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Contentstrategie für degrowth—ein Vorbild: Phineas Harper vergibt den steirischen Architekturpreis 2019

Bei der Verleihung des Architekturpreis des Landes Steiermark 2019 am 4. Dezember habe ich das Wort degrowth zum ersten Mal bei einer offiziellen Veranstaltung in der Steiermark gehört.

In diesem Jahr wurden drei sakrale Gebäude ausgezeichnet. Phineas Harper konnte als Kurator die Preise allein vergeben.

Die Verleihung des ersten Preises an Wolfgang Feyferlik und Susanne Fritzer für für das Projekt Basilika & Geistliches Haus Mariazell begründet Harper so:

Die Basilika ist ein Bau, der die Konventionen der modernen urbanen Praxis herausfordert. In Anbetracht der drohenden Klimakatastrophe, die Planer jeder Couleur zwingt, ihre Einstellung zu Material und Bau zu überdenken, bietet das Projekt ein faszinierendes Beispiel für langsame Architektur — Entwurf und Gestaltung, die sich im Laufe der Zeit schrittweise entfalten. Sollte die Zukunft der Architektur weniger darin bestehen, dass Stararchitekten Städten ihren Stempel aufdrücken, sondern vielmehr darin, Gemeinden und ihre Gebäude kontinuierlich an die sich ändernden Bedürfnisse anzupassen, so ist dieses Projekt ein nachhaltiger Präzedenzfall für die Disziplin.

Bilder des Mariazell-Projekts hat Paul Ott publiziert.

In der Steiermark gibt es nicht viele Indizien für andere wirtschaftliche Trends als die zu noch mehr Wachstum und ökologischer Zerstörung. Auf dieser Veranstaltung habe ich einige wahrgenommen—auch, dass der Landesrat Christopher Drexler deutlich sagte, dass der Klimawandel in den kommenden Jahren die Politik beherrschen wird.


Was Architektur in einer Postwachstumsgesellschaft sein kann, hat Harper gerade bei der Oslo Architecture Triennale unter dem Motto
Enough: The Architecture of Degrowth gezeigt und ausgeprochen. Harper hat knapp und präzise formuliert, was degrowth bedeutet:

Die existentiellste, aufregendste und revolutionärste Herausforderung für die Gesellschaft ist die Neugestaltung unserer Wirtschaft zum Schutz der einzigen Biosphäre, die wir haben.

Die Logik des Wirtschaftswachstums kommodifiziert alles, was ihr begegnet. Museen werden zu Leuchttürmen reduziert, um Investitionen anzuziehen. Universitäten verkaufen Bildung für Profit. Aus Häusern werden Vehikel für Immobilien. Wir sind in ein System schlafgewandelt, das Beziehungen in Dienstleistungen und Gemeingüter in Waren umwandelt.

Degrowth ist eine gezielte Reduzierung des gesamten Energie- und Materialverbrauchs, um die Gesellschaft neu an den planetarischen Grenzen auszurichten und dabei das Leben der Menschen zu verbessern und die Ressourcen gerecht zu verteilen. Es ist ein Wirtschaftsmodell, das anerkennt, dass der Weg zu mehr Wohlstand für alle nicht in mehr Extraktion und Expansion, sondern in mehr Teilen und Zusammenarbeit besteht.[1]

(In: “Our dependency on growth, like on concrete, must be abolished” says Phineas Harper.)


Was fand ich an dieser Veranstaltung und an Harper selbst so faszinierend, dass ich zwei Wochen später noch oft an den Abend denke und immer wieder nach Texten und Vorträgen Harpers gesucht habe? Es ist nicht der Ansatz von Harper—der ist mir vertraut, und ich teile ihn, bis hin zu den Verweisen auf Georges Batailles Begriff der dépense. Es ist die Art, in der Harper diesen Ansatz formuliert, ihn in die Öffentlichkeit bringt—so weit, dass in der konservativen Steiermark degrowth ein offizielles Podium erreicht. In Harpers Texten wird nicht nur anschaulich und attraktiv, was degrowth im Alltag bedeuten kann, er vertritt dieses Konzept auch mit der Kompromisslosigkeit, die ich mir wünsche, und die ich auch bei einem Autor wie Tim Jackson bewundere. Anders gesagt: Er zeigt, dass dieses Thema cool ist.


Ich habe leider keine Bilder oder Videos von der Verleihung gefunden. Wie Harper vorträgt (und seine Hauptthesen), zeigt ein Video wie dieses gut:

More than Enough: Architecture after Growth


[1]:

The most existential, exciting and revolutionary challenge facing society, is to redesign our economy to protect the only biosphere we have.
The architecture of degrowth proposes cities of shared plenty — of nourishing culture and prioritising the production of art.
The logic of economic growth commodifies everything in its path. Museums are reduced to beacons for attracting investment. Universities sell education for profit. Homes become real estate vehicles. We have sleep walked into an system that converts relationships to services and commons to commodities.
Degrowth is a designed reduction of total energy and material use to realign society with planetary limits, while improving people’s lives and distributing resources fairly. It is an economic model that recognises that the route to greater welfare for all is not one of more extraction and expansion, but of more sharing and co-operation. (Übersetzung H.W. mit Hilfe von www.DeepL.com/Translator)

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