Alison Gopnik über Hume und buddhistische Philosophie

Gestern bin ich durch einen Retweet von Edward Tufte auf einen Artikel der Kognitionspychologin Alison Gopnik aufmerksam geworden: How David Hume Helped Me Solve My Midlife Crisis.

Alison Gopnik erzählt darin zwei Geschichten: Die der Suche nach einem möglichen Einfluss des Buddhismus auf die Philosophie David Humes und die ihrer Erholung von einer schweren persönlichen Krise nach dem Ende ihrer Ehe. Mich hat die Recherche zu Hume noch mehr interessiert als die persönliche Geschichte Gopniks.

Vor ein paar Monaten habe ich in Lévi-Strauss’ Von Montaigne zu Montaigne erfahren, dass die antike Skepsis auch auf Verbindung zu indischen Buddhisten zurückgeht: Pyrrho, der Begründer der Skepsis, lernte Buddhisten als Teilnehmer des Zugs Alexanders nach Indien kennen. Lévi-Strauss schreibt, dass der Kontakt mit einer anderen Kultur den Anstoß dafür gab, die Dogmen des griechischen Denkens in Frage zu stellen. Möglicherweise gab es für die Skepsis des 18. Jahrhundert eine ähnliche Initialzündung: David Hume verbrachte wichtige Jahre im französischen La Flèche in der Nähe eines Jesuitenkonvents. Dort hat er mit einiger Wahrscheinlichkeit von dem Jesuitenpater François Dolu Informationen über den siamesischen und auch den tibetischen Buddhismus erhalten. Dolu war selbst als Mitglied einer französischen Gesandtschaft in Siam, und er hatte Jahre vorher in La Flèche den italienischen Jesuiten Ippolito Desideri getroffen. Desideri seinerseits verbrachte mehrere Jahre in Tibet und beschrieb den tibetischen Buddhismus in einem erst im 20. Jahrhundert gedruckten, immer wieder überarbeiteten Manuskript. Alison Goptik hat die Ergebnisse ihrer Forschungen in Could David Hume Have Known about Buddhism? Charles Francois Dolu, the Royal College of La Flèche, and the Global Jesuit Intellectual Network (pdf) zusammengefasst.

Gopniks bibliographische Detektivgeschichte erinnert mich entfernt an Greenblatts The Swerve. Greenblatts Darstellung der Entdeckung des Manuskripts von De rerum natura ist nicht hypothetisch, während Gopnik nur von einem möglichen direkten Kontakt Humes mit Kennern des Buddhismus spricht. Gopnik und Greenblatt untersuchen die unwahrscheinliche, fast zufällige Fernwirkung von Texten und Ideen, durch die Dogmen, kulturelle Selbstverständlichkeiten radikal und wirksam in Frage gestellt werden. Beide Geschichten sprechen dafür, dass ideengeschichtliche Veränderungen nicht in ein lineares Schema passen, dass zu ihnen die Erfahrung von etwas Fremdem oder nicht Assimiliertem gehört. Gopnik weist in ihrem Aufsatz (wie Levi-Strauss bei seiner Bemerkung zu Pyrrho), dass interkulturelle Verbindungen kein modernes Phänomen sind:

It is easy to think of the Enlightenment and its values as a particular invention of a particular historical period in modern Europe. The fact that some of the central ideas in that tradition had been independently formulated in very different places and times suggests a broader view. Moreover, it is striking and encouraging that people as ideologically and culturally disparate as a Tibetan lama, a fervent Italian priest, a Siamese monk, an urbane French Jesuit and a skeptical Scots Presbyterian could nevertheless succeed in understanding and communicating philosophical ideas.

Ich sehe eine Reihe von Verbindungen zwischen dieser Geschichte und Themen, die mich gerade interessieren: Kreolisierung, Skepsis, Buddhismus, Kritik an linearen Geschichtsbildern und am Eurozentrismus. Je länger ich über sie nachdenke, um so mehr merke ich, wie vielen unserer Denkkonventionen sie widerspricht.

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