Dienstalk: Fake News

(Vorbemerkung: Unvollständige, nicht zu Ende gedachte und ungerechte Notizen. Material für die Diskussion.)

Am Dienstagabend habe ich eine Veranstaltung der steirischen Volkspartei besucht, den Dienstalk Fake News: Wem kann man noch glauben?. Judith Denkmayr und Michael Fleischhacker haben sich alle Mühe gegeben, das Thema niveauvoll zu diskutieren. Sie sind nicht in die Falle gegangen, die neuen digitalen und die alten, verlagsorientierten Medien schematisch einander gegenüberzustellen. Beide haben differenziert gefragt und argumentiert.

Verblüfft hat mich die Diskussion mit dem Publikum im Anschluss, die mit dem Thema des Abends oft nur indirekt zu tun hatte. In dieser Diskussion kamen zwei Diskurse oder zwei Haltungen zu den Medien zum Ausdruck, die ich selten so in Reinkultur erlebt habe. Einerseits die Haltung derjenigen, die tatsächlich die seriösen Medien für Fake-Medien halten, die Haltung der Leute, die glauben, dass wir von einer Lügenpresse manipuliert werden. (Michael Fleischhacker hat in einem netten Wortspiel gesagt, dass die traditionellen redaktionellen Medien sicher keine Lügen-, aber vielleicht eine Lückenpresse seien.) Ein pensionierter Mathematik- und Biologielehrer, wie er sich selbst bezeichnete, startete gleich wortreich mit dem Vorwurf, die Medien hätten über die uns überrollende Flüchtlingswelle nie anders als unkritisch berichtet. Etwas später bemerkte eine 30-jährige Frau, übrigens vom Publikum unwidersprochen, monatelang sei über die Flüchtlinge nur unkritisch berichtet worden. In meinem Elfenbeinturm habe ich diese Argumentation noch nie live mitbekommen. Mein Eindruck: In diesem Publikum gab es gar nicht wenige Leute, für die diese Art der Verschwörungstheorie selbstverständlich ist. (Eine Grundhaltung, die von Kritik an den Verschwörungstheorien nicht gefährdet, sondern verstärkt wird, und die Leute wie Trump, die Brexit-Proponenten und die FPÖ-Führung gezielt bedienen.)

Gegen diesen Diskurs wurde dann in der Diskussion ein anderer gesetzt, der genau umgekehrt affirmativ gegenüber den alten Medien ist und den populistischen Diskurs wenigstens tendenziell mit dem der sozialen Medien identifiziert. Für diese Argumentationen sind die redaktionellen Medien in ihrer Hoch-Zeit der Bezugspunkt, und die digitalen Medien erscheinen vor allem als Bedrohung und als unlautere Konkurrenz. Sehr schnell werden dann die Forderungen laut, mit juristischen Mitteln gegen Facebook und Konsorten vorzugehen und mit staatlicher Hilfe dafür zu sorgen, dass die Qualitätsmedien überleben. Welche Argumente auch immer für diese Position sprechen: In einem Punkt ist sie nicht nur falsch, sondern irreführend: Sie geht davon aus, dass sich ein Medienmodell, das technisch und wirtschaftlich heute nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, künstlich wiederherstellen lässt. Dabei verwechseln ihre Vertreter globale Entwicklungen, die sich in über 20 Jahren durchgesetzt haben, mit den Firmen, die aufgrund dieser Entwicklungen plötzlich eine riesige Macht bekommen haben, vor allem mit Facebook.

In der Diskussion standen sich der medienkonservative Diskurs und der mediendenunziatorische Diskurs der radikalen Rechten gegenüber, ohne dass es zu einer wirklichen Auseinandersetzung gekommen wäre. Am Ende gelang es dann der Diskussionsleitung, die Debatte zur Frage der Medienkompetenz und Medienbildung überzuleiten—wobei allerdings auch hier die digitalen Medien vor allem als unheimlich wahrgenommen wurden.

Nach Hause ging ich mit der Frage: Wie konservativ ist die Gesellschaft, in der ich hier lebe? Wie weit sind wir von einer Wahrnehmung dessen entfernt, was sich heute international im Netz und in der Gesellschaft tatsächlich abspielt? Jetzt, drei Tage später, denke ich eher darüber nach, was unsere Aufgabe an einer Hochschule in dieser Situation ist. Ich denke, dass wir noch viel deutlicher und vor allem auch noch viel verständlicher machen müssen, welche technischen und medialen Veränderungen sich gerade abspielen, und wie sinnlos, und letztlich vor allem wie kontraproduktiv es ist, gegenüber diesen Veränderungen an dem Glauben an eine funktionierende Medienwelt festzuhalten, die man mit Hausmitteln gegen die Brandung der Digitalisierung schützen könnte.