichen dezentrale Strukturen aufzubauen, die nicht unterlaufen werden können. Berners-Lee hat am MIT das Projekt Solid ins Leben gerufen, bei dem vor allem sichergestellt werden sollen, dass die User Kontrolle darüber haben, wo ihre Daten gespeichert werden. Er spricht in der Diskussion nach seinem Vortrag auch davon, Elemente der Blockchain-Technologie zu übernehmen, um den Usern die Kontrolle über ihre Identität und die Daten, die damit verbunden sind, zu lassen.

Deutlich ist, dass sich Berners-Lee nicht auf Selbstregulierungsmechanismen verlässt—jedenfalls nicht auf eine Selbstregulierung, die allein vom Agieren der einzelnen User ausgeht. Er tritt nicht für zentrale Kontrolle oder Governance des Webs ein, sondern für ein kollektives Engagement gegen die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Monopole. Er verlässt sich also nicht auf Marktmechanismen sondern auf öffentlichen Aktivismus und Konzertation in Verbindung mit technischen Lösungen.

Ich identifiziere mich mit den Zielen und den Methoden von Berners-Lee. Ich setze selbst vor allem auf Technologien bzw. Unternehmen/Organisationen wie Mozilla und WordPress/Automatic. Für wichtig halte ich auch die IndieWeb-Inititive. Einige Tools und Methoden aus dem IndieWeb verwende ich bei meinem Blog, es sollten mehr werden.

Mich beschäftigt die Frage, wie ich als Lehrender und für einen Studiengang Mitverantwortlicher mit diesen Ansätzen von Berners-Lee umgehen soll. Haben die politischen und gesellschaftlichen Positionen, die er vertritt, und die ich teile, auch etwas mit den Inhalten zu tun, die wir hier unterrichten? Kann ich als Lehrender, der anderen nicht seine persönlichen Meinungen aufdrängen will oder soll, diese Positionen im Unterricht vertreten, ja sie sogar bei der Gestaltung eines Curriculums anderen nahelegen? Anders gesagt: Gibt es einen sachlichen Zusammenhang zwischen den Dingen die, die wir lehren, und dem Festhalten an der Idee eines offenen, dezentralen Web?

Ich glaube, dass es diesen Zusammenhang gibt, und ich sehe zunächst zwei Argumentationen dafür, das zu begründen. Die eine Argumentation ist negativ, die andere positiv. Zuerst zur negativen Argumentation:

Die negative Argumentation besagt für mich: Es gibt bei der Argumentation über die Zukunft der digitalen Kommunikation und Technologie keine Außenposition. Wir haben es nicht mit Erkenntnissen über von den Menschen weit entfernte Dinge zu tun, die man von politischen Positionen und Handlungsperspektiven relativ leicht abtrennen kann. Wir bewegen uns auf einem praktischen Gebiet, und alles, was wir dort tun, hat auch soziale und politische Konsequenzen. Wenn wir etwa Facebook und Google verwenden, und wenn wir den Umgang mit diesen Diensten lehren, als sei er quasi etwas Natürliches, dann unterrichten wir nicht politisch oder gesellschaftlich neutral, sondern im Interesse bestimmter Machtgruppen. Wir müssen solche Zusammenhänge analysieren, und wir müssen, wenn wir glauben zu erkennen, mit welchem Machtverhältnissen eine bestimmte Technologie verbunden ist, diese auch benennen und uns gegebenenfalls für andere Machtverhältnisse einsetzen, wenn das Intentionen unserer Lehre entspricht. Thesenartig würde ich sagen, dass es eine untrennbare Beziehung zwischen Macht, Technologie und Medienverwendung gibt, und dass es unmöglich ist, sich mit diesen Themen wissenschaftlich oder in der Lehre zu beschäftigen, ohne Positionen einzunehmen.

Die zweite Argumentation ist positiv. Aus der ersten lässt sich ja noch nicht eine bestimmte Position entnehmen, sondern nur, dass man um solche Positionierungen nicht herumkommt. Die positive Argumentation leite ich aus der Zielsetzung dessen ab, was wir hier tun, also der Content-Strategie. Content-Strategie dient dazu—darin sind sich alle einig— den Usern nützliche und nutzbare Inhalte zur Verfügung zu stellen, sie orientiert sich am Usernutzen. Außerdem dient sie Unternehmen, und Organisationen, die mit Content ihre Ziele, die zum Teil, aber nicht nur wirtschaftlich sind, erreichen sollen. Wir müssen also, wenn wir uns mit Technologie und Design beschäftigen, auch beurteilen, wie den Nutzerinnen und Nutzern am besten nutzbare Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Wenn wir erkennen, dass zentralisierte Plattformen die Möglichkeiten der Nutzerinnen und Nutzer beschränken, und dass sie es darüber hinaus auch den Unternehmen letztlich schwieriger machen, in ihrem eigenen Interesse zu handeln, weil sie sich auf die Bedingungen weniger Monopolisten einlassen müssen, dann müssen wir diese Zusammenhänge benennen und uns, jedenfalls argumentativ, dagegen einsetzen bzw. Alternativen aufzeigen. Thesenartig würde ich also sagen, dass die Orientierung an der Nutzererfahrung und am Wert für die Nutzer zu einer kritischen Position gegenüber zentralisierten Netzwerken und auch  politischer Überwachung führen kann oder sogar—so glaube ich—führen muss.

Solange ich der Auffassung bin, dass ein offenes Web und offene Technologien den Interessen der User, um die es uns geht, und auch den Interessen der Unternehmen und Organisationen, denen wir verpflichtet sind, am besten entsprechen, werde ich diese Position also auch in der Lehre vertreten. Das bedeutet nicht, dass andere Positionen nicht vermittelt werden sollten, und es bedeutet natürlich vor allem nicht, dass man technische Entwicklungen nicht adäquat unterrichtet und sich etwa asketisch von Facebook und Google abwendet, obwohl sie in vielen Bereichen die derzeit leistungsfähigsten Tools zur Verfügung stellen. Es bedeutet aber auch die Lehrtätigkeit an einer Hochschule als eine gesellschaftliche und politische Tätigkeit zu verstehen, in der man gemeinsam mit anderen gegen die Teufelskreise vorgeht, die das Web in den letzten Jahren zu einer dystopischen statt zu einer utopischen Umgebung gemacht haben.

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