Koki Tanaka im Kunsthaus

Die Koki Tanaka-Ausstellung im Kunsthaus Graz haben wir bei einem Spaziergang besucht, ohne zu wissen was uns erwartet. Ich kannte vorher nicht einmal den Namen Tanakas. Mir ist vor zwei Wochen in der Ausstellung nicht aufgegangen, worum es bei diesen Objekten und Aktionen gehen könnte. Später setzte sich in meinem Kopf das Wort ephemer fest, auf das ich in der Ausstellung Architecture After the Future im Haus der Architektur gestoßen bin. Es trifft auch die Arbeiten Tanakas.

Ich denke seit dem Besuch immer wieder über die Tanaka-Ausstellung nach. Ich interpretiere sie mit Ideen, auf die ich bei anderen Ausstellungsbesuchen gekommen bin—bei einem Kunstspaziergang mit Slaven Tolj bei den Galerientagen 2015 und in der K8 Hardy-Ausstellung im Künstlerhaus. Mir ist damals durch die Interpretationen von Tolj in der Galerie rotor klar geworden welcher Weg von der Abstraktion der frühen Moderne zum Verständnis von Kunst als soziale Aktion führt. Das Spiel K8 Hardys mit Kleidungs- und Körperklischees hat mich auf den Gedanken gebracht, dass man das Konzept der Schönheit in der aktuellen Kunst auch als Thematisieren von öffentlichen Bildern und Erfahrungen dessen, was sein soll, verstehen kann—im Sinne der Kritik an Normen und Vorgaben für ein gutes oder schönes Leben und im Sinne einer positiven, körperlichen Erfahrung von gelingender Öffentlichkeit. Ich bastele mir bei Ausstellungsbesuchen meine eigene, lokale Kunstgeschichte. Ich kombiniere sie mit Ideen aus dem was ich gerade lese: Texte zu Buddhismus und Meditation.

Die Objekte der Tanaka-Ausstellung sind mit großen Fachwerk-Konstruktionen aus hellem Holz im ersten Stock des Kunsthauses untergebracht. An den Holzkonstruktionen sind Texte, Bilder und Videos angebracht, die Projekte Tanakas dokumentieren. Im Mittelpunkt jedes dieser Projekte steht eine kollektive Aktion, die reflektiert oder erinnert wird. (Dokumentation: hier (PDF); dazu auch das Interview mit Koki Tanaka auf YouTube und dieser Überblick.

Tanaka hat eine Exkursion zum nie in Betrieb genommenen Atomkraftwerk Zwentendorf organisiert und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, eine aktuelle Version des damaligen Zwentendorf-Liedes zu texten. Er ruft nach dem Unfall in Fukushima auf, durch ein Stück gelben Stoffs den Widerstand gegen die Atomkraftwerke im Land sichtbar zu machen—dabei zitiert er einen Aufruf des Künstlers Jiro Takamatsu. Er lässt englische Schüler eine Demonstration aus den 80er Jahren nachspielen und interviewt Aktivisten von damals. Er beobachte, wie fünf junge Leute gleichzeitig ein Klavierstück spielen.

Die rohen Holzkonstruktionen stehen in einem deutlichen Gegensatz zu den High Definition-Videos, die auf den Bildschirmen gezeigt werden, so wie die einfachen Protestformen in einem Kontrast zu dem technokratischen Perfektionismus stehen, gegen den sie sich richten. Die Aktionen sind lokal, zeitlich begrenzt und einfach, sie beziehen sich auf Phänomene, die räumlich und zeitlich entfernt sind und aktualisiert werden. Tanaka initiiert und beobachtet diese Aktualisierungen. Bezüge—die Bezüge zwischen den Akteuren und Bezüge zu räumlich und zeitlich entfernten Ereignissen—stehen im Mittelpunkt. Das Relevante ist unsichtbar, es existiert in einer gemeinsamen, schwierigen und künstlichen, provozierenden oder evozierenden Aktion.

Vielleicht ist nur die Tatsache, dass Tanaka Japaner ist, der Grund dafür, dass ich in diesen Aktionen buddhistische Motive entdecke oder auch nur Phantasien zum Zen-Buddhismus, der mich gerade interessiert. Dazu gehört die Beschränkung auf das Vorläufige und Vorübergehende, auf die Relation statt auf das scheinbar feststehende Ding, auf die Erfahrung statt auf das materielle Objekt.

Bei dieser Kunst geht es nicht um ein abgeschlossenes Werk, und ich glaube es geht auch nicht darum, in einem aktionistischen Sinn ein soziales Ziel zu erreichen. Die Aktionen und ihre Dokumentation ermöglichen ein Bewusst- oder Innewerden. Es kann nicht das Ziel sein, dass die künstlerische Aktion einfach an die Stelle des politischen Handelns dritt. Aber: Das Vorbild des Surrealismus zeigt, wie sich ein unmittelbares Ineinander von Kunst und Aktion aus der Kritik an der retinalen Malerei ergeben kann.

Noch ein paar Worte über den Ausstellungscharakter: Die Objekte oder Konstellationen existieren für die Ausstellung—oder: Die Ausstellung gehört zum Kunstcharakter, sie ist nicht nur ein Gefäss, in dem Objekte platziert werden, die auch sonst existieren könnten. Für solche Ausstellungen ist das Kunsthaus Graz der richtige Raum. Nur innerhalb des Netzwerks dieser und anderer Ausstellungen, in den Relationen, die sich daraus ergeben, haben diese Objekte und Interventionen Sinn. Das wirkt wie eine Schwäche, ist aber eine Stärke, weil nicht mehr suggeriert wird, als was in diesen begrenzten Szenen möglich ist.