Seit einiger Zeit lassen sich die Posts dieses Blogs auch als Newsletter abonnieren. Im Augenblick erscheint dieser Newsletter immer am Sonntag. Das führt dazu, dass ich versuche, bis zu diesem Termin etwas Lesbares zu formulieren, was wahrscheinlich nicht wirklich zur Form eines kontinuierlichen Blogs aus einzelnen Posts passt. Wie auch immer: In dieser Woche schaffe ich es nur kurz festzuhalten, welche Texte ich gelesen und welche Podcasts ich gehört habe, darüber hinausgehende Posts müssen warten.

Der für mich wichtigste der in der letzten Woche publizierten Texte ist in den Medien registriert worden, aber eher am Rande: Einige der renommiertesten Erdsystemwissenschaftler haben in der Zeitschrift One Earth einen gemeinsamen Kommentar verfasst (Ripple et al., 2026): Es gibt – wenn überhaupt – nur noch ein ganz kurzes Zeitfenster, um das Risiko auszuschließen. dass sich der Planet zu einer „Treibhaus-Erde“ entwickelt. Das bedeutet nicht, dass es mit Sicherheit zu einem Umkippen des ganzen Erdsystems in einen anderen Zustand kommen wird. Aber bei einer weiteren Erhitzung der Erde können so viele und so wichtige Kipp-Elemente in einen anderen Zustand geraten, also so viele Schalter umgelegt werden, dass die Destabilisierung des Erdsystems irreversibel ist und Stabilität erst unter ganz anderen Bedingungen und bei deutlich höheren Temperaturen wiederhergestellt wird. Dieses Risiko haben Will Steffen Will Steffen und andere Erdsystem-Forschende in dem berühmten „Hothouse-Paper“ beschrieben (Steffen et al., 2018). Der Kommentar der letzten Woche ist ein Update zu diesem Papier. Er verweist auf wichtige neuere Erkenntnisse, die seine Grundaussage bestätigen. Vor allem aber sagen die Autor:innen, dass die Entwicklung noch dramatischer ist als in dem Hothouse-Paper vorausgesagt: Die Temperaturen der letzten drei Jahre liegen bereits 1,5° über dem vorindustriellen Niveau und die Temperatursteigerung beschleunigt sich. Die Empfindlichkeit einiger der Kipp-Elemente des Erdsystems ist größer als damals angenommen. Wir leben also bereits in einer Situation, in der das Erdsystem umkippen kann, und dürfen die Faktoren, die dazu führen können, auf keinen Fall noch vergrößern. Im Scientists for Future-Podcast berichtet Jonathan Donges ausführlich über den Stand der Forschung zu den Kipp-Elementen und zur Modellierung des gesamten Erdsystems – eine gute Erläuterung des Kommentars in One Earth (Donges, 2026).

Ausnahmezustand und Gewalt

Ich frage mich immer wieder, wie gut sich diese historische Situation mit Thesen von Carl Schmitt erfassen lässt. Zu Schmitts Raumphilosophie habe ich einen guten einführenden Text von Benedikt Korf und Conrad Schetter gelesen, der übrigens viel Material zu Entwicklung der US-Politik seit 2000 enthält (Korf & Schetter, 2012). Für Schmitt ist Souveränität die Fähigkeit, den Ausnahmezustand zu kontrollieren (dazu gehört auch die Fähigkeit ihn auszurufen). Der Zustand des Erdsystems, den der Kommentar in One-Earth darstellt, ist der extremste Ausnahmezustand, des es in der aufgezeichneten Geschichte gab. Er macht radikale Veränderungen notwendig und legitimiert radikale Mittel, um diese Veränderungen einzuleiten.

Die führenden Politiker in Europa machen diesen Zustand nicht nur nicht zum Thema, sie verschärfen ihn, indem sie die bei weitem nicht ausreichende Klimapolitik der EU noch weiter schwächen. Das letzte Klima-Update der taz und des Klima-Reporter stellt sehr gut dar, dass die deutsche Regierung sich mit ihrem nächsten Klimaschutz-Gesetz an geltenden Verpflichtungen vorbeimogelt, und dass die EU-Kommission dabei ist, die wirksamsten Regeln zum Klimaschutz, den Zertifikate-Handel und den CO2-Grenzausgleich, aufzuweichen (Klimaprogramm Mit Lücke, Industrie Macht Druck Gegen Klimazoll, Trump Erklärt Treibhausgase Für Unschädlich, 2026).

