Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019
Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser in Graz, 6.7.2019

Am Samstag hat Franz Karl Stanzel in der Buchhandlung Moser über James Joyce in Kakanien 1904 – 1915 gesprochen. Anlass dieses Literaturfrühstücks war das neuerschienene Buch James Joyce in Kakanien, in dem Stanzels Arbeiten zu diesem Thema gesammelt sind.

Stanzel hat nicht aus seinem Buch gelesen, sondern von Joyce und seiner Zeit in Triest erzählt—ohne zu erwarten, dass sein Publikum Joyce kennt. Einige Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßten Stanzel persönlich. Er hat Jahrzehnte Anglistik an der Karl Franzens Universität unterrichtet. Ich habe erst durch die Ankündigung der Veranstaltung entdeckt, dass Stanzel Grazer ist.

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Ich kenne David Abulafias Namen, weil mir Regina vor Jahren seine Biografie des Mittelmeers geschenkt hat. Ich habe in den letzten Wochen öfter an an das Buch gedacht und mir vorgenommen, es zuende zu lesen, wenn wir im Sommer auf Žirje sind. Das Abulafia in Graz liest, habe ich erst ein paar Stunden vor der Veranstaltung gesehen.

David Abulafia mit Dominik Berger und Steffen Schneider im Literaturhaus Graz
David Abulafia mit Dominik Berger (links) und Steffen Schneider (rechts) im Literaturhaus Graz, 16.5.2019

Der Abend begann sehr verhalten, und Abulafia las zuerst wie ein distanzierter Professor. Aber je mehr er zwischen den Leseabschnitten mit Steffen Schneider ins Gespräch kam, und noch mehr, als er auf Fragen der Zuschauer antwortete, hörte man ihm als einem Erzähler zu. Er macht die akademische Geschichtschreibung zum Medium des Erzählens und zeigt die erzählerischen Potenzen des wissenschaftlichen Vorgehens, er illustriert nicht im Nachhinein auf anderem Wege erschlossene, unanschauliche Fakten. Oder vielleicht, umgekehrt: Er macht die Erzählung zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Erschließung, bis dahin, dass er die Geschichte eines ganzen Meeres erzählt. In diese Geschichte verwoben ist die Geschichte seiner Familie. Er selbst sagte, dass ihm diese persönlichem Motive seiner Arbeit erst im Nachhinein bewusst geworden sind. Abulafia stammt aus einer sephardischen Familie, deren Mitglieder im Laufe der Jahrhunderte an vielen Orten des Mittelmeerraums gelebt haben.

Dass Erzählen und Darstellen für Abulafia nicht nachrangig ist, lässt mich jetzt auch seine Bemerkungen zu Fernand Braudel verstehen, dessen Werk zum Mittelmeer einen Intertext von Abulafias Buch bildet. Abulafia hat sich nicht methodisch oder theoretisch von Braudel abgesetzt, sondern gesagt, dass Braudels Mittel für ihn nicht ausreichten, um die Geschichte des Mittelmeers zu erzählen. Braudel, so habe ich es in Erinnerung, hätte das Mittelmeer zu sehr von den Landregionen her verstanden, die es umgeben. Vielleicht zielt auch die andere kritische Bemerkung Abulafias zu Braudel nicht nur auf ein falsches theoretisches Konzept, sondern auf einen Ansatz, der erzählerisch nicht funktioniert: Er habe sich zu wenig mit den Menschen beschäftigt. Für Abulafia selbst stehen die menschlichen Entscheidungen im Mittelpunkt. Menschliche Handlungen wie die Gründung Alexandrias nach einem Traum Alexanders des Großen könnten Folgen über Jahrtausende haben. Durch menschliche Entscheidungen könnten sich Situationen auch sehr schnell verändern, in viel kürzen Zeitspannen, als sie Braudel erfasst habe: Not all change is slow.

In der Diskussion sprach Abulafia vom Mittelmeer als einem open space. In diesem Raum ist nichts fix. Diese Nichtfixiertheit ist ein Leitthema Abulafias. Sie betrifft alle Entitäten, auch die sogenannten Völker. Abulafia schreibt über Schiffe, Menschen und Völker, die sich bewegen. Die Portugiesen, die in der frühen Neuzeit in Italien auftauchen, seien äußerlich konvertierte Juden aus Spanien gewesen, die sich dann in späteren Generationen in Holland angesiedelt und niederländisch gesprochen hätten. Für die mediterranen Städte, die Abulafia—mit Nostalgie—porträtierte, ist charakteristisch, dass in ihnen unterschiedliche Gruppen, wie Griechen, Juden, Armenier zusammenleben, dass sie sich nicht ethnisch verstanden. In Triest habe sich diese Vielfalt etwas besser erhalten als in vielen anderen der berühmten mediterranen Städte. In Smyrna und später in Alexandria habe sie der Nationalismus ausgelöscht.

Something very precious hast been lost and is very difficult to replace.

Ich habe Abulafia in der Diskussion nach den Besonderheiten Dubrovniks gefragt, und er ist sofort auf die multiple Identität dieser Stadt zu sprechen gekommen, auf die drei Sprachen (kroatisch, italienisch, dalmatinisch), die dort früher gesprochen wurden, und auch auf ihre Mittler-Position zwischen dem Meer und den Balkanländern. Zum Thema Abulafia als Erzähler gehört auch, dass das historische Wissen bei ihm persönliches Wissen ist, das er bei den Fragen, die ihm gestellt wurden, sofort abrufen kann, und dass er mit diesem Wissen ein bestimmtes Publikum oder auch einen einzelnen Fragesteller ansprechen und erreichen kann.

In der Diskussion erwähnte Abulafia mehrfach Katalonien und Barcelona, wo man die katalanische Identität nie ethnisch verstanden habe. Er zitierte Artur Mas, der davon geträumt habe, dass die Migranten aus Afrika den Keim einer neuen multikulturellen Gesellschaft in Barcelona bilden würden. Dass Abulafia die Beweglichkeit und Offenheit des Meers der Statik der Territorien gegenüberstellt, motiviert vielleicht auch sein Engagement für den Brexit, für den er als Sprecher der Historians For Britain eintritt.

Nach Kroatien möchte ich mir im Sommer Abulafias Mittelmeer-Buch mitnehmen, und dieses oder ein anderes mal auch einige andere Bücher, die ich an dem Abend im Literaturhaus kennengelernt habe: Abulafias spätere Geschichte der Ozeane The Boundless Sea, The Corrupting Sea von Peregrine Horden und Nicholas Purcell, ein anderes neueres klassisches Werk zu Geschichte des Mittelmeers, In Search of the Phoenicians, in dem Josephine Quinn die Phönizier als eine Fiktion der nationalistischen Geschichtsschreibung bezeichnet, und Texte von Amin Maalouf wie Les Identités meurtrières.

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Josef Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben stellen Ivan Cankar vor. Literaturhaus Graz, 29.4.2019

Von dem Abend im Literaturhaus zu Ivan Cankar möchte ich Cankar selbst in Erinnerung behalten, und auch einige Sätze Josef Winklers, der gestern seine Nacherzählung von Cankars Jernej der Knecht und sein Recht vorlas. Er interessiere sich eigentlich nur für die Sprache von Texten, kaum für die Inhalte, sagte Winkler. Die Sprache sei wie eine Katze oder ein Tiger, die sich elegant vorwärts bewegen, manchmal sei eine klappernde Blechdose an den Schwanz gebunden: der Inhalt. Ich dachte: Wie peinlich wäre es mir, wenn ich Winkler sagen müsste, dass ich an einem Studiengang für Content-Strategie arbeite, und ob es vielleicht erträglich wäre, von Inhaltsstrategie zu sprechen. Wir seien bei vielen Texten auf Übersetzungen angewiesen, sagte Winkler, als ihn eine Zuhörerin aufforderte, Slowenisch zu lernen. Jetzt seien gerade einige große Texte in neuen Übersetzungen erschienen—Romane von Dostojewskij, Tolstoi, Knut Hamsun, Melville. Die Übersetzungen und die Kritiken der Übersetzungen seien ein Anlass, wieder in diesen Büchern zu lesen, und nur diese großen Texte seien es Wert, gelesen zu werden, alles andere seien nur Seifenblasen. Er selbst sei auch nur eine Seifenblase, sagte Winkler, anders als viele Passagen Handkes, an dessen Beschreibung einer Igelfamilie er sich öfter erinnere als an die Igelfamilie, die er selbst vor einigen Jahren in Holland beobachtet habe. Er frage sich, wie ein Mensch überhaupt so schreiben könne.

Fast zwei Stunden lang haben Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben Ivan Cankars (und Josef Winklers) Sprache vorgestellt. Ich habe Cankar vorher nicht einmal dem Namen nach gekannt. Die Abschnitte, die ich gestern gehört habe, erinnern mich im Naturalismus und der Kritik an nationalistischer Provinzialität an Joyce und in der Insistenz und der Frage nach der Gerechtigkeit entfernt an Kafka. Einen Abend, bei dem die Sprache so unaufgeregt und konzentriert in den Mittelpunkt gestellt werden, habe ich auch im Grazer Literaturhaus nicht oft erlebt.

Viele Werke Cankars sind übersetzt im Drava-Verlag erschienen. Köstler und Leben notiere ich mir als Gewährsleute für slowenische Literatur.

Am Dienstag waren Ana und ich im Literaturhaus bei einer Lesung von Daniel Wisser und Philipp Weiss, moderiert von Zita Bereuter. Die Bücher, die Weiss und Wisser vorgestellt haben—Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen und Die Königin der Berge— sind sehr unterschiedlich. Jedes von ihnen hätte einen eigenen Abend verdient. (Ich werde hier Wissers Erzählung über einen MS-Patienten nicht gerecht—das liegt an meinen Interessen, nicht an der Qualität seines Texts. Eine gute Rezension gibt es im Falter.)

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Monika Lichtenfeld, Gerhard Rühm, Paul Pechmann

Gerhard Rühm hat gestern im Kulturzentrum bei den Minoriten gelesen. Für mich war es ein seltsames Wiedersehen. In den 70er Jahren bin ich durch eine Vorlesung von Gerhard Rühm bei den Germanisten in Köln auf die experimentelle deutsche Literatur gestoßen. Einige Passagen gestern waren, wenn ich mich richtig erinnere, wie aus seinem Vortrag damals übernommen. Was mir gestern aufgegangen ist: Die Rolle der Simultaneität bei Rühm, das Erzeugen von Konstellationen.

Auf dem Bild oben: Gerhard Rühm, Monika Lichtenfeld und Paul Pechmann lesen das Minidrama "Zwei Personen wollen guter Laune sein".

Cover des Liber amicorum für Kurt Flecker
Den folgenden Text habe ich für das Liber Amicorum verfasst, das Kurt Flecker am 18. Jänner 2018 als Geschenk zu seinem 70. Geburtstag erhalten hat. Ich freue mich sehr und bin stolz darauf, dass ich an diesem Buch mitschreiben durfte. In unserer düsterer werdenden politischen Situation fehlen Leute mit der Haltung, der Konsequenz und der Intelligenz Fleckers.

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Koki Tanaka-Ausstellung im Kunsthaus Graz
Die Koki Tanaka-Ausstellung im Kunsthaus Graz haben wir bei einem Spaziergang besucht, ohne zu wissen was uns erwartet. Ich kannte vorher nicht einmal den Namen Tanakas. Mir ist vor zwei Wochen in der Ausstellung nicht aufgegangen, worum es bei diesen Objekten und Aktionen gehen könnte. Später setzte sich in meinem Kopf das Wort ephemer fest, auf das ich in der Ausstellung Architecture After the Future im Haus der Architektur gestoßen bin. Es trifft auch die Arbeiten Tanakas.

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