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Machen wir uns etwas vor? Zum gesunden Menschenverstand in Jonathan Franzens Version

Vor ein paar Tagen habe ich den Essay Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? gelesen, in dem Jonathan Franzen feststellt, dass der Kampf gegen die globale Erhitzung schon verloren sei und man sich stattdessen da engagieren soll, wo man tatsächlich etwas erreichen kann: für Menschen und andere Lebewesen in der eigenen Umgebung.

Franzen schreibt mit einer Haltung, die man auch als gesunden Menschenverstand bezeichnet. In seinem Essay drückt er auf wenigen Seiten so ziemlich alles aus, was mir gegen den Strich geht—sicher auch, weil ich befürchte, dass er Recht hat oder ihm die Zukunft Recht geben wird. Dieser Haltung zu widersprechen und anders zu handeln, als es sich aus dieser Haltung ergibt, ist anstrengend. Franzen will seine Leser darin bestätigen, dass sich diese Anstrengung nicht lohnt.

Es gibt historische Vorbilder für die Haltung Franzens. Zwei jüngere Beispiele sind die Appeasement-Politik gegenüber dem Nationalsozialismus und später, in anderer Form, gegenüber dem Stalinismus und seinen Nachfolgern. Die Vertreter des Appeasement gaben den Kampf gegen den Nationalsozialismus auf, bevor sie ihn begonnen hatten. Die Bevölkerung Englands und Frankreichs jubelte ihnen zu, weil sie stattdessen bewahren wollten, was erreichbar war: das friedliche Leben in den westlichen, demokratischen Ländern. In den 60er, 70er und 80er Jahren hielten große Teile der westlichen Intelligenz den Ostblock-Kommunismus für eine unveränderbare Realität. Ich erinnere mich noch daran, wie Jimmy Carter wegen seines Insistierens auf den Menschenrechten verspottet wurde. Der gesunde Menschenverstand forderte auch damals, sich auf das Erreichbare zu konzentrieren: gute Handelsbeziehungen, Abrüstung und menschliche Erleichterungen.

Dass der gesunde Menschenverstand gegenüber Hitler und dem Ostblock-Kommunismus im Unrecht war, ist kein zwingendes Argument dafür, dass Franzens gesunder Menschenverstand gegenüber der Klimakrise falsch ist. Aber der zweite Weltkrieg und das Ende des Ostblock zeigen, wie trügerisch Selbstverständlichkeiten sein können.

Für Franzen ist klar, dass Aktivismus gegen die Klimakrise chancenlos ist. Für ihn ist selbstverständlich, dass die Bevölkerung in den reichen Ländern und auch in den sogenannten Schwellenländern so weiter leben will und so weiterleben kann, wie sie es gewohnt ist. Für Franzen ist auch klar, dass sich die globale Erhitzung fortsetzen und beschleunigen wird. Für ihn sind die Szenarien des Weltklimarats und anderer Klimaforscher nicht komplexe Konstrukte, denen sich in einem komplizierten Prozess Wahrscheinlichkeiten zuschreiben lassen, und zwar abhängig von verschiedenen Entwicklungswegen der Weltwirtschaft, sondern Beschreibungen der Welt, wie sie ist. Franzen argumentiert nicht mit Risiken und Hypothesen, sondern mit einfachen Aussagen und Prognosen, mit unveränderbaren Tatsachen.

Für Franzen ist auch selbstverständlich, dass der Horizont der eigenen Handlungen der Horizont des eigenen Lebens ist. Die Klimakrise und die globale Erhitzung könne und müsse man so akzeptieren, wie man auch das eigene Ende akzeptiert.

