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Wachstumsrhetorik in der Tech-Brance: Zwei Fundstücke

Zwei Belege für unreflektierte Orientierung der Digitalbranche am Wachstum:

Marc Zuckerberg schreibt zum Jahresanfang nicht nur über das nächste Jahr, sondern gleich über das nächste Jahrzehnt (Every new year of the last decade I set a…). Er stellt zwar fest, dass Facebook eine Firma der Generation vor den Millenials ist und erwähnt sogar den Klimanotstand. Aber es geht ihm darum, weiter zu wachsen, und zwar unter anderem, indem es kleineren und mittleren Firmen noch leichter gemacht wird, größer zu werden. Außerdem bereitet sich Facebook auf die Zeit nach dem Mobiltelefon als dominierender Consumer-Plattform für das Computing vor. Früher oder später, aber im nächsten Jahrzehnt, wird es von Augmented-Reality-Brillen abgelöst werden, die ihre Benutzerinnen und Benutzer noch weit unabhängiger von ihrem Ort auf der Erde machen werden, als wir es uns heute vorstellen.

Das Verlangen, die materielle und räumliche Realität durch eine Computer-generierte Wirklichkeit auszutauschen, treibt auch die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, z.B. indem Menschen als Personen, die Inhalte erzeugen und verantworten, durch Computing unterstützt und ersetzt werden. In einem Marketing-Blogpost wie The Future Now: Hybrid Content Editing werden diese technischen Möglichkeiten als Gelegenheit für weiteres, noch schnelleres Wachstum gefeiert— noch unreflektierter als bei Zuckerberg.

Den Autoren dieser Texte und auch den meisten, die sie lesen, ist vermutlich nicht bewusst, dass diese Wachstums-Rhetorik radikal angezweifelt werden kann. Gemeinsam ist beiden Texten, dass digitale Technologien als Alternativen zur physikalischen Realität, zur Natur, gefeiert werden, dass aber die Auswirkung der digitalen Techniken noch mehr Ausbeutung der Natur sein muss. Die mit der Software einer Firma wie AX-Semantics generierten Texte beschleunigen das Sportbusiness und andere Branchen, etwa die Finanzwirtschaft. Die nächste Generation von Facebooks Tools wird es KMUs leichter machen, ihre Produkte zu verkaufen, bis dann AR-Brillen Konsumgüter noch geschickter präsentieren und die Leute, die sie produzieren, in virtuellen Teams zusammenfassen, die die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt entregionalisieren und so noch mehr Wachstum erzwingen.

Angesichts der brutalen Übernutzung der Biosphäre und der ökologischen Katastrophen, die wir erleben, sind solche Texte nicht nur moralisch und politisch naiv. Ihre Prognosen setzen voraus, dass die soziale und politische Umwelt so stabil bleibt, wie wir es gewohnt sind. Das ist sehr unwahrscheinlich. Schon jetzt zeichnet sich ab: Je mehr innerstaatliche und zwischenstaatliche Konflikte das ungesteuerte und ökologisch desaströse Wachstum auslöst, desto mehr werden Technologien wie Augmented Reality und automatische Texterzeugung zu Komponenten von Kriegs- und Propagandamaschinerien werden, statt nur den Konsum weiter anzuheizen.

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