Woraus besteht Web Literacy?

Anfang der Woche habe ich ein paar schöne Spätsommertage in Grado verbracht. Ich war nur für ein paar Minuten am Tag online, wenn ich meine Mails über ein zufällig offenes WLAN abrufen konnte. Zeit auf langen Spaziergängen nachzudenken. Ein paar Ideen dazu, was Web Literacy ist, möchte ich hier festhalten, als Vorüberlegungen zu dem Web Literacy Lab, mit dem wir im Oktober an der FH Joanneum starten werden.

Dabei möchte ich hier nicht von einem theoretischen Ansatz ausgehen, sondern von den praktischen Kompetenzen, die man braucht, um im Web erfolgreich zu kommunizieren. Man kann vielleicht drei Schlüsselkompetenzen beschreiben:

  1. die Fähigkeit, sich im Web auszudrücken, also Texte, Videos, Audios und andere Medien zu produzieren, die zur Umwelt des Webs passen;
  2. die Fähigkeit, Informationen im Web zu organisieren, sie zu beobachten, zu teilen und beobachtbar zu machen, also im weiten Sinne die Fähigkeit zum Informationsmanagement im Web;
  3. die Fähigkeit, sich im Web mit anderen zu vernetzen und die eigene Rolle—die eigenen Rollen—zu gestalten, also im weiteren Sinn die Fähigkeit zum Identitätsmanagement im Web.

Sehr vereinfacht könnte man sagen: Wenn man sich im Web mitteilen will, muss man wissen, was man ins Web stellt, wie man es ins Web stellt, und warum man es ins Web stellt. Wobei die Frage, wie man etwas ins Web stellt eng damit zusammenhängt, wie man das Web beobachtet, also sein Informationsuniversum organisiert. Mit einem abstrakteren Ansatz aus der Software-Entwicklung (Model View Controller) kann man Modelle (z.B. Videos, Blogposts oder Tweets), Views (Suchmaschinen, RSS-Reader, Twitter-Clients) und Controller (z.B. soziale Netzwerke) unterscheiden. Vielleicht lassen sich auch Entsprechungen zu Konzepten aus der alten Rhetorik finden: Um Botschaften zu formulieren, braucht man die Fähigkeit zu inventio (Erfindung) und dispositio (Anordnung); Voraussetzung dafür ist die Organisation des eigenen Informationsuniversums von der ars memorativa (Gedächtniskunst) bis zur eruditio (Bildung), und man scheitert als Redner wenn man nicht auf das decorum (sozial Adäquate) achtet und bei der actio (Durchführung, performance in einer sozialen Situation) versagt.

Die Fähigkeit sich auszudrücken besteht im Web nicht einfach daraus, gut schreiben oder gute Videos machen zu können, und diese dann in ein webgerechtes Medienformat zu bringen. Es geht nicht um „Schreibkompetenz + X“ oder „Videokompetenz + X“. Man braucht andere Kompetenzen als z.B. für das Schreiben für gedruckte Medien, so wie man für das Verfassen einer mündlich vorgetragenen Rede andere Kompetenzen braucht als für gedruckte Texte. Texte, Videos. vielleicht auch Fotos im Web müssen in einer anderen Weise anschlussfähig sein als in anderen Medien. Bei Texten gehört dazu Verlinkung, Verlinkbarkeit, Kommentierbarkeit—ein Text im Web steht in anderen dialogischen Beziehungen zu anderen Texten als ein Text in einem Buch oder einer Zeitung. Bei Videos ist schwieriger zu formulieren, worin eigentlich das „Webspezifische“ besteht. Bei Texten und bei Videos muss man dabei unterscheiden, welche Eigenschaften mit dem Web als globalen Hypermedium zusammenhängen und welche nur mit den Begrenzungen der aktuellen Abspielplattformen, also z.B. Bildschirmen mit noch niedriger Auflösung oder der Bedienung mit einer Tastatatur statt einem Touchscreen oder Sprachkommandos.

Zum zweiten Kompetenzbereich (sorry wegen des hässlichen Worts!) gehört für mich sowohl die Fähigkeit, Informationen im Web zu beobachten und mit ihnen umzugehen (z.B sie filtern zu können) wie die Fähigkeit, selbst Informationen ins Web zu stellen und sie beobachtbar und findbar zu machen. Das Managen von Inhalten, die man selbst erstellt hat, unterscheidet sich im Web nicht wirklich vom Organisieren (sowie Teilen und Weitergeben) der Inhalte, die man rezipiert—genau darin besteht ein großer Unterschied des Webs zu anderen Medien. Vom Redaktionssystem für die eigene Website bis etwas zu Google Docs hat man es immer sowohl mit Authoring- wie mit Recherche-Tools zu tun; es ist oft nicht schwer, sie technisch zu beherrschen, aber es ist nach wie vor eine Herausforderung, mit ihnen tatsächlich Informationen für sich und andere zu organisieren. (Dabei möchte ich auf allen drei Ebenen der Web Literacy nicht einfach zwischen technischen und nichttechnischen Kompetenzen unterscheiden; es ist ein offenen Thema, was jeweils wirklich „technisch“ im Gegensatz zu „sozial“ oder „kommunikativ“ ist; oft ist wohl gerade das „technisch“ was man nicht kommunikativ beherrscht.)

Um das dritte Kompetenzbündel zu charakterisieren, bieten sich Schlagworte wie Reputationsmanagement an. Sie treffen aber nur eine, nämlich die von „Ich“ ausgehende Perspektive. Tatsächlich geht es bei der Fähigkeit zur Vernetzung um eine gemeinsame Kompetenz von mehreren Partnern. (So wie auch beim Informationsmanagement und bei der Text- und Medienerstellung immer Adressaten wenigstens impliziert sind, für die die Handlungen des Ichs transparent sein müssen.) Hierhin gehört das ausgelutschte Thema des bewussten Umgangs mit persönlichen Informationen im Netz, aber auch die Definition eigener Profile, das Handling digitaler Identitäten oder die Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Vernetzung von proprietären und kommerziellen Systemen wie Facebook.

Am Montag möchte ich beim Webmontag Graz etwas zur Web Literacy sagen; dieser Blogbeitrag gehört zur Vorbereitung dafür. Wenn dieses Modell von Web Literacy tragfähig, lässt sich damit auch eine Teil des Social Media-Curriculums an unserem Studiengang besser formulieren.

Update, 12.9.10: Siehe auch Fragen zur Web Literacy, eine Fortsetzung dieses Eintrags.