Ich habe mir gerade den ZIB-Talk vor der Wahl hier in Graz angesehen. Immerhin eine ganze Stunde mit den Spitzenkandidatinnen der linken Parteien und den Spitzenkandidaten (alle männlich, auch in ihrer Kommunikation) der Opposition.
Klima und Ökologie wurden nicht einmal erwähnt. Auch Judith Schwentner, die eine engagierte Klimapolitikerin ist, sprach nur vom Grün in der Innenstadt. Indirekt kreiste nur die kurze Diskussion um die Verkehrspolitik um Klimaschutz und Klimaanpassung. Aber auch da war ausdrücklich nur von der Aufteilung des Platzes auf die verschiedenen Verkehrsformen die Rede. Michael Winter, Vertreter einer wissenschaftsfeindlichen Kleinstpartei, warf den Grünen Autolenker-Feindschaft vor.
In dieser Woche wird es in Graz jeden Tag heißer. Wir erleben die intensivste Juni-Hitzewelle der Geschichte. Durchschnittlich ist es schon jetzt so warm wie in der vorindustriellen Zeit in Norditalien. Es ist nicht viel Phantasie nötig um sich die Temperaturrekorde in 20 oder 30 Jahren auszumalen.
Über den Klimapolitik-Fragebogen an die Grazer Parteien, den wir als Plattform 1,5 Graz ausgeschickt haben, hat bisher nur der (gute) Newsletter GanzGraz berichtet. Die Erhitzung, ihre Folgen und die Zusammenhänge, in denen sie steht (extreme globale Ungleichheit, Überschreitung der planetaren Grenzen, aggressive Petrostaaten, rechtsradikale Parteien und Regierungen, Antiwissenschaftspropaganda in Milliardärs-Publikationen und -Plattformen) werden verdrängt. Selbst die, die wissen, was auf dem Spiel steht, vermeiden diese Themen anzusprechen. Sie sind unbeliebt und sie machen unbeliebt.
Das Business-as-usual vor einem immer düsterer werdenden Hintergrund erinnert mich an Camus‘ Pest. Die Mehrheit verleugnet die tödliche Gefahr und Demagogen blasen zum Angriff auf alle, die davor warnen.
In der heißesten Juni-Woche der Geschichte wird der Grazer Gemeinderatswahlkampf über Nebenthemen geführt – nicht darüber, was die Stadt gemeinsam mit anderen gegen das Fortschreiten der Erhitzung tun kann, und kaum darüber, wie sie die Menschen in der Stadt davor schützen kann. Das Klima ist kein public issue. Die meisten Parteien und die Medien halten sich die Augen zu. Wenn sie durch ihre Finger schauen, wollen sie nicht dabei beobachtet werden.