Die europäischen Regierungen ignorieren den planetaren Ausnahmezustand. Die amerikanische Regierung leugnet seine Folgen und ruft gleichzeitig national und international einen Ausnahmezustand aus, den sie unumschränkt kontrollieren will. Die Rücknahme des Endangerment-Findings ist ein Teil dieser Ermächtigung (Friedman, 2026). Sie gibt der US-Regierung und den mit ihr verbundenen Interessengruppe die unbeschränkte Möglichkeit, die US-Fossilindustrie weiter auszubauen. Ziel ist, dass die Regierung wie die faschistischen Diktaturen, deren Maßnahmen Carl Schmitt in den 30er Jahren legitimierte, keinerlei Rücksicht auf die Rechte derjenigen nehmen muss, die Opfer der fossilen Expansion werden. Zwei Artikel in der New York Times stellen sehr gut dar, wie die Ideologen hinter Trump diesen Schritt vorbereitet haben, und dass er darauf abzielt, auch in Zukunft jede rechtliche Einschränkung des Amalgams von Regierung und Fossilwirtschaft unmöglich zu machen (Friedman & Joselow, 2026; Joselow & Friedman, 2026).

Dass die Trump-Regierung den Klimanotstand tabuisiert und seine Erforschung unmöglich machen will, zeigt, dass sie ihn als Ausnahmezustand begriffen hat, den sie diktatorisch – ohne rechtliche Einschränkungen – beherrschen will. Der US-Außenminister Rubio hat die „Klimareligion“ als erste unter den Erscheinungen der Dekadenz genannt, die die nationale Souveränität gefährden (Rubio, 2026). Dass Trump bei der Rücknahme des Endangerment-Findings von der größten Deregulierungsmaßnahme seiner Amtszeit sprach, ist ein weiteres der vielen Signale dafür. dass die globale Erhitzung im Zentrum der Strategie der US-Administration steht. Dass Klima muss als sichtbares Thema verschwinden. um ohne Einschränkung der Souveränität auf die Folgen des Klimanotstands reagieren zu können – auch auf die Migration, die immer mehr von der globalen Erhitzung ausgelöst wird.

Postgrowth als Antwort auf den Ausnahmezustand

Die US-Regierung will die westliche Hemisphäre beherrschen und hält am Exzeptionalismus, dem Anspruch der USA auf eine globale Sonderrolle, fest. Sie ist territorial orientiert. Die Gegenkonzepte zur aggressiven fossilen Expansion werden dagegen meist als Systemalternativen formuliert, unabhängig von ihrer räumlichen Gestaltung. Der Guardian hat in der letzten Woche einige Artikel zur Postgrowth-Wirtschaftskonzepten publiziert. Ein Anlass dafür war eine UN-Konferenz, bei der sich der UN-Generalsekretär für ein Ende der Orientierung am Bruttosozialprodukt ausgesprochen hat (Taylor, 2026). U.a. wurde Peter Victor dazu befragt, wie ein Verzicht auf Wachstum ohne Einschränkung der Lebensqualität möglich ist. Interessant ist, dass Jason Hickel, einer der bekanntesten Degrowth-Theoretiker, und Yanis Varoufakis, den ich immer als linken Keynesianer – also als wachstumsorientiert – verstanden habe, gemeinsame Vorschäge für eine Dekarbonisierung durch eine Demokratisierung der Wirtschaft formuliert haben (Hickel & Varoufakis, 2026).

Ich verfolge schon lange den Podcast Outrage und Optimism, in dem sich u.a. Christiana Figueres, eine der Hauptbeteiligten am Pariser Abkommen, zur aktuellen globalen Entwicklung äußert. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Folge dieses Podcasts so wachstumskritisch war wie die letzte, in der sich alle drei Beteiligten hinter das Konzept der Doughnut-Economy stellten (Figueres et al., 2026). Ein Grund dafür ist möglicherweise, dass Initiativen wie Race to Zero, bei der Unternehmen sich zu einer wissenschaftsorientierten Reduzierung ihrer Emissionen verpflichteten, wenig erfolgreich waren (Gelles, 2026).

In einer Sendung von France Culture wird das Konzept der Klimakoalition diskutiert, das Pierre Charbonnier formuliert hat (Charbonnier & Descola, 2026). Charbonnier geht davon aus, dass nach dem zweiten Weltkrieg in den westlichen Gesellschaften ein sozialer Kompromiss realisiert wurde, der auf Wirtschaftswachtum durch Steigerung des fossilen Energieverbrauchs beruhte. Charbonnier spricht von einer „fossilen Koalition“, bei deren Umsetzung der Staat eine zentrale Rolle hat. Um die Dekarbonisierung durchzusetzen, müsse eine ähnliche, aber eben postfossile Koalition gebildet werden, wiederum als ein gesamtgesellschaftlicher Kompromiss mit einer zentralen Rolle des Staates (das Gegenkonzept zur trumpistischen Diktatur, bei der Staat und Fossilindustrie unbeschränkt agieren können.) In der France-Culture-Sendung sprechen Charbonnier und sein Lehrer Philippe Descola über dieses Konzept. Descola hält – wie in seinem Buch Politiques du faire-monde – konsequentere Alternativen zum Kapitalismus und vor allem zur ontologischen Trennnung von Mensch und Gesellschaft einerseits und den nichtmenschlichen Wesen andererseits für nötig. Dabei spricht er von transnationalen Bündnissen aller, die unter der extraktiven Wirtschaft leiden – von den Bauern etwa in Südamerika bis zu den ausgebeuteten Billig-Arbeitskräften in der europäischen Landwirtschaft – als einer zeitgemäßen neuen Form des Klassenkampfs, die auch die Interessen nichtmenschlicher Wesen einbeziehen kann.

