Dieter Nuhr und die Schule des 19. Jahrhunderts

Am Wochenende hat mein Twitter-Stream immer wieder einen Clip mit einem Ausschnitt aus einer Sendung von Dieter Nuhr angespült. Darin gibt Nuhr den Schülern, die gegen den Klimawandel streiken, gute Ratschläge: Fleißig lernen, am Fortschritt arbeiten, nicht den Physikunterricht verpassen. Die ökologische Zukunft werde nicht aussehen wie ein Bauernhof des 19. Jahrhunderts.

Ich weiss nicht, wie Nuhr auf die Phantasie des Bauernhofs aus dem vorletzten Jahrhundert kommt. Die Kommunikationsformen, die Leute wie Greta Thunberg und Extinction Rebellion benutzen, passen sicher nicht schlechter ins 21. Jahrhundert als das Seniorenfernsehen, in dem Nuhr seine Ansprache an die Jugend gehalten hat. Vielleicht klebt er selbst so sehr an der Schule des 19. Jahrhunderts, dass er sich außerhalb ihrer Mauern lieber Bauernhöfe vorstellt als global vernetzte Jugendliche, die ökologische Daten interpretieren können.

Mich überrascht, wie viele auch ökologisch interessierte Twitterati diese Stammtischparolen aufgegriffen haben. Nuhr hat offenbar einen Nerv getroffen, eine tief verwurzelte Angst: Uns droht eine Gesellschaft ohne Innovation, ohne fleißige Wissenschaftler und Ingenieure, durch die wir konkurrenzfähig bleiben. Nuhr predigt Innovation, aber er versteht sie wie die selbstzufriedenen Philister des 19. Jahrhunderts: Es geht aufwärts, aber es bleibt alles beim alten. Und das ist gerade nicht innovativ.

Ich vermute, das die Leute, die Nuhrs Auftritt zustimmend verbreiten, eine sehr naive lineare Vorstellung von Innovation habe, so als wären Innovationen nur in eine Richtung möglich und unabhängig von einem sozialen Rahmen. Echte Innovationen verändern aber diesen Rahmen selbst. Der Personal Computer und das Web sind nicht einfach erfunden worden, weil sie technisch möglich wurden, sondern weil man neue Möglichkeiten in den vorhandenen Mitteln und Dingen erkannt hat. Der Erfolg der Firma Apple hängt auch mit der Gegenkultur in den USA der 6oer und 70er Jahren zusammen. Schwer vorstellbar, dass Nuhrs fleißige Schüler eine solche Firma gründen.

Den Klimastreik und die Innovation als Gegensätze zu verstehen, verschafft nicht nur denen ein gutes Gewissen, die die Fakten verdrängen, die zur #fridaysforfuture-Bewegung geführt haben. Es verfehlt auch, was bei Innovationen entscheidend ist, das Neuverständnis des Vorhandenen, das Erkennen anderer Richtungen als der, in der man sich ohnehin schon bewegt. Das ist Ausdruck eines sehr abgestandenen und uninnovativen Technik-Determinismus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.