Tatsächlich ist die weitere Entwicklung des Erdsystems nicht determiniert, und wir kennen sie nur in kleinen Teilen. Wir können nur Risiken einschätzen und Handlungsmöglichkeiten bewerten. Franzen nimmt die Haltung eines Zuschauers ein, der die Welt auf eine Katastrophe zulaufen sieht, gegen die man nichts tun kann. Diese Haltung kann aber nicht die Haltung eines Akteurs sein. Alle die handeln, auch wenn sie nur lokal handeln, beeinflussen das Geschehen, und was insgesamt geschieht, ergibt sich aus diesen Handlungen. Nichts zu tun, wie Franzen es als alternativlos darstellt, bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit: an den Entwicklungen mitzuwirken, die die Risiken erhöhen. Man kann den Aktivisten vorwerfen, dass sie Illusionen nachhängen, weil sie nicht beweisen oder garantieren können, dass ihre Handlungen eine Wirkung haben werden. Aber mit demselben Recht kann man auch allen, die meinen nicht zu handeln, vorwerfen dass sie selbst an kollektiven Handlungen teilnehmen, deren Ergebnisse sie noch weniger kontrollieren als die, die sich engagieren. Franzens Artikel, der zu einem Büchlein aufgeblasen schnell ein Bestseller geworden ist, hat sehr wohl eine praktische Wirkung, nämlich die, vielen Menschen zu einem guten Gewissen zu verhelfen, wenn sie sich nicht engagieren.

Fatal an Franzens Argumentation ist, dass er das Spiel da verloren gibt, wo wissenschaftliche Erkenntnisse ergeben, dass noch Einflussmöglichkeiten bestehen. Franzen zeigt das Panorama eines großen Ganzen, wo es konkret darum geht, tipping points zu identifizieren, die das Geschehen in eine andere Richtung lenken können. Dass einen Entwicklung so massiv ist, dass der größte Teil der Menschheit an ihr teilnimmt und auch von ihr bedroht wird, bedeutet nicht, dass es keine Hebelpunkte gibt, die die Entwicklung beeinflussen können. Viele in der Klimabewegung haben den Abbau der fossilen Energieträger als einen solchen Hebelpunkt identifiziert. Wenn es gelingt, die relativ wenigen Unternehmen zu stoppen, die Öl, Gas und Kohle abbauen, besteht noch eine Chance, die Entwicklung zu einer Hothouse Earth aufzuhalten. Mit dieser konkreten Möglichkeit beschäftigt sich Franzen aber nicht, sondern mit allgemeinen Aussagen über die Konsumgewohnheiten und Wachstumswünsche der globalen Bevölkerung.

Die trügerischen Halbwahrheiten des gesunden Menschenverstands, die übergeneralisierten Aussagen der Doxa verdecken konkrete Handlungsmöglichkeiten und im einzelnen recherchierte Erkenntnisse mit Verweisen auf Panoramen des Weltgeschehens. Zu diesen trügerischen Halbwahrheiten gehört auch die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass der Horizont des eigenen Handelns mit den räumlichen und zeitlichen Grenzen des eigenen Lebens zusammenfällt. Aber alle, die heute Kinder oder Enkel haben, nehmen auch eine Perspektive ein, die zeitlich weit über das eigene Leben hinausgeht. Mein Vater ist über 90, und mein erster Enkel gerade anderthalb Jahre. Damit kann ich mir schon von meiner persönlichen Lebenssituation aus eine Spanne von 200 Jahren ziemlich konkret vorstellen. Sicher muss ich, wie Franzen sagt, die Grenzen meines eigenen Lebens akzeptieren, aber da ich in einem sozialen Zusammenhang lebe, gehören zu diesem Leben auch Menschen, die noch im 22. Jahrhundert leben werden, wenn wir globale Katastrophen verhindern. Als Akteur, als kollektiv handelnder Mensch, agiere ich zusammen mit Menschen aus anderen Generationen—nicht aus einem eingebildeten Sendungsbewusstsein heraus, sondern weil ich gerade als begrenztes Individuum anders gar nicht handeln kann.

Ich will Franzen nicht verurteilen. Es gibt viele ethische Argumente für sein Il faut cultiver son jardin. Aber die Selbstverständlichkeiten, mit denen er argumentiert, sind trügerisch. Bei aller Dramatik der Klimakrise bleibt die Geschichte offen, und sie ist gerade deshalb kein Maßstab für die Richtigkeit des eigenen Handelns.

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