Theorie des Partisanen

In Korfs und Schetters Aufsatz über Carl Schmitt wird auch Schmitts Text Theorie des Partisanen erwähnt. Der Partisan, wie ihn Schmitt beschreibt, agiert „tellurisch“, an einem Teil der Erde interessiert, den er verteidigen will. Angesichts von Akteuren wie der US-Regierung, die rechtliche Beschränkungen ablehnen, und angesichts eines planetaren Ausnahmezustands, wird dieses – territoriale, raumorientierte – Konzept vielleicht in einer Weise aktuell, an die Schmitt nicht gedacht hat.

Charbonnier, P., & Descola, P. (Guests). (2026, January 28). Crise climatique : faut-il des réformes ou une révolution ? Débat entre Pierre Charbonnier et Philippe Descola [Broadcast]. In France Culture. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/questions-du-soir-le-debat/les-defenseurs-du-climat-peuvent-ils-se-coaliser-8469610
Donges, J. (Guest). (2026, February 7). Soziale und klimatische Kipppunkte (No. 41) [Broadcast]. https://s4f-podcast.de/2026/02/folge-41-soziale-und-klimatische-kipppunkte/
Figueres, C., Rivett-Carnac, & Dickinson, P. (Guests). (2026, February 12). Who Wields Power Now?: Money, Movements and the Future of Climate (No. 350) [Broadcast]. https://www.outrageandoptimism.org/episodes/who-wields-power-now-money-movements-and-the-future-of-climate?hsLang=en
Friedman, L. (2026, February 12). Trump Repeals Key Greenhouse Gas Finding, Erasing EPA’s Power to Fight Climate Change. The New York Times. https://www.nytimes.com/2026/02/12/climate/trump-epa-greenhouse-gases-climate-change.html
Friedman, L., & Joselow, M. (2026, February 10). Trump Allies Near “Total Victory” in Wiping Out U.S. Climate Regulation. The New York Times. https://www.nytimes.com/2026/02/09/climate/endangerment-finding.html
Gelles, D. (2026, January 17). How Wall Street Turned Its Back on Climate Change. The New York Times. https://www.nytimes.com/2026/01/17/climate/how-wall-street-turned-its-back-on-climate-change.html
Hickel, J., & Varoufakis, Y. (2026, February 12). We can move beyond the capitalist model and save the climate – here are the first three steps. The Guardian. https://www.theguardian.com/environment/commentisfree/2026/feb/12/capitalist-model-climate-growth-capitalism-species-humanity
Joselow, M., & Friedman, L. (2026, February 10). The E.P.A. Is Barreling Toward a Supreme Court Climate Showdown. The New York Times. https://www.nytimes.com/2026/02/10/climate/epa-endangerment-supreme-court.html
Klimaprogramm mit Lücke, Industrie macht Druck gegen Klimazoll, Trump erklärt Treibhausgase für unschädlich (No. 265). (2026, February 13). [Broadcast]. https://klimareporter.de/deutschland/klimaprogramm-mit-luecke-industrie-macht-druck-gegen-co2-zoll-trump-erklaert-treibhausgase-fuer-unschaedlich
Korf, B., & Schetter, C. (2012). Räume des Ausnahmezustands. Carl Schmitts Raumphilosophie, Frontiers und Ungoverned Territories. https://doi.org/10.5167/UZH-75041
Ripple, W. J., Wolf, C., Rockström, J., Richardson, K., Wunderling, N., Gregg, J. W., Westerhold, T., & Schellnhuber, H. J. (2026). The risk of a hothouse Earth trajectory. One Earth, 101565. https://doi.org/10.1016/j.oneear.2025.101565
Rubio, M. (2026, February 14). Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Wortlaut. https://www.handelsblatt.com/politik/international/marco-rubio-die-rede-von-us-aussenminister-marco-rubio-im-wortlaut/100200376.html
Steffen, W., Rockström, J., Richardson, K., Lenton, T. M., Folke, C., Liverman, D., Summerhayes, C. P., Barnosky, A. D., Cornell, S. E., Crucifix, M., Donges, J. F., Fetzer, I., Lade, S. J., Scheffer, M., Winkelmann, R., & Schellnhuber, H. J. (2018). Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(33), 8252–8259. https://doi.org/10.1073/pnas.1810141115
Taylor, M. (2026, February 9). Global economy must move past GDP to avoid planetary disaster, warns UN chief. The Guardian. https://www.theguardian.com/environment/2026/feb/09/global-economy-transformed-humanity-future-un-chief-antonio-guterres

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