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Wahrscheinlich sind die Überlegungen unten ziemlich kryptisch. Es handelt sich nur um eine erste Formulierung. Ich brauche sie, um einen theoretischen Rahmen zu formulieren, mit dem man das Lehren von Kommunikation im Web erleichtern kann—aber dazu bedarf es vieler weiterer Schritte und Konkretisierungen. Außerdem geht es mir darum klarzumachen, wie vermittelt auch simple Publikationen oder Kommunikationsakte im Web sind, z.B. das Verfassen und Publizieren eines Tweets. Wer sich im Web äußert, auch wenn er nur ein Statusupdate bei Facebook verfasst, verwendet sehr komplexe Kulturtechniken und redaktionelle Strategien.

  1. Ich bin bisher immer von einem “einschichtigen” Modell der Web Literacy ausgegangen. Ich habe sie als Erweiterung der Schreib- oder Textkompetenz verstanden. Dabei habe ich mich gefragt, in welchem Verhältnis die Fähigkeit zu schreiben und zu formulieren zu der Fähigkeit steht, verlinkt zu schreiben und sich im Kontext des Webs zu bewegen. Für eine solches einschichtiges Verständnis liegen z.B. das Finden einer Formulierung beim Twittern und das Verwenden eines Hashtags auf derselben Ebene.
  2. Gestern ist mir durch Zufall ein schon etwas älterer Reader über Performanz in die Hände gefallen, den Uwe Wirt herausgeben hat (Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften). Ich hab außer der Einleitung vor allem Wirths abschließenden Aufsatz gelesen (Performative Rahmung, parergonale Indexikalität. Verknüpfendes Schreiben zwischen Herausgeberschaft und Hypertextualität). Ich habe den Eindruck, von den Gedanken Wirths ausgehend (die viel komplexer sind, als ich es hier berücksichtige) lassen sich die Besonderheiten des Schreibens im Web besser beschreiben als ich es bisher konnte. Hier ein paar erste Gedanken.
  3. Das Verfassen und Publizieren eines Texts im Web ist wie bei einem schriftlichen oder gedruckten Text eine Aktivität, die sich auf zwei Ebenen oder Stufen abspielt. Neben die Rolle des Autors tritt bei einem schriftlichen Text die des Herausgebers, Redakteurs oder Editors, der den Text bearbeitet und einrichtet und ihn dabei durch andere Texte wie Einleitungen, Überschriften und Randbemerkungen ergänzen kann. Der Herausgeber inszeniert den Text, er performt ihn, stellt ihn dar. Das Verwenden eines Hashtags lässt sich dann als ein redaktioneller Eingriff verstehen, der zur Darstellung oder Inszenierung des Tweets gehört, wie übrigens auch die Verknüpfung des Tweets mit einem Profilbild.
  4. Wer sich im Web äußert, einen Text im Web publiziert, benutzt webspezifische Mittel der Performanz oder Inszenierung des Textes. Sicher lassen sich die meisten von ihnen, wahrscheinlich lassen sich alle als Verlinkungen oder ausgehend von Verlinkungen verstehen. Der Verfasser bzw. Herausgeber des Hypertexts bezieht sich dabei indexikalisch (also durch Zeichen, deren Bedeutung von der Situation abhängen, in der sich Autor und Leser befinden) auf den Text wie auf die Situation, in der er den Text publiziert. Wenn ich z.B. diesen Text publiziere, beziehe ich mich durch einen Index, nämlich ein Hyperlink, auf das Buch von Uwe Wirth. Durch weitere Links werde ich bei Twitter und Facebook auf diesen Text verweisen. Ich publiziere ihn innerhalb eines Blogs, mit dessen Texten er ebenfalls durch Links verbunden ist. Direkt oder indirekt ist der Text mit meinen Profilen verknüpft.
  5. Web Literacy wäre dann die Fähigkeit oder der Komplex von Fähigkeiten und Kenntnissen, die man braucht, um im Web erfolgreich Texte zu inszenieren, zu “performen”. Man könnte auch sagen: Sie liegt der Performanz zu Grunde. Sie ist die Übersetzung der Fähigkeiten eines Herausgebers oder Redakteurs ins Web, oder die Übersetzung der Fähigkeiten des erfolgreichen Rhetorikers, der ja auch seinen eigene Text in einer bestimmten Umgebung inszeniert und ihn in Hinblick auf diese Inszenierung entwirft. Man kann sie also vielleicht tatsächlich als Rhetorik des digitalen Zeitalters verstehen.
  6. Den Bezug der Aufführung oder Inszenierung eines Textes (eine Form des Selbstbezugs, der Selbstreferentialität oder Reflexivität) zu dem Text kann man im Sinne Wirths auch als Rahmung (Goffman) bezeichnen. Durch das Framing, das Einrahmen, gelingt das Performen des Textes, wenn es gelingt. Ein Beispiel dafür könnten Tweets in einer Timeline sein, die nur durch eine Vielzahl von Bezügen, etwa zu anderen Tweets, verständlich sind.

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Kommentar

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  1. Interessanter Ansatz. Nicht das Gleiche (weil nix mit Web) aber durch den Ansatz verwandt vom Ansatz ist »Bit Literacy« von Mark Hurst. Sehr zu empfehlen. Würde ich gerne als Informatik-Schulstunden-Grundlagenstoff sehen,
    PS: Dieser Blog ist durch zu schmale Spaltenbreite IMHO schlecht lesbar, da man hauptsächlich am Zeilenspringen ist. Mich persönlich nervt das.

  2. "Bit Literacy" ist zur Lektüre vorgemerkt, danke!
    Wegen der Lesbarkeit werde ich noch nachdenken und Meinungen einholen. Ich hatte es eigentlich für gerade gut lesbar gehalten, wenn ca. eine Saccade, also etwa 7 Wörter, in eine Zeile fallen. Aber vielleicht bin ich da durch meine frühere Tätigkeit als Lexikonredakteur verdorben …

  3. Binghurst «The Elements of Typographic Style» p.26: «Anything from 45 to 75 characters is widely regarded as a satisfactory length of line for a single-column page set in a serifed text face in a text size.»
    Da er von englischen Wortlängen ausgeht, würde ich die Zeilenlänge für die deutsche Sprache durchaus etwas breiter ansetzen.