Randbemerkung zu dem wichtigen Artikel von Nadja Hahn Warum Klimajournalismus mehr braucht als Mut:
Ein Grund dafür, dass das Klima im ORF nicht zu einem Schwerpunkt werden durfte, war die Angst vor dem „Aktivismus-Vorwurf“. Dieser Vorwurf lässt sich gegen Journalismus zu jedem Thema erheben. Er ist berechtigt, wenn journalistische Arbeit und „Advocacy“ verwechselt werden. Aber das, was Nadja Hahn hier vorgeschlagen hat: koordiniert und vernetzt aus verschiedenen Ressorts so ausführlich und kontinuierlich über dieses Thema zu berichten, wie es seiner sachlichen Relevanz entspricht – ist das Gegenteil von Advocacy. Ist etwa die penetrante Berichterstattung über die „Spritpreise“ Advocacy? Und für wen?
Journalist:innen müssen ein Thema so gut kennen, wie es eben geht. Sie brauchen über dieses Thema die gleiche Art von Wissen, wie es Geschichtsforschende haben. Mit diesem Wissen müssen sie Ereignisse analysieren und erklären, so dass sich die Leser:innen, Hörer:innen oder Nutzer:innen so gut wie möglich auskennen. Jede Aussage muss dabei – wie jede Aussage einer Historikerin oder eines Historikers – überprüfbar oder eine begründete Hypothese sein. Wie bei jedem historischen Thema hängt die Auswahl des Themas und die Zielsetzung der Analyse von den Perspektiven der jetzt Handelnden ab. Sie ist also selbst historisch relativ, an die „public issues“ der Zeit gebunden. Wenn sie besonders gut ist, beeinflusst oder erzeugt sie diese public issues sogar. Sie sollte sich dabei an dem orientieren, was sich als erreichtes oder erkämpftes Niveau der Humanität bezeichnen lässt.
Der pauschale Aktivismus-Verdacht dient dazu, die Analyse zu unterbinden, die eine der wichtigsten Aufgabe von Journalist:innen ist. Er fordert scheinbar Objektivität, soll aber Objektivität verhindern. Deshalb ignoriert er selektiv, nämlich nur bei diesem Thema, dass Journalist:innen immer historische – eben zeithistorische Themen – aus historischen Perspektiven öffentlich thematisieren. Im Fall des ORF, um den es hier geht, schützt dieser Vorwurf nicht nur Strukturen, wie es Nadja Hahn schreibt, sondern auch Machtgruppen.
Nadja Hahn schildert in ihrem Artikel aus der Insiderinnen-Perspektive, wie im ORF verhindert wurde, dass die Klimakrise als das public issue behandelt wird, das sie ist. Ein schwer zu überschätzender Beitrag zur Mediengeschichte.
@Heinz … und erst die jahrelange "Berichterstattung" über Forderungen gewisser Kreise nach Sozialabbau in Form von Lohnnebenkostensenkung …
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