Kurzer Text Chaïm Perelmans über sein Verständnis der Philosophie (1982). Sie ist für ihn ein Teil der Rhetorik oder der Argumentation. Er setzt den Philosophen (er spricht noch nicht von Philosophinnen) ab von den Propheten, für die es nur eine Wahrheit gibt und die nicht gezwungen sind, ein Publikum zu überzeugen.
Perelman interessiert sich für Rhetorik oder Argumentation, um die Praxis nicht dem „Skeptizismus“ und damit letztlich Interessen und Gewalt zu überlassen. Er stellt sie Theorien und Schulen gegenüber, die behaupten, dass es einen Zugang zu relevanten Wahrheiten gibt, der nicht auf rhetorische Überzeugung angewiesen ist – von Platon bis zum logischen Positivismus in der Frege-Nachfolge.
Rhetorik oder Argumentation ist für Perelman ein Gegenstück zum „formalen Diskurs“. Dabei bleibt in diesem Text offen, wieweit Rhetorik auch notwendig ist, um von den Aussagen und Voraussetzungen des formalen Diskurses zu überzeugen.
Mir ist die Auffassung sehr sympathisch, dass es in der Philosophie nicht um spezifische Wahrheiten geht, sondern um die Prüfung und Begründung von Argumentationen und die Kritik an trügerischen Argumentationen. Gerade angesichts der ökologischen Krisen und der mit ihnen verbundenen epistemischen Krise ist das eine wichtige Aufgabe – erst recht, wenn Propheten wie ein Peter Thiel oder die Propagandisten der Künstlichen Intelligenz auftreten, die die öffentliche Debatte über das, was sie tun, ersticken wollen.
Perelman, C. (1982). Rhétorique, dialectique et philosophie. In
Liber Amicorum Léo Moulin (pp. 92–95). Amis de Léo Moulin.
https://dipot.ulb.ac.be/dspace/bitstream/2013/199303/6/e6306c37-1866-48f7-8e68-4fe78332c003.txt