Planetary Aesthesis, Not Animal Citizens von Josephine Berry (2026): ein Text, in dem ich einiges von dem wiederfinde, was mir im Kopf herumgeht, auch wenn ich die Diskurse, auf die er sich bezieht, nicht gut kenne. Berry sieht in der Aisthesis, in der Wahrnehmung und Empfindung, die Lösung eines Dilemmas: Das Appellieren an die moralische Verantwortung von menschlichen Gruppen oder der „Menschheit“ setzt den besonderen Status der Menschen oder des Subjekts und damit die Unterdrückung und Ausbeutung des „Nichtmenschlichen“, der Natur, voraus.

Die ästhetische Haltung des Antwortens, der Responsiveness, des Sich-irritieren-lassens erlaubt dagegen die Erfahrung einer Realität, in der Menschliches und Nichtmenschliches nicht durch einen Abgrund voneinander getrennt sind. Die Kunstwerke, auf die Berry als Beispiele verweist, „durchtunneln“ die Trennung des autonomen Subjekts von einer objektivierten, neutralisierten Natur. So realisieren und symbolisieren Installationen und Performances von Rebecca Belmore eine Beziehung zu „Gaia“, deren Ausschaltung eine der historischen Voraussetzungen des modernen Staats und der juristisch definierten Subjekte war. Sie habe das „sinnliche Regime des Staates zerlegt [parted]“ und einen „Kanal der bedingungslosen Zugehörigkeit von indigenen Menschen und Land“ geschaffen.

Josephine Berry bezieht sich auf einen Zusammenhang von Recht, Rechtsetzung und Herstellung von „accountability“ mit gewaltsamer Beherrschung eines Raums. Ihre Überlegungen helfen mir einen Text über Carl Schmitt zu verstehen, den ich in der letzten Woche gelesen habe. (Ich kenne Schmitt kaum im Original, weil ich seinen Antisemitismus und seine nationalsozialistische Haltung nicht ertrage.) Schmitt, so stellt es Wolfgang Palaver in dem Aufsatz Carl Schmitt on Nomos and Space (Palaver, 1996) dar, meint mit der Formulierung „Nomos der Erde“, dass Gesetz und Ordnung eines Raums – und damit Beherrschung eines Gebiets und seiner Ressourcen – zusammenfallen. Das altgriechische Wort „nomos“ stehe sowohl für „Gesetz“ wie für „Verteilung“. Rechtsetzung ist in diesem Denken immer mit „Landnahme“ und Gewalt verbunden. Berry interpretiert den Zusammenhang von Recht, Souveränität und Gewalt ähnlich, aber um eine Aisthesis diesseits oder jenseits der gewaltsamen Rechtsetzung zu untersuchen.

Alternativen zum depressiven Hedonismus

Berry spricht vom „planetaren Realismus“. Sie hat darüber im vergangenen Jahr ein Buch publiziert (2025). Der planetare Realismus beruhe wie das ästhetische Regime der Moderne im Sinne von Jacques Rancière auf einer Trennung von Wahrnehmung, Formen und Vorstellung von fixierten Bedeutungen. Er löse die Wahrnehmung vom depressiven Hedonismus („depressive hedonia“) und der Monotonie des „kapitalistische Realismus“ (Mark Fisher) und erlaube Verschiebungen und Umverteilungen in der Wahrnehmung, durch die andere Welten geschaffen werden können.

Der planetare Realismus ist – diesen Gedanken finde ich vor allem interessant – mit einer Beschränkung der Perspektive verbunden. Die Sensibilität, die Empfindlichkeit für die planetare Wirklichkeit, ist, so verstehe ich Josephine Berry, mit einer globalisierten Perspektive nicht vereinbart, weil darin das Nichtmenschliche neutralisiert wird. Planetarer Realismus meint die Irritierbarkeit durch Einzelnes. Sein politisches Gegenstück ist die Ermächtigung von Communities, nicht die Beherrschung „des Planeten“ durch „die Menschheit“. Vereinfacht gesagt: Wir leiden nicht mit dem Planeten, den wir, wie es Voltaire und Latour sagen, „vom Sirius aus“ beobachten können, sondern mit dem einzelnen Lebendigen, das dem globalen Kapitalismus zum Opfer fällt. Diese ästhetische Haltung verlangt Degrowth auch in der ästhetischen Praxis – den Abschied vom globalisierten Kunstbetrieb und die Entschlossenheit, auf das Besondere zu antworten.

degrowing the scale and speed of experience, and of the distances between production and consumption, between creation and spectatorship, and between communities and their representations, means regrowing the sensory demos and hence the prospect of planetary responsibility.

„Komuna Maro“ als Beispiel

In der off_gallery haben wir in den letzten Wochen die Ausstellung Komuna Maro gezeigt, die menschlichen und nichtmenschlichen Wesen und ihren Vernetzungen in der nördlichen Adria nachgeht. Diese Art der künstlerischen Recherche verstehe ich als einen Ausdruck des „planetaren Realismus“, von dem Berry spricht. Die Aisthesis bezieht sich auf die Besonderheiten eines bestimmten Raums, einer Region, und antwortet darauf. Die Region – hier die obere Adria – ist globalen Prozessen unterworfen, die nur hier in diesem Kontext in dieser besonderen Weise wahrgenommen werden können und durch diese ästhetische Wahrnehmung zu Ausgangspunkten der Schaffung alternativer Welten werden können.

Berry, J. (2025). Planetary realism: art against apocalypse. Sternberg Press.
Berry, J. (2026, February). Planetary Aesthesis, Not Animal Citizens – Journal # 160. E-Flux Journal, #160. https://www.e-flux.com/journal/160/6776829/planetary-aesthesis-not-animal-citizens
Palaver, W. (1996). Carl Schmitt on Nomos and Space. Telos, 1996(106), 105–127. https://doi.org/10.3817/1296106105
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One thought on “„Planetarer Realismus“ und Entglobalisierung der ästhetischen Wahrnehmung: Zu einem Aufsatz von Josephine Berry

  1. @Heinz Interessanter Artikel. Ich mag den Begriff "depressiver Hedonismus" sehr. Lesezeichen gesetzt: muss das später nochmals genauer lesen